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Erlebnis eines Wanderers

Von Fiddigeigei Mittwoch 31.01.2024, 11:01

In der Kammer stand ein einfaches Bett mit weißen Laken, von dem aus man durch ein Dachfenster in den Himmel schauen konnte , wie gemacht zum Träumen.
„Elektrisches Licht gibt es hier nicht“ sagte Lisa und wies auf eine Kerze , die auf einem wackeligen Waschtisch stand und sagte „Gute Nacht und träume was Schönes .„
Dabei glänzten ihre blaugrauen Augen eigenartig aus dem Silberhaar umkränzten Gesicht.
Die Nacht war lau und so zog sich Luca ganz aus und legte sich, so wie ihn Gott geschaffen hatte und wie Adam im Paradies lebte, auf das kühle Laken.
Als der Mond die kleine Stube erleuchtete und die Sterne Luca eine Gute Nacht wünschten, sah er über der Tür, seinem Bett gegenüber eine Mädchenmaske , die ihn aus leeren Augenhöhlen ansahen.
Aber da machte Luca sich schon keine Gedanken mehr und schloss seine Augen, müde von dem langen Wandertag.
Es mag wohl auf Mitternacht zu gegangen sein, als er plötzlich leichte huschende Hände auf seinem nackten Körper spürte.
Hätte er jetzt zu der Maske hin gesehen, so hätte er auf eine leere Stelle dort über der Tür geblickt.
Aber so hielt er seine Augen fest geschlossen, auch dann noch wie er in seinem Gesicht erst einen Hauch verspürte und dann fordernde volle Lippen, die auf seinen Mund gepressten wurden und denen er gerne nachgab.
Seine Hände spürten weibliche Formen. Volle warme Brüste die sich an ihn drängten und weiche Schenkel die ihn berührten und umschlangen.
Ihre