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Die Maske

Als Luca aus dem dunklen schummerigen Licht des Waldes heraus trat, blendete ihn eine tiefstehende Abendsonne. Luca wusste nicht mehr, wie viele Tage und Nächte er sich in diesem Waldgebiet herum getrieben hatte.
Eigentlich war es ihm egal.

Seinen Hunger stillte er mit Beeren und seinen Durst löschte er an Wasserquellen und wenn er auf Wanderer traf, erbettelte er sich ein paar Leckerbissen wie Brot oder einen Apfel und war zufrieden.
Moos war sein Bett und wenn er durch die rauschenden Bäume Sterne und noch das gütige Mondgesicht sehen konnte, schlief er wie ein glückliches Kind, welches den ganzen Tage gespielt hatte, mit den Armen unter dem Kopf oder zusammengekuschelt, die Beine eng an den Körper gezogen, ein.
Nun war der große Wald erstmal zu Ende und er musste wegen der Sonne blinzeln und die Augen zusammenkneifen.
Als er sich an das strahlende Licht gewöhnt hatte, sah er hinter einem vor Gold strotzenden Feld, welches mit nach Honig duftendem Raps bewachsen war, ein kleines Haus.

Er dachte sich, ob man wohl dort bequemer übernachten könnte als auf Moos und vielleicht gab es eine mitleidige Seele und etwas Anständiges zu essen.
Und tatsächlich: als er vor dem wackeligen Holzzaun stand, sah er wie aus dem Kamin Rauch aufstieg und so machte er die knarrende altersschwache Gartentüre auf und ging einen mit bunten Sonnenhüten umrandetem Kiesweg zur Haustür. Es war ein einfaches Haus, gebaut aus Holz und mit Lehm ausgekleidetem Fachwerk.
Nicht armselig, aber auch nicht reich.
„Gerade richtig für mich“ dachte Luca als er an der scheppernden Glocke zog.

Nach kurzer Zeit hörte er schlurfende Schritte eines wohl älteren Menschen. Ohne nachzufragen, wer vor der Tür um Einlass bittet, öffnete sich die Tür und Luca stand vor einer alten Frau, die ihn nur still ansah.
Luca stotterte etwas überrascht, als er um Nachtquartier und um etwas Essen nachfragte. Die alte Frau bat ihn ohne weitere Ansprache mit einer einladenden Handbewegung einzutreten.
„Du kannst mich Lisa nennen“, wobei ihre Stimme kräftig und klar klang, als wäre sie viel jünger und sie reichte ihm ihre runzelige Hand mit festem Druck.
Luca stellt sich vor und betrachtete dabei verstohlen Lisa genauer. Er schätzte sie auf weit über 80 Jahre. Was ihn besonders faszinierte, waren die langen silbrigweißen Haaren und die graublauen lebendigen Augen.
„Sie muss in ihrer Blütezeit eine begehrenswerte Person gewesen sein“, dachte Luca.

„Wenn du dich waschen willst, hinter dem Haus ist ein Brunnen, aber beeile dich, gleich gibt es Essen!“
Lisa deutete dabei auf eine Tür in der kleinen altersgeschwärzten Küche, die wohl nach draußen führte.
Luca war ein Mann, 1,80 und um die Fünfzig herum. Er war hager und braun gebrannt, aber muskulös. Gerade gewachsen. Schwarzhaarig mit braunen neugierigen Augen, die aber eine gewisse Traurigkeit ausdrückten.
Er legte seine Kleider alle ab und wusch sich von oben bis unten mit dem kalten Wasser des Brunnens. Dabei versuchte er sein verwuscheltes Haupthaar und den Bart etwas zu glätten.
Er verspürte Blicke aus dem kleinen, mit blumenverstelltem Küchenfenster heraus, die ihn in seiner Nacktheit beobachteten.
Aus seinem Bündel suchte er frische Unterwäsche und ein sauberes Hemd und zog sich wieder an.
Seine getragenen Sachen wusch er im Brunnen aus und hängte sie zum Trocknen auf eine Leine, die zwischen zwei Bäumen gespannt war.
Dann ging er zurück in die Küche. Dort hatte Lisa den Tisch gedeckt, zwei Suppenteller randvoll mit einer dampfenden Kartoffelsuppe und dazu kerniges Bauernbrot. In den Gläsern perlte ein saurer Apfeltrunk, wohl gepresst aus den Äpfeln hinterm Haus.
Es wurde nicht viel gesprochen und Lisa wollte nicht einmal wissen woher und wohin Luca unterwegs war.

