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Die Bälger und der Chorwettbewerb

Meine Mutter war eine begeisterte Sängerin. Wir sechs Kinder sind mit ihren Liedern aufgewachsen, die sie bei ihrer Hausarbeit ständig vor sich hin trällerte. Natürlich war sie Mitglied im Chor des kleinen Dorfes in Nordhessen, in dem wir nach einigen Umwegen nach der Vertreibung Zuflucht gefunden hatten. Die Aufnahme der „Fremden“ in die oberhessische Dorfgemeinschaft war zunächst von Misstrauen auf beiden Seiten geprägt. Aber die offene Art meiner Eltern und ihre Bereitschaft, sich in die Gemeinschaft einzufügen, zeigten Wirkung. Nach und nach wurden wir fester Bestandteil dieses Dorfes.
Heute würde man sagen, wir haben uns gut integriert. Als wir nach 6 Jahren in das, für unsere damaligen Vorstellungen, weit entfernte Darmstadt umzogen, weinten nicht nur wir, sondern das ganze Dorf. So tiefe Wurzeln hatten wir inzwischen dort geschlagen.

Wie gesagt, war meine Mutter eine sehr gute Sängerin. Sie hatte schon in ihrer sudetendeutschen Heimat, in einem etwas größeren Ort, die Hauptrolle in der Operette „Die Winzerliesel“ gesungen und war mit viel Applaus bedacht worden. Auch unser Vater war ein passabler Sänger, noch dazu ein sehr gut aussehender Mann und gern gesehen im meist weiblichen Chor.

Seltsamerweise fanden ihre eigenen Kinder es nicht so gut, wenn ihre Mutter bei hohen Festtagen in der Kirche im Chor mitsang und sich ihre unverkennbare Stimme mühelos über alle anderen erhob und übertönte. Viel zu laut fanden wir und schämten uns insgeheim für sie. Sie sollte nicht lauter als die anderen singen. Uns Kinder war es unangenehm, dass sie so eine kräftige Stimme hatte. Wir kleinen einfältigen Spießer wollten eine Mutter ohne Auffälligkeiten. Sie sollte nicht anders sein als die anderen Mütter.

Mit der Stimme unserer Mutter gewann der Chor an Attraktivität und so ergab sich die Möglichkeit an den Chorwettbewerben der umliegenden Orte teilzunehmen.

Chor in den 1950er Jahren

Schon damals hatten unsere Eltern vier Kinder, eines war noch ein Flaschenkind. Später sollten es sechs werden. Wohin mit den „Bälgern“, wie uns ein bodenständiger Bauer einmal bezeichnete, während die Eltern im Nachbarort am Wettbewerb der Chöre teilnahmen? Sie konnten sie ja schlecht einen ganzen Tag alleine lassen. Außerdem wollten sie nicht, dass die Kinder irgendeiner anderen Familie zur Last fielen.

Damals gab es nur wenige Autos in dem Dorf und die Mitfahrgelegenheiten waren rar. So wurde beschlossen, dass wir Kinder im Anhänger des ansässigen Viehhändlers mitfuhren, in dem er sonst das Vieh transportierte. Als Sitzgelegenheit hatte man eine Bank in den Anhänger reingestellt. Auch der Kinderwagen für den Kleinsten passte noch hinein. Mangels Beleuchtung war es im Anhänger allerdings stockdunkel.
Der Viehhändler, ein vierschrötiger Bauernklotz, meinte zuversichtlich: „Das kriegen wir schon hin.“

Auf der Hinfahrt saßen wir Kinder etwas verzagt in dem dunklen Gefährt, das einen penetranten Gestank nach Kuhdung und anderen tierischen Ausscheidungen von sich gab und wagten keinen Widerspruch. In den Kurven mussten wir uns gegenseitig und auch die Bank und den Kinderwagen festhalten, damit wir nicht auf den Boden geschleudert wurden. Unsere Mutter, immer darauf bedacht, ihre Kinder trotz größter Armut gut aussehen zu lassen, hatte uns für den Anlass entsprechend herausgeputzt. Als wir wohlbehalten das Ziel erreichten, rochen wir etwas streng nach Kuhdung, waren aber ungeheuer erleichtert, aus dem dunklen Anhänger herauszukommen. Das Baby hatte wohlbehalten die Fahrt auf dem Schoß unserer Mutter verbracht.

Dann begann der Wettbewerb und zur größten Überraschung und dank der überragenden Stimme unserer Mutter gewann der Chor aus unserem Dorf den ersten Preis.
Die Freude über den unerwarteten Erfolg war riesig. Es wurde heftig gefeiert. Vor lauter Begeisterung floss das Bier in Strömen. Der Viehhändler konnte vor Stolz über den gewonnenen Preis gar nicht aufhören zu trinken. Jeder Hinweis, dass er die Familie mit ihren vier Kindern noch nach Hause fahren müsse, perlte wirkungslos an ihm ab. Mit wachsender Besorgnis schauten unsere Eltern dem fortschreitenden Besäufnis des Viehhändlers zu. Dazu muss man wissen, dass die damalige Promillegrenze bei 1,5 Promille lag. Unvorstellbar für uns heute!

Dann ging es zur Heimfahrt. Alle machten sich auf den Weg, aber der Viehhändler blieb sitzen und goss sich noch das eine und andere Bier in den Hals. Meine Eltern wurden langsam ungeduldig.
Als er sich schließlich von der Bank erhob, schwankte er unsicher einen Augenblick hin und her und schlug dann mit einem überraschten „Hoppala!“ auf den mit Sägespänen bestreuten Boden. Dort blieb er zunächst liegen. Er war vollkommen betrunken.

„Du glaubst doch nicht, dass ich unsere Kinder diesem Säufer anvertraue. Der kann nicht mehr gerade schauen, geschweige denn fahren“, schrie unsere Mutter ihren Mann an. Unser Vater war genauso verzweifelt, aber was konnte er machen? Die anderen Teilnehmer waren schon lange auf dem Weg nach Hause und vertrauten darauf, dass der Viehhändler uns irgendwie nach Hause bringen würde. Ein Taxi konnten wir uns auf gar keinen Fall leisten.

Das Ende vom Lied war, dass unsere Eltern ihre Kinder samt Kinderwagen an die Hand nahmen und mit ihnen fast drei Stunden über einen rumpeligen Wanderweg durch den dichten Wald marschierten bis sie bei zunehmender Dunkelheit am Rande ihrer Kräfte das Dorf erreichten. Zuletzt hatte sich zu allem Unglück noch ein Rad vom Kinderwagen gelöst. Den letzten Kilometer fuhr er lediglich auf drei Rädern. Das Baby schlief Gottseidank die ganze Zeit im Wagen und die Eltern bemühten sich unermüdlich ihre tapferen Kinder mit Durchhalteparolen bei Laune und am Laufen zu halten.

Völlig außer Kraft und Atem erreichten sie endlich ihre Wohnung. Es gab noch ein schnelles Abendbrot und danach fielen alle völlig erschöpft in die Betten.
Am Nachmittag des nächsten Tages erschien der inzwischen wieder einigermaßen nüchterne Viehhändler völlig zerknirscht bei unseren Eltern und bat für sein unentschuldbares Verhalten in aller Form um Verzeihung.

Über diese Geschichte hat das ganze Dorf gelacht. Wir auch, später.

Autor: Feierabend-Mitglied

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