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An den Domherrn v. Rochow

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 12.09.2023, 09:35

Anna Louisa Karsch 1722 - 1791


Meine Jugend war gedrückt von Sorgen,
seufzend sang an manchem Sommermorgen
meine Einfalt ihr gestammelt Lied.
Nicht dem Jüngling töneten Gesänge,
nein, dem Gott, der auf der Menschen Menge
wie auf Ameishaufen niedersieht!

Ohne Neigung, die ich oft beschreibe,
ohne Zärtlichkeit ward ich zum Weibe,
ward zur Mutter, wie im wilden Krieg
unverliebt ein Mädchen werden müsste,
die ein Krieger halb gezwungen küsste,
der die Mauer einer Stadt erstieg.

Was wir heftig lange wünschen müssen
und was wir nicht zu erhalten wissen,
drückt sich tiefer unserm Herzen ein;
Rebensaft verschwendet der Gesunde
doch erquickend schmeckt des Kranken Munde
auch im Traum der ungetrunk’ne Wein.

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