Auf der Friedhofsbank
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Feierabend-Mitglied
Freitag 25.05.2018, 13:28 – geändert Freitag 25.05.2018, 13:42
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Wie das den meisten Siebzigjährigen so geht, muss ich ab und zu zum Friedhof und nach dem Grab meines Mannes sehen. So auch vor Pfingsten. Erst nach den Topfpflanzen sehen, dann zum Gärtner um neue zu kaufen, das nahm ich mir vor auf dem Weg von der Straßenbahn zum Friedhof.
Nachdem ich auf dem Grab dies und das weggezupft hatte, war mir etwas schwindelig und ich freute mich auf eine kleine Rast auf der Bank, die in Sichtweite des Grabes steht. Dort saß auf der Viererbank ein mir un bekannter Herr, rechts und links von ihm lagen Zeitungen. Das hielt ich für nicht problematisch,es waren ja noch drei Sitzplätze frei, rein theoretisch gesehen natürlich. In der Praxis sah es anders aus.
Ich bat den Herrn, ein Zeitungsblatt wegzunehmen, damit ich am Ende der Bank kurz Platz nehmen konnte.
Der Bankbenutzer und Zeitungsleser rückte keinen Millimeter, da er doch für seine Schwester reserviert habe. Das war mir nun wirklich neu, dass man inzwischen auch Sitzplätze auf Friedhöfen reservieren muss oder kann. Meinen Einwand, dass sie doch noch nicht da sei, ließ er nicht gelten. Sie kann jeden Moment kommen.
Jetzt reichte es mir und ich gab zu bedenken, dass er ja zwei Plätze mit seinen Zeitungen besetzt hielt. Die Schwester könne sich ja dann auf diese Plätze setzen, wobei ich natürlich dachte, dass er den Lesestoff ja auch für mich hätte wegnehmen können. Der ältere Herr war unerbittlich und zwang mich, eine Zeitung selbst auf die Seite zu schieben, damit ich Platz nehmen kann.
Während ich da saß, hielt ich rundherum Ausschau nach der fernen Schwester, es war niemand in weitem Umkreis zu sehen. Der alte Mann aber, der auch in über siebzig Jahren nicht gelernt hatte, zu teilen, war nun wirklich ärgerlich, raffte seine Zeitungen und entfernte sich schimpfend.
Nach einer Weile ging ich zum Gärtner, kam etwa eine halbe Stunde später zurück mit den frischen Geranien und steuerte wieder auf das Grab meines Mannes zu. Die Bank war leer, keine Schwester, kein Zeitungsleser. Noch bevor ich fertig war, hörte ich Schritte auf dem Kies. Den langen Weg entlang kam wer? Der Zeitungsleser, der wieder zu seiner Lieblingsbank wollte. Als er mich sah, stellte er sich vor Schreck vor ein verwildertes Grab, das sichtbar schon lange aufgegeben war und auf dessen Grabstein schon eine Ermahnung der Friedhofsverwaltung klebte, dass der Grabstein nicht mehr sicher verankert sei.
Ich musste ohnehin zur Straßenbahn und entfernte mich eilig, denn auf eine neue Bankdiskussion wollte ich mich nicht einlassen. Ein bisschen betrübt war ich aber doch, dass ich in meinem Alter in eine so lächerliche Situation geraten war. Könnten sich ältere Menschen nicht einfach gegenseitig die Situation erleichtern, dachte ich. Es hat doch jeder seine Einschränkungen und braucht ab und zu eine Rast.
Foto: pixabay.com