Brauchtumsfest in Raich
ist sehr interessant, aber wer würde sie gerne zurück haben, „diese gute alte Zeit“, die reine Knochenarbeit war?
Wir haben uns beim 50-jährigen Jubiläum des Brauchtumsfestes hoch droben in Raich, im hintersten Winkel des kleinen Wiesentals, stundenlang aufgehalten und den Handwerkern und Bauern bei der Arbeit zugesehen.
Aber erst gönnten wir uns eine kleine Wanderung bei herrlichem Spätsommerwetter von Ried aus bis zum Festgelände oberhalb von Raich, wobei wir teilweise Fernsicht bis zu den Schweizer Alpen genießen konnten.
Köstlich fanden wir die Jungrinder- und den Jungbullen auf der Weide, die scheinbar Unterhaltung wollten und uns hinter dem Zaun ein Stück weit begleiteten.
So groß und vielfältig wie in diesem Jubiläumsjahr war das Brauchtumsfest noch nie. Auch der Besucherandrang war gewaltig. Erstaunlich war auch, dass so viele junge Helfer und Handwerker zu sehen waren. Die Moderation verschiedener Vorführungen übernahm das letzte verbliebene Gründungsmitglied - im stolzen Alter von 86 Jahren.
Zu essen gab es für jeden etwas, aber der Andrang und die riesen Auswahl an der Kuchentheke war unerschöpflich: Ja, die Landfrauen können halt backen! Bei der separaten Einrichtung für in Öl gebackenen „Rosechiechli“ war die Warteschlange schier unendlich. Mich faszinierte die Herstellung so sehr, dass ich das Fotografieren vergaß.
Die längste Zeit hielten wir uns in der „Feilenhauerei“ auf. Es ist noch die einzige funktionsfähige in ganz Deutschland; Interessierte können hier auch Aufführungen buchen. Um eine perfekte Feile zu erschaffen, wurden drei Berufe benötigt: Der Feilenschmied, der den Rohling herstellte, der Feilenschleifer, der ihn in die gewünschte Form brachte, und der Feilenhauer, der schließlich mit Unter- und Oberhieb die "Zähne" in die Feile schlug.
Am besten gefielen mir die „Alemannischen Bezeichnungen“, aber als ich „Griä chlopfe“ las, war selbst ich als Alemannin ratlos, was dies sein könnte. Barbara hat es einfach ausprobiert: Es bedeutet „Steine klopfen“!
Was ist „Düchelbohren?“ Das Anfertigen einer Wasserleitung aus Baumstämmen, wobei diese mit meterlangen Bohrern, dem „Düchel“, von Hand zu „Wasserrohren“ umgearbeitet wurden.
Sensationell war das Dreschen von Stroh, angetrieben von den „Schwarzwälder Füchsen“, wie die robusten Pferde heißen, oder den urzeitlich riemengetriebenen Maschinen. Auch das rhythmische Dreschen von Hand im Team mit dem „Dreschflegel“ auf der Tenne konnte man sehen.
Mit einem Mühlenstein wurde mit Muskelkraft das Streuobst zerquetscht und dann in einer Obstpresse zu leckerem Apfelsaft ausgepresst. Ich habe den Saft probiert – einfach super!
Das Hobeln von Lichtspänen aus Buchenholz war vonnöten, bevor die einsamen Höfe elektrisches Licht bekamen.
Vorführungen in einer alten Schmiede, beim „Zeine mache“ (Korbflechter), beim Töpfer oder beim „Schdraufingemacher“ (Strohschuhhersteller), auch "Sense dängele" (Sense schärfen) und vieles mehr konnte bewundert und bestaunt werden.
Nach so viel Trubel, Schauen und Bewundern, machten wir uns auf den Rückweg, der diesmal fast nur bergab ging. Wir genossen in vollen Zügen die Aussicht, Natur und die Stille und wie immer natürlich den regen Austausch. Schön war´s und erlebnisreich!
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