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Jakob, der Wanderer zwischen 2 Welten

Wohin hatte ihn der in einer alten Zimmermannskluft gekleidete Geselle geschickt? Wo wird heute Nacht sein Schlafplatz sein?

Aus Jakobs Wanderungen

Der Schäferkarren

… nur wenige Schritte musste er noch gehen und stand gleich darauf in einem Kirschenhain. Unter den Bäumen, die sich zum Teil noch mit reichlich Blüten schmückten, lagen und standen eine Herde Schafe. Sie begrüßten den Wanderer mit fröhlichem Geblöke und die frischgeborenen Lämmer hüpften und sprangen um ihn herum; und es war eine wahre Freude, ihnen bei ihren ausgelassenen Spielen zuzusehen.
Vergeblich sah sich Jakob nach einem Schäfer um und selbst als er mit seinen hohlen Händen einen Trichter bildete und durch diesen ein lautes Hallo in alle Richtungen rief, meldete sich niemand. Der Hund war wohl der einzige Wächter für die Herde und durch seine Größe abschreckend genug, um ungebetene Gäste wie menschliche Diebe, wildernde Hunde oder gar Wölfe die Lust auf Schaffleisch gründlich abzugewöhnen.

Unter einer besonders schön und üppig gewachsenen Kirsche stand ein Schäferkarren und gleich daneben schlängelte sich ein Bächlein durch die saftige Wiese. Es war ein Platz, der alles vergessen machen konnte, was einem bedrückte. Ein Platz, der zum Träumen einlud, weit ab vom Lärm und Geschrei der Menschheit.

Jakob ließ den Rucksack von den müden Schultern gleiten, zog seine staubigen Schuhe aus und stieg in den Bach. Seine Füße erholten sich im kühlen Wasser schnell. Dann beugte er sich über das klare reine Wasser, wusch sein heißes Gesicht und trank aus den Händen, die er zu einer Schale faltete. Das Wasser schien ihm besser als aller Wein der Erde.
Der Schäferkarren war durch eine niedere Tür verschlossen, ließ sich aber durch ein leichtes Andrücken öffnen. Das Innere bot nicht viel Raum, aber auf einem schmalen Tischchen, welches primitiv an der Wand befestigt war, stand ein Krug, gebrannt aus harter Keramik, ähnlich dem Krug aus dem Glyzinien-Haus gestern. Daneben ein Trinkgefäß ebenso aus dem gleichen Material gefertigt wie der Krug. Auf einem einfach gesägten Brettchen lag ein duftender runder Schafskäse und holzofengebackenes Brot. Es gab kein Besteck und so zog Jakob sein Messer, um Brot und Käse zu teilen und auch der Hund, der ihn begleitet hatte, bekam einen Anteil. Aus dem Krug floss das kühlte Wasser, frisch aus dem Bächlein geschöpft und es fehlte ihm an nichts, um der glücklichste Mensch auf Erden zu sein.

Lange saß er dann noch draußen bei den Schafen, die langsam in den Schlaf versanken, die Lämmer drängten sich an die Mütter und schlummerten gut bewacht friedlich und unbesorgt. Nun packte den Wanderer auch die Müdigkeit. Der Mond und die Sterne spendeten genug Licht, als Jakob es sich in der Karre bequem machte. Das Lager am Boden bestand aus vielen weichen Schaffellen und der Hund legte sich auf seine Füße, knurrte noch einmal und beide schliefen ein.

Es muss um Mitternacht gewesen sein, als Jakob meinte aufzuwachen. Im Mondschein sah er eine schlanke Gestalt mit einem breitrandigen Schäferhut, unter dem blondes langes Haar herausquoll. Sie war altertümlich gekleidet in einem langen braunen Rock, der bis zu den Fesseln reichte und einer weißen Bluse. Die Füße lugten nackt ohne Schuhwerk unter dem Rocksaum hervor.
Jakob schloss die Augen ganz fest zu, da er nicht wusste, ob es sich um einen Menschen oder nur um ein Traumgespinst im Schlafe handele.
Er spürte plötzlich eine so große Wärme um sich, wie er sie schon lange nicht mehr wahrnehmen durfte. Sein Kopf lagerte auf weichen Armen gebettet und er spürte, wie ein duftendes Lippenpaar seine Lippen zart und flüchtig berührten.

Als der Wanderer erwachte, war der Hund verschwunden, das Lager neben ihm leer, aber seine tastende Hand vermochte noch die Wärme eines Körpers spüren. Direkt an der Stelle, wo die Schäferin nach seiner Träumerei – oder war es gar nicht geträumt – gelegen haben müsste, fand er einen runden goldenen Ohrring, genau solch ein Ohrring, wie ihn der Zimmermann trug, der ihm gestern begegnet war.

Autor: Fiddigeigei

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