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Die Klage der Weltweisen - R. Merkle

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 08.08.2023, 08:50

Du, Weisheit, hast mich angelockt mit dem Sirenengesang,
daß es wie höhere Musik in meinen Ohren klang:
    „Komm an meine Quelle,
    sie fließt klar und helle,
    sie ist würzig, süß,
    trinke und genieß!“
O, ich zauderte auch keinen Augenblick,
denn bei dir nur suchte ich das Glück!

„Komm“, sprachst du, „mit mir in meine Hallen,
denn bei mir wird es dir wohl gefallen!
    In dem engen Banne
    lebst du doch im Wahne.
    Ich allein mach frei,
    zeig, was Wahrheit sei!“
Ach, ich suchte Wahrheit, suchte Licht.
Doch was glücklich macht, fand ich bei dir nicht.

Zwar du zeigtest mir des Lebens Sein und Ende.
Ach, wie anders war’s, als wie ich bisher wähnte!
    Alle hohen Träume
    sind nur hohle Schäume,
    sie bestehen nicht
    in der Weisheit Licht!
Meine Ideale, an die ich je geglaubt,
hast du, Weisheitsgöttin, alle mir geraubt!

In den Tiefen, in den Höhen, zeigst du nackte Glieder.
Gib, ach gib, o Weisheit, mir die Glaubensträume wieder!
    Zwischen Kopf und Herzen
    gibt’s nur Streit und Schmerzen!
    O, ich armer Tor,
    ärmer als zuvor!
Nimm mir alles wieder, du bringst mir kein Glück,
gib dafür mein Herz, mein kindlich Herz zurück!

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