Hobbys in der Rente: Vom Sinn des Zeitvertreibs
In einer Reportage über Frührentner fiel kürzlich der Satz: "Endlich habe ich Zeit für den Garten." Ein Satz, der beim ersten Hören harmlos klingt und beim zweiten einen leichten Beigeschmack bekommt, denn er wirft die Frage auf, warum ausgerechnet jetzt, nach Jahrzehnten, in denen für das angeblich Wichtige offenbar kein Platz war, plötzlich Zeit dafür da ist.
Eine junge Erfindung
Ein Teil der Antwort liegt in einer Institution, die, historisch betrachtet, kaum älter ist als 135 Jahre: der Rente. Als Bismarck 1889 die Altersversicherung einführte, ging es ihm nicht um Selbstverwirklichung im Garten, sondern um soziale Befriedung – ein Sicherheitsnetz für Arbeiter, die, wenn sie überhaupt so alt wurden, mit siebzig ohnehin selten mehr viel vom Leben hatten. Dass aus dieser Versicherung einmal eine ganze Lebensphase werden würde, mit eigenem Rhythmus, eigenen Ritualen und, nicht zuletzt, eigenen Ansprüchen an Sinnhaftigkeit, war damals nicht vorgesehen. Der Ruhestand als Zeitraum, in dem einem noch zwanzig oder dreißig Jahre bleiben, um etwas mit sich anzufangen, ist, gemessen an der Menschheitsgeschichte, eine Randnotiz von gestern
Alte Liebe, neuer Anfang?
Was in vielen Ratgebertexten über den Ruhestand als feststehende Wahrheit behauptet wird, nämlich dass man im Alter fast zwangsläufig zu den Leidenschaften der Jugend zurückkehre, zum Werkzeugkasten aus der Lehrzeit, zur Gitarre aus dem Keller, zum Roman, der mit fünfundzwanzig auf Seite vierzig steckenblieb, lässt sich, sucht man nach belastbaren Studien dazu, kaum untermauern. Es mag Menschen geben, bei denen es so verläuft, und andere, die mit siebzig zum ersten Mal in ihrem Leben einen Töpferkurs besuchen, ohne dass eine Vorgeschichte sie dazu drängt. Beide Wege kommen vor, ohne dass der eine, wie es die Ratgeberliteratur gerne suggeriert, der eigentlich natürliche wäre.
Messbares Glück
Interessanter als die Frage, ob ein Hobby alt oder neu ist, ist die, warum es überhaupt zum Wohlbefinden beiträgt – und dazu lässt sich, anders als bei der Sache mit der Wiederbelebung alter Leidenschaften, durchaus etwas Handfestes sagen. Wer regelmäßig etwas mit den Händen oder dem Kopf tut, sei es Musizieren, Töpfern, Malen oder Tanzen, trainiert damit Feinmotorik und Konzentration gleichermaßen, und Studien legen nahe, dass Menschen, die bis ins hohe Alter körperlich wie geistig aktiv bleiben, ihr Demenzrisiko messbar senken.
Eine Untersuchung der Ruhr-Universität Bochum kam sogar zu dem Ergebnis, dass bereits eine Stunde Tanzen pro Woche ausreicht, um Denk- und Merkfähigkeiten sowie das Herz-Kreislauf-System spürbar zu verbessern – ein Befund, der die These stützt, dass es weniger auf die Herkunft eines Hobbys ankommt als auf seine Ausübung.
Noch aufschlussreicher ist eine Studie der Neurowissenschaftlerin Rachel Wu von der University of California, deren Team ältere Erwachsene, die im Schnitt Ende sechzig waren, gleichzeitig drei neue Fertigkeiten erlernen ließ, etwa eine Fremdsprache, Malen und ein Musikinstrument. Das Ergebnis, das selbst die Forschenden überraschte, war nicht bloß ein Erhalt der kognitiven Fähigkeiten, wie ihn die meisten vergleichbaren Untersuchungen zeigen, sondern eine Verbesserung auf ein Niveau, das dem von Studienanfängern entsprach. Der entscheidende Faktor, so vermutet Wu, liegt im gleichzeitigen Lernen mehrerer neuer Dinge in einem ermutigenden Umfeld – nicht darin, ob diese Dinge einem bereits aus der Jugend vertraut sind.
Hinzu kommt ein Effekt, der sich weniger neurowissenschaftlich als schlicht soziologisch erklären lässt: Chor, Tanzkurs oder Vereinstreffen bringen Menschen zusammen, die sich sonst, gerade im Ruhestand, zunehmend isoliert wiederfinden, und sie verleihen einem Tag, dem mit dem Ende der Erwerbsarbeit die äußere Struktur abhandengekommen ist, eine neue.
Freie Zeit oder Freizeit?
Trotzdem lohnt sich ein zweiter, kritischerer Blick auf all das. Wer heute in Rente geht, bekommt umgehend gut gemeinte Ratschläge, wie er die neu gewonnene Zeit "sinnvoll" zu nutzen habe – bleiben Sie aktiv, bleiben Sie geistig fit, am besten mit Ehrenamt und Sprachkurs. Was nach Fürsorge klingt, ist bei genauerem Hinsehen ein alter Bekannter in neuem Gewand: dieselbe Logik, die einst besagte, Müßiggang sei aller Laster Anfang, verlangt heute Aktivität als Ausweis eines gelungenen Alters.
Die Römer sahen das, jedenfalls in der Theorie, anders. Sie kannten mit dem otium ein Ideal arbeitsfreier Zeit, das dem negotium, dem Geschäft, keineswegs unterlegen war, sondern als eigener Wert galt – Zeit, die einem Menschen für Philosophie, Gespräche oder, ganz einfach, für nichts zur Verfügung stand. Cicero verteidigte sein otium cum dignitate, seine Muße mit Würde, ausdrücklich gegen den Vorwurf, er tue damit nichts Nützliches, ein Selbstbewusstsein, von dem im heutigen Aktivitäts-Imperativ, der über jeder Rentenbroschüre zu schweben scheint, wenig übrig geblieben ist.
Kein Nutzen nötig
Was am Ende bleibt, ist eine Erkenntnis, die weniger mit Selbstoptimierung zu tun hat als mit einer Erlaubnis, die sich viele offenbar erst im Alter geben: dass ein Hobby, ob wiederentdeckt oder ganz neu begonnen, glücklich machen kann, weil es Struktur gibt, weil es Erfolgserlebnisse liefert, weil es, in Gesellschaft ausgeübt, gegen Einsamkeit wirkt – und dass es all das leisten kann, ohne dass irgendjemand danach fragen müsste, wozu es eigentlich gut sei.
Kein Schlusswort
Texte wie dieser enden für gewöhnlich mit einem Appell: Fangen Sie endlich an, warten Sie nicht länger. Das ist ein Satz, der vielleicht als Motivationsformel funktionieren mag, aber selten trifft, worum es eigentlich geht. Denn die Frage ist nicht, ob der Einzelne sich zu wenig antreibt, sondern ob eine Gesellschaft, die Aktivität noch immer als Ausweis eines gelungenen Lebens verlangt, der Muße überhaupt erlaubt, das zu sein, was schon Cicero gegen den Vorwurf der Nutzlosigkeit verteidigte: eine Zeit, die keine Rechtfertigung durch Nutzen braucht. Es reicht, wenn sie einem gehört.
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