Der Kuss
Der Kuss
Wer kennt ihn nicht –
diesen Kuss, der bisher alles Dagewesene in den Schatten stellte,
diesen Kuss Rodins!
Den innigen Männerbruderkuss Breschnews,
welcher Honeckers Lippen bequetschte.
Diese Happy-End-Küsse auf Breitwand,
die man ungeduldig erwartete,
bevor der Vorhang fiel.
Küsse, die Leidenschaft verrieten und Abschiede versüßten
sowie unverbrüchliche Zuneigung versprachen.
Jene, die im Verborgenen blühen,
auf einsamen Parkbänken in lauen Mainächten,
in fremden Hotelbetten,
in Hinterhöfen und dunklen Hausfluren.
Den Judaskuss,
dies oberflächliche Schickimicki-Busserl
und das Küsschen zur Nacht für die Kleinen.
Den sehnsüchtigen Gedankenkuss,
den Handkuss – „Habe die Ehre“.
Und Papierküsse, von denen Kafka behauptete,
sie würden auf ihrem Weg
von den Geistern ausgetrunken.
Die Oscar-Verleihungsküsse,
mit denen sich Mund zu Mund
grazile Schönheiten
ihre Verbundenheit versichern.
Ein allerletzter, die Stirn berührender Kuss
für den Dahingeschiedenen.
Der sanfte, die Fontanelle streichelnde Kuss
auf dem Köpfchen eines Neugeborenen.
Der Ehepflichtkuss,
halbherzig die hingereichte Wange streifend.
Der Verehrungskuss
auf den heiligen Ring des Papstes.
Devote Fußküsse
gewisser Kunden für die Domina.
Versöhnungsküsse,
Berechnungsküsse,
Freundschaftsküsse,
Mitleidsküsse,
Friedensküsse,
Siegesküsse
haben einen schalen Beigeschmack
im Gegensatz zu echten Altweiberküssen.
Denn jene sind geprägt
von prickelnder Reife
und dem Glanze des Matriarchats.
Friedrich Hebbel wusste dies längst,
denn er verglich solch Küsse
mit „einem Vulkan des Herzens“.
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