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Zwei Egomane an den Hebeln der Macht

Von ehemaliges Mitglied Montag 27.10.2025, 09:48

Donald Trump ist nicht der, für den er sich ausgibt. Zumindest gegenüber Wladimir Putin steht er nicht für jene Härte und Entschlossenheit, mit der er für sich wirbt.

Innen hart, außen weich: Aufmüpfige TV-Moderatoren werden von ihm verspottet, parteipolitischen Gegnern jagt er den Staatsanwalt auf den Hals, aber gegenüber dem Kreml-Herrscher findet Trump immer wieder zu einer weichen, fast väterlichen Haltung.

Trump schmilzt dahin, wenn er Putin trifft oder mit ihm telefoniert oder nur an ihn denkt. Seine Verärgerung – wie nach der Bombardierung eines ukrainischen Kindergartens – hält nie länger als 48 Stunden, bevor er den Aggressor mit neuen Schmeicheleien beschenkt.

Wenn es so weitergeht, werden die Geschichtsbücher einst vernichtend über den 47. Präsidenten der USA urteilen: Er hat tausend Kämpfe gekämpft – nur den einen nicht. Er sah überall Gespenster, nur den Luzifer seiner Zeit hat er nicht als solchen erkannt. Er wollte Frieden und bekam den großen europäischen Krieg.

Denn Putin kann die westliche Unentschlossenheit nur als Ermunterung verstehen. Sein Dank sieht aus wie ein neuer Drohnenschwarm. Oder wie der Marschflugkörper Sturmvogel (russisch: Burewestnik), den Putin gestern als „unbesiegbare Waffe“ der Öffentlichkeit vorstellte. Der Lenkkörper fliegt mit einem kleinen Nuklearreaktor, kann tagelang in der Luft bleiben und seinen Atomsprengkopf an entlegensten Orten detonieren lassen.

Historiker sagen: "Wir erleben ein russisches „Spiel“ mit der Atomwaffe“

Womit wir bei Neville Chamberlain wären. Der britische Premier der frühen Hitler-Jahre (1937–1940) und Donald Trump – zwei Männer, getrennt durch ein Jahrhundert – sind verbunden durch ihren Glauben an die Kraft des persönlichen Deals und vereint im Irrtum, dass Nachgiebigkeit als Ausdruck von Souveränität wahrgenommen werden könnte.

Vergleichen heißt nicht gleichsetzen. Die Unterschiede zwischen Hitler und Putin, Trump und Chamberlain sind für jedermann sichtbar. Aber sind es die Gemeinsamkeiten auch?
Chamberlain war hochgebildet, zur Empathie begabt und stand politisch für einen Frieden durch Diplomatie. Als 56-Jähriger hatte er miterlebt, wie sein Halbbruder Austen Chamberlain im Jahr 1925 den Friedensnobelpreis bekam. Das war sein Vorbild.

Er besuchte Hitler auf dem Berghof in Berchtesgaden, im Hotel Dreesen in Bad Godesberg und schließlich traf er ihn in München. Als Chamberlain am 30. September 1938 den Vertrag unterschrieb, der Hitler die Sudetengebiete (an der deutschen Ostgrenze zur Tschechoslowakei gelegen) mit ihren damals 3,2 Millionen Einwohnern zusprach, glaubte er, Geschichte geschrieben zu haben.

„Peace for our time“, verkündete er triumphierend bei seiner Rückkehr nach London. Großbritannien stand – wenn man von dem kaltgestellten Grummler Churchill absah – nahezu geschlossen hinter ihm.

Trump betont ebenfalls seine Fähigkeit, durch persönliche Beziehungen („I get along very well with Putin“) geopolitische Spannungen zu lösen. Deshalb drängt er die Ukraine zum Verzicht auf territoriale Ansprüche. Er hofft auf Frieden durch Beschwichtigung. Sein Sudetenland heißt Ostukraine.

Chamberlain glaubte an die Vernunft Hitlers, Trump an die Berechenbarkeit Putins. Der Brite sah Hitler primär als Machtpolitiker mit territorialen Forderungen, nicht als rassistisch motivierten Expansionisten mit Welteroberungsfantasie.

Auch Trump betrachtet Putin vor allem als Führer mit legitimen Sicherheitsinteressen, nicht als Imperialisten, der die Neuordnung Europas anstrebt. „Everything is negotiable“, schrieb er in „The Art of the Deal“. Er versteht Außenpolitik als Transaktion, nicht als Konfrontation. In Alaska sagt er: „A deal can be made if there’s respect“.

Chamberlain kehrte am 30. September 1938 von München nach London zurück und wurde von seiner Partei und weiten Teilen der Öffentlichkeit gefeiert. Elf Monate später war sein Land im Krieg mit Deutschland.

Großbritannien war gänzlich unvorbereitet. Ein Land ohne angemessene Luftverteidigung, fast ohne Landstreitkräfte und mit einer antiquierten Seestreitkraft, aber mit einem Krieger Churchill. Noch am Tag des Kriegsbeginns berief Chamberlain ihn als Leiter der Admiralität in sein Kabinett.

Trump inszeniert seine Treffen und Telefonate mit Putin ebenfalls als diplomatische Triumphe, die seine außenpolitische Überlegenheit beweisen sollten. Nur wirkt seine Redensart, er habe acht Kriege beendet, angesichts der nächtlichen Bombardements in der Ukraine und den ständigen Luftraumverletzungen über Nato-Gebieten, zunehmend realitätsfern und autosuggestiv.

Sein Vorteil: Einen bellizistischen Gegenspieler besitzt er zu Hause nicht. Kein amerikanischer Churchill weit und breit. Die Linke hat kein Herz für Selenskyj und die angegriffene Ukraine. Sie arbeitet sich an Trump ab („No Kings“) und solidarisiert sich mit den Palästinensern.

Fazit: Chamberlains Irrtum führte zum Weltkrieg. Wohin Trumps Schmeichel-Politik führt, werden wir bald erfahren. Vieles ist im Europa dieser Tage denkbar, der schnelle Friede nicht ...

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