Das Missverständnis
Nach dem schweren Schlaganfall ihres Mannes war nicht nur sein Leben, sondern auch ihres vollkommen aus den Fugen geraten.
Der Schlag hatte nicht nur seiner Beweglichkeit schwer zugesetzt, sondern auch seinem Geist. Ihr stets eleganter, gutaussehender, kluger, witziger und charmanter Mann war schlagartig in einen Zustand geraten, der ihn daran hinderte, die Dinge des Lebens richtig einordnen zu können. Er litt an Wahnvorstellungen, sah Dinge, die andere nicht sahen und machte den Personen in seiner Nähe das Leben zur Hölle. Er kannte keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht. Sie schlief nur noch in Etappen. Notgedrungen musste sie alles alleine erledigen. Das machte ihn unglücklich und in Ermangelung anderer Personen, denen er die Schuld für seinen desolaten Zustand zuschieben konnte, war sie der Sündenbock für alles, was in seinem Leben nicht mehr funktionierte.
Das Schlimmste für ihn war, dass sie, sein angetrautes Weib, mit seiner EC-Karte Geld von seinem Konto abheben konnte, weil sein Denk- und Handlungsvermögen durch den Schlag so verlangsamt war, dass er den Geld-Automaten nicht mehr bedienen konnte. Die Zahl seiner fehlgeschlagenen Versuche war lang. Die Einsicht, dass an seinem Handicap der Schlaganfall Schuld war, war ihm leider nicht gegeben.
Heute hatte er ihr, in völliger Verkennung seiner eigenen Defizite, das Versprechen abgenommen, dass er ganz alleine und nur er, Geld von seinem Konto abheben würde. Wider besseren Wissens hatte sie ihm zugestimmt, um einen langwierigen, unergiebigen Streit im Vorfeld zu verhindern. Vielleicht ging es ja heute gut.
Es war Samstagnachmittag. Sie parkte ihr Auto vor der Sparkasse und trat mit ihm in die Vorhalle, wo der Geldautomat stand. Schon von außen hatte sie gesehen, dass dort drei etwas abgerissene Jugendliche herumlungerten. Sofort befiel sie der Verdacht, dass es Kriminelle waren, die nur darauf warteten, sie zu berauben und wollte erst gar nicht hineingehen.
Sie machte ihren Mann auf die verdächtigen Gestalten aufmerksam.
„Sollen wir das Geldabheben nicht lieber auf morgen verschieben?“
Aber ihr Mann bestand drauf. Heute oder nie würde er ihr beweisen, dass er noch Herr über sein eigenes Geld war. Umständlich zog er seinen Geldbeutel aus der Hosentasche und fummelte seine EC-Karte heraus.
„Du kennst deine Geheimnummer?“ fragte sie ihn.
„Ja natürlich. Das habe ich doch schon tausende Male gemacht“, meinte er unwirsch.
Das stimmte, aber damals hatte er noch keinen Schlaganfall gehabt. Dann steckte er die Karte in den Schlitz und der Automat verlangte die Geheimzahl. Langsam und umständlich gab er die Zahlenkombination ein, aber so langsam, dass der Automat nach der zweiten Ziffer den Vorgang abbrach und die Karte wieder ausspuckte.
„Was ist denn? Was hast du mit dem Apparat gemacht?“ Vorwurfsvoll sah er sie an.
Sie beschlich eine Vorahnung, dass diese Geschichte nicht gut enden würde.
„Du warst zu langsam! Versuch`s nochmal.“
Auch das zweite Mal klappte nicht. Er war wieder nicht über die zweite Ziffer der Geheimzahl hinausgekommen.
Die drei Jugendlichen beobachteten sie mit Interesse, lachten hämisch und machten sarkastische Bemerkungen.
Ihr Mann beschuldigte sie, den Automaten manipuliert zu haben, damit er nicht an sein Geld käme und gab ihr hässliche Namen.
Beim dritten Versuch griff sie ein. Nachdem er wieder sehr langsam die ersten zwei Zahlen eingegeben hatte und sie fürchtete, dass die Bank nach dem dritten fehlgeschlagenen Versuch die EC-Karte einziehen würde, schob sie ihn etwas unsanft beiseite, gab selbst die noch fehlenden Ziffern der Geheimzahl ein, wählte die gewünschte Geldmenge und drückte auf Ausgabe.
Erbost schrie er sie an, was ihr einfiele. Eine Frechheit sei das. Er könne das sehr wohl selbst machen und gab ihr wenig schmeichelhafte Worte, schlug ihr auf den Arm und beschuldigte sie lautstark des Diebstahls.
Interessiert sahen die drei Jugendlichen zu, wie die angeforderten 300 Euro im Schacht landeten. Blitzschnell nahm sie die Scheine an sich und steckte sie in ihr Portemonnaie. Sie fürchtete, dass die Kerle ihr das Geld aus der Hand reißen und damit verschwinden würden. Da schrie ihr überrumpelter Mann, dass sie ihn bestehle und hörte nicht auf sie zu beschimpfen. Die Jugendlichen kommentierten das Drama mit abfälligen Bemerkungen und verließen die Bank während sie ihren Mann unter seinem lautstarken Protest aus der Sparkasse zog und ins Auto schob.
Als sie selbst einsteigen wollte, fuhr das Auto der Jugendlichen auf sie zu und einer der Typen schrie ihr aus dem geöffneten Fenster zu:
„Hallo Sie, Sie Betrügerin! Wir haben ihr Autokennzeichen notiert und fahren jetzt direkt zur Polizei.“
Erstaunt drehte sie sich um.
“Sie brauchen gar nicht so blöd zu glotzen. Wir werden Sie bei der Polizei anzeigen, dass Sie einem hilflosen armen Mann sein Geld abgepresst haben. Das ist ein Verbrechen und wir werden dafür sorgen, dass Sie dafür bestraft werden.“
Einen Augenblick stand sie stumm und still vor der Wucht der Anklage. Dann musste sie so laut lachen, das sie fast einen Hustenanfall bekam über diese verrückte, verkehrte Welt. Die Kerle hielten sie für eine Diebin, für ein raffgieriges Weib, das einem geistig und körperlich behinderten Mann das Geld aus der Tasche zog, während sie selbst davon überzeugt war, bei den Jugendlichen handele es sich um Kriminelle, die sie berauben wollten. Sie schüttelte den Kopf. Was für ein kolossales Missverständnis. Übrigens, die angedrohte Anzeige der Polizei hat sie nie erhalten.
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