Nach dem schweigsamen Mahle zeigte Lisa Luca seine Schlafstelle unter dem spitzen Dach im oberen Stockwerk.
In der Kammer stand ein einfaches Bett mit weißen Laken, von dem aus man durch ein Dachfenster in den Himmel schauen konnte, wie gemacht zum Träumen.

Pantominenmaske

„Elektrisches Licht gibt es hier nicht“ sagte Lisa und wies auf eine Kerze, die auf einem wackeligen Waschtisch stand und sagte „Gute Nacht und träume was Schönes…
Dabei glänzten ihre blaugrauen Augen eigenartig aus dem Silberhaar umkränzten Gesicht.
Die Nacht war lau und so zog sich Luca ganz aus und legte sich, so wie ihn Gott geschaffen hatte, und wie Adam im Paradies lebte, auf das kühle Laken.
Als der Mond die kleine Stube erleuchtete und die Sterne Luca eine gute Nacht wünschten, sah er über der Tür, seinem Bett gegenüber eine Mädchenmaske, die ihn aus leeren Augenhöhlen ansah.
Aber da machte Luca sich schon keine Gedanken mehr und schloss seine Augen, müde von dem langen Wandertag.
Es mag wohl auf Mitternacht zu gegangen sein, als er plötzlich leichte huschende Hände auf seinem nackten Körper spürte.
Hätte er jetzt zu der Maske hin gesehen, so hätte er auf eine leere Stelle dort über der Tür geblickt.
Aber so hielt er seine Augen fest geschlossen, auch dann noch als er in seinem Gesicht erst einen Hauch verspürte und dann fordernde volle Lippen, die auf seinen Mund gepressten wurden und denen er gerne nachgab.
Seine Hände spürten weibliche Formen. Volle warme Brüste, die sich an ihn drängten und weiche Schenkel. die ihn berührten und umschlangen.
Ihre beiden Körper verschmolzen zu einem und es wurde zum ewigen Ringen zwischen Mann und Frau und Frau und Mann, so wie es schon immer von Anfang an war.

Als Luca am Morgen durch einen frechen Sonnenstrahl geweckt wurde, war alles so wie gestern.
Nur sein Laken war zerwühlt. aber die Maske sah wie gestern teilnahmslos aus ihren leeren Augenhöhlen auf ihn herab.
Luca ging zu dem wackeligen Waschtisch, putzte seine Zähne mit den Fingern und spritzte sich das kalte Wasser aus dem Krug ins Gesicht.
Dann ging er die krumm getretene Treppe runter in die Küche. Lisa war nicht da,hatte ihm aber ein Frühstück hingestellt.
Neben der dampfenden Kaffeetasse lag ein mit zierlicher Frauenhandschrift geschriebener Zettel:
„ Die Maske bedankt sich“
Trotz seinem verzweifeltem Rufen und Suchen im Haus und Garten, Lisa blieb und war verschwunden.
.
Luca verließ das kleine Haus. Er ging traurig durch das goldene Rapsfeld dem Walde zu. Bevor er in dessen Dunkelheit trat, sah er sich noch einmal um. Das kleine Haus war verschwunden.


Traumliebchen

Nachts auf des Traumes Wogen
Kommt in mein Kämmerlein
Traumliebchen eingezogen,
Luftig wie Mondenschein.
Sie ruht auf meinem Kissen,
Sie stört mich auf mit Küssen
Und lullt mich wieder ein.

Glühend um meine Glieder
Flutet ihr dunkles Haar,
Auf meine Augenlider
Neigt sie der Lippen Paar.
»So küß mich, du blöder Schäfer!
Dein bin ich, du süßer Schläfer,
Dein heut und immerdar!«

»Fort, fort aus meinem Stübchen,
Gaukelndes Nachtgesicht!
Ich hab ein eigen Liebchen,
Ein andres küß ich nicht!«
Umsonst, ich blieb gefangen,
Bis auf des Morgens Wangen
Brannte das rosige Licht.

Da ist sie fortgezogen,
Schwindend wie Mondesschein,
Singend auf Traumeswogen
Schelmische Melodein:
»Traum, Traum ist alles Lieben!
Wann bist du treu geblieben?
Wie lang wohl wirst du's sein?«

Theodor Storm

Autor: Fiddigeigei

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