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Überraschung

Zwei Tage schon gab Frau Sonne Solovorstellungen. An den Schwarzwaldbergen hatten sich dunkle Wolken verfangen, die den finsteren Berggesellen kecke weiße Mützen aus frischem Schnee aufsetzten. Unten im Tal herrschte aber der strahlende goldene Ball und grüne Wiesen lachten die weißen Riesen dort oben ordentlich aus.

Zeichnung Berge im Schnee

Am Samstag verabschiedete sich die tief über den Vogesen stehende Abendsonne mit einem eindrucksvollen, knalligen Feuerwerk. Der Himmel brannte lichterloh, der ganze Westen stand in Flammen. Wie es meine Art ist, sah ich vor dem ins Bett gehen nochmals hoch zum klaren Nachthimmel und Mond und Sterne warfen mir einen Gutenachtkuss herunter.

Morgens, so zwischen fünf und sechs Uhr, beginnt mein innerer Wecker, zu bimmeln und ich schleiche mich indianermäßig und geübt, meine Bettdecke zur Täuschung meiner Nachbarin neben ihr zusammengerollt, aus dem Schlafgemach. Raus aus dem Pyjama und rinn´ in meine Laufklamotten, die ich nach dem Zwiebelprinzip heute in drei Schichten überziehe. Mütze und Taschenlampe geschnappt und die Laufschuhe unterm Arm und auf leisen Socken zur Tür geschlichen.

Eine geschlossene Schneedecke lag vor mir. Weiß und jungfräulich. Eigentlich „Betreten verboten.“ Dazu feines leichtes Rieseln aus Frau Holles flauschigsten Daunendecken. Die Laufstrecke leuchtete selbst ohne Mond und Sterne so stark, dass man weit sehen kann. Am stillen Dorf geht es vorbei und hinein ins freie Feld. Es stäubte und knirschte bei jedem Tritt. Meine Spuren waren nicht die einzigen. Rehe, Hasen, Fuchs hatten bereits ihre Muster hinterlassen.

Der Weg hob sich gut sichtbar ab vom Feldrain. Als die umliegenden Kirchen zum sechs Uhr Läuten anhoben, war ich schon ein ganzes Stück in die weiße stille Welt eingedrungen. Wie in Watte gepackt klangen die Töne an meine Ohren. Mir wurde richtig feierlich zu Mute. Die Berge hinter mir liegen im Dunkeln verborgen. Die Lichter der steil am Berge liegenden, einsamen Bauernhäuser, die sonst der Orientierung dienen, sind nicht auszumachen.

Dann komme ich zum Wendepunkt. Jetzt führt mein Weg bergan. Gerne hätte ich jetzt eine Zwiebelhaut abgelegt. Ich dampfe und pruste wie eine alte Lokomotive, die ich ja in Wirklichkeit bin, denn der Schnee ist eine läuferische Herausforderung. Es wird heller und meine Sicht zu den Bergen hin wird besser. Die Rücken der schwarzen Berge sind in dunkles Wolkengeschiebe und Nebel gehüllt. Keine Sicht. Aber die Weinberge kann ich sehen. Die Rebstöcke gleichen Gräberreihen wie auf den Soldatenfriedhöfen. Kreuz an Kreuz mit einem weißen Leichentuch abgedeckt.

Ein plötzlicher kalter Wind bläst mir die aufgespeicherte Wärme aus dem Körper und lässt die Nase tropfen. In mir regt sich der Wunsch nach angenehmer Wärme und einem starken Kaffee.

Autor: Fiddigeigei

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