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Die Rückkehr der Regenbogenschlange

Von Feierabend-Mitglied 27.04.2025, 02:41 – geändert 27.04.2025, 02:44


Meine Nichte Alena saß am Lagerfeuer mit Maya und Kirra, zwei älteren Aborigine Frauen mit tiefen Falten im Gesicht und Augen, die viel gesehen hatten. Die Flammen warfen ein warmes Licht auf sie, als sie begannen, Alena von den Aborigine-Frauen und der Traumzeit zu erzählen.

„Weißt du, Alena“, begann Maya leise, „in den alten Zeiten hatten Frauen bei den Aborigines eine sehr wichtige Rolle. Sie kannten das Land, seine Pflanzen und seine Tiere besser als fast jeder andere. Sie wussten, welche Beeren man essen konnte, welche Wurzeln heilten, und welche Wege durch den Busch sicher waren. Dieses Wissen war heilig. Es wurde von Mutter zu Tochter weitergegeben, von Generation zu Generation.“

Kirra nickte und lächelte Alena an. „Frauen waren nicht nur Sammlerinnen. Sie hatten auch ihr eigenes geheimes Wissen, eigene Lieder, eigene Zeremonien. Manche Geschichten aus der Traumzeit durften nur Frauen hören. Und je älter eine Frau wurde, desto mehr Respekt erhielt sie. Die Ältesten trafen wichtige Entscheidungen über das Leben der Gemeinschaft, über Ehen, über Streitigkeiten.“

Alena hörte gespannt zu. Ihre Augen waren groß und neugierig.

„Aber dann kamen die Europäer“, fuhr Maya fort. Ihre Stimme wurde ernster. „Sie haben nicht verstanden, wie wichtig die Frauen waren. Sie haben vieles zerstört. Die Rechte der Frauen wurden einfach übergangen. Viel altes Wissen ging verloren, und die Menschen litten darunter.“

Kirra legte einen kleinen Zweig ins Feuer, der knackend verbrannte. „Weißt du, Alena“, sagte sie leise, „die Traumzeit war das Herz unseres Lebens. In ihr erzählen wir, wie alles entstanden ist – die Flüsse, die Berge, die Tiere und wir selbst. Die Ahnenwesen formten das Land mit ihren Liedern, ihren Tänzen und ihren Reisen. Jeder Ort, jeder Stein, jede Quelle war Teil einer großen, lebendigen Geschichte. Wir gehörten zu diesem Land, so wie es zu uns gehörte.“

Maya fuhr fort: „Als die Europäer kamen, haben sie diese heiligen Orte nicht verstanden. Sie sahen nur Land, das sie besitzen konnten. Sie schnitten durch die alten Wege, bauten Straßen und Städte auf Orten, an denen unsere Ahnen schliefen. Viele Traumzeitstätten wurden zerstört, und mit ihnen verschwanden die Lieder und die Erinnerungen. Wo einst Geschichten lebten, blieb nur noch Stille.“

Kirra schaute traurig in die Flammen. „Sie nahmen nicht nur das Land, sie nahmen auch die Kinder. Sie verboten unsere Sprachen, unsere Tänze, unsere Zeremonien. Ganze Generationen wuchsen auf, ohne zu wissen, wer sie wirklich waren. Viele verloren den Weg zurück zu den alten Geschichten.“

Eine Weile sagte niemand etwas. Nur das Feuer knackte und rauschte leise. Dann hob Maya den Blick und lächelte. „Aber nicht alles ging verloren, Alena. Manche Geschichten schlummerten tief in den Herzen der Menschen. Manche Lieder wurden heimlich weitergegeben. Heute kehren viele zu den alten Wegen zurück. Sie lernen wieder die Sprachen ihrer Großmütter, sie tanzen wieder zu den Liedern der Ahnen, sie heilen langsam die Wunden.“

Kirra legte sanft eine Hand auf Alenas Schulter. „Und auch du, kleine Schwester, bist jetzt Teil dieser Erinnerung. Indem du zuhörst, wächst die Traumzeit in dir weiter.“

Eine Weile saßen sie still da. Dann nahm Kirra einen langen Stock und zeichnete mit ruhiger Hand Linien in den Sand. „Möchtest du eine Geschichte hören, Alena?“ fragte sie leise. Alena nickte schnell.

„Es war in der Zeit, als die Welt noch jung war“, begann Maya. Ihre Stimme wurde weich wie der Abendwind. „Damals wanderte die Regenbogenschlange über das Land. Sie war mächtig und freundlich, aber auch streng. Wo immer sie sich wand, entstanden Flüsse, Wasserlöcher und Täler. Aus ihrem Atem wuchs das Gras, und aus ihrem Körper erhoben sich Berge. Sie gab den Menschen das Wasser, damit sie leben konnten, und sie lehrte sie, das Land zu respektieren.“

Kirra fuhr fort: „Die Menschen wussten, dass sie der Regenbogenschlange danken mussten. Sie sangen Lieder für sie, sie pflegten die Wasserstellen, und sie achteten darauf, das Land nicht zu verletzen. Doch eines Tages vergaßen die Menschen. Sie jagten zu viele Tiere, sie verschmutzten das Wasser, sie hörten auf zu singen. Da zog sich die Regenbogenschlange zurück. Sie vergrub sich tief unter der Erde, und die Wasserstellen begannen auszutrocknen. Die Menschen litten Durst und Hunger, und sie begriffen, dass sie ihren Platz vergessen hatten.“

Maya schaute Alena an. Ihre Augen funkelten im Feuerschein. „Aber es war nicht zu spät. Die Ältesten erinnerten sich an die alten Lieder. Sie versammelten die Menschen, sie sangen, sie tanzten, sie baten um Verzeihung. Und eines Morgens, als der Nebel über dem Land schwebte, kroch die Regenbogenschlange wieder hervor. Die Wasserstellen füllten sich, das Gras wurde grün, und das Leben kehrte zurück.“

Kirra lächelte. „Seitdem wissen wir: Das Land hört uns. Es lebt. Und wir sind nur ein Teil davon. Nicht seine Besitzer.“

Alena lauschte gebannt, als wäre sie in eine andere Welt gezogen worden. In dieser Nacht spürte sie das Land unter sich atmen, und sie wusste, dass die Geschichten weiterleben würden – in ihr und durch sie.

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