Carolas Traum
Carola, eine Frau um die 60, geschieden, zwei erwachsene Töchter.
Seit sie Werner kennenlernte, damals bei Freunden in lustiger Runde, wohnt in ihr ein glückverzehrendes Verlangen. Die große Liebe der späten Jahre, reifes Wissen begleitet von Trennungsschmerz sowie einer unbändigen Wiedersehensfreude.
Werner ist verheiratet und seine Ehefrau wird er aus verschiedenen Gründen nicht verlassen.
Von Beginn an war er diesbezüglich ehrlich und Carola ist tapfer bemüht, es zu akzeptieren. Sie genießt euphorisch die seltenen Begegnungen, sowie seine zärtliche Leidenschaft.
Mit schier unerschöpflichem Erfindungsgeist versucht sie mehrmals im Jahr intime Möglichkeiten herbeizuführen. Wenn dann ein Termin verspricht Realität zu werden, beginnen ihre Wangen zu glühen wie die eines pubertierenden Mädchens.
Carola ist keine Schönheit im herkömmlichen Sinne. Ihr mit einer ausgeprägten Nasolabiafalte gezeichnetes Antlitz wird jedoch von einer kastanienbraunen Lockenpracht sanft umschmeichelt, lustige Unebenheiten umtanzen ihre blau grauen Augen.
Ab und zu erlaubt sie es sich zu erträumen, Werner gehöre nur ihr allein.
In zärtlichen Momenten, etwa unter einem romantischen Urlaubssternenhimmel, wagt sie schon mal die Frage WÄRE – ES – NICHT -- WUNDERVOLL-- STETS -- SO – GLÜCKLICH -- ZU -- SEIN?
Oder : KANNST-- DU -- DIR -- VORSTELLEN -- JEDEN -- TAG – MIT -- MIR -- ZU -- VERBRINGEN?
Diese Art Unterhaltung stimmt Werner stets ärgerlich, mit hoch gezogener linker Augenbraue sowie tiefer senkrechten Falte mitten auf der Stirn (welche Carola sogleich mit ihren Lippen glätten möchte) erinnert er sie an die Tatsache, dass er nun mal gebunden sei!
„Verdirb unsere kostbare Zeit nicht“ mahnt er und zeigt unverhohlen deutlichen Verdruss.
„Komm mein Schatz, zeig mir wie sehr du mich liebst“, flüstert er danach stets zärtlich samt liebevoller Umarmung.
Nun, Carola ist kein Teenager mehr, und je öfter sie in Werners Armen ruht, je heftiger begehrt sie ihn.
Sie plant bereits erneut einen Liebesurlaub, dieses Mal soll es die herbe Nordsee sein, deren aphrodisierendes Klima wird mit dazu beitragen, manch graue Tage und einsame Nächte für eine Weile zu vergessen.
Übermütig leistet sie sich einen sündhaft teuren Dessous-Spitzentraum, und fiebert dem von mach Heimlichkeiten begleiteten Treffen entgegen.
Die letzte geplante Zusammenkunft sagte er kurzfristig ab, aus „familiären Gründen“. Wiedermal.
Sie verbietet sich jeglichen Zweifel, diesmal wird er ganz sicher die Zeit finden, sie im Foyer des Hotels Seemöwe freudig in die Arme zu schließen.
Während der Busreise zu dem ersehnten Ziel genießt Carola die ausgelassene Stimmung inmitten der Reisegesellschaft, sie prostet übermütig dem dicklichen, freundlichen Herrn zu, welcher den Sitzplatz neben ihr innehatte, mit dem von ihm spendierten, doch leider viel zu warmen Prosecco zu.
Später, im allgemeinen Ankunftsdurcheinander, sucht Carola aufgeregt Werners hochgewachsene Gestalt, ob er sie schon erwartet?
Sie hält Ausschau nach den sich in seinem Nacken kräuselnden dunklen Haaren, den fein geformten Lippen, diesen erotischen Kussmund. Will seine zärtlichen, Augen küssen, und tief wie nie in seine Seele fallen.
Ungeduldig erkundigt sie sich an der Rezeption, ob Herr B. schon auf Zimmer Nr. 37 sei?
Die freundliche Hotelangestellte übergibt ihr wortlos ein kleines Kuvert in dem sich eine Nachricht für Frau Carola v. W. befindet.
Abseits vom Trubel der freudig durcheinander schnatternden Reisegesellschaft öffnet Carola den Brief und liest:
ICH BIN LEIDER VERHINDERT LIEBSTE, DU VERSTEHST, TAUSEND KÜSSE DEIN WERNER.
Die Buchstaben beginnen vor ihren Augen zu tanzen, dann schwimmen sie fort.
Sie verspürt wieder diesen heftigen Schmerz, der stets ihr Herz zu einem winzigen Punkt werden lässt. Mechanisch greift Carola zur Reisetasche und steigt über die mit einem dunkelroten Teppich ausgelegten Treppenstufen in den ersten Stock des Hotels.
In Zimmer 37 schmückt eine mit gelben Rosen bedruckte Tagesdecke ein Doppelbett.
Fremde Möbel fordern sie auf, von ihnen Besitz zu nehmen.
Carola schaut aus dem Meerblickfenster und wischt diese dummen Tränen energisch zum Teufel. „Mein nicht Gekommener, ich werde warten – immer!“ flüstert sie.
In ihrer Handtasche sucht sie nervös nach den winzigen Tröster-Kapseln, diese treuen Begleiter einsamer Stunden. Öffnet den Begrüßungs-Piccolo, füllt das Glas, leert es hastig, schenkt nach, schluckt drei dieser blauen Pillchen und bettet sich auf gelbe Rosen...
Carola? --- Ja? --- Baruch de Spinoza meinte einst:
„Die Begierde ist des Menschen Wesen selbst. Nicht weinen, nicht zürnen, sondern begreifen!“
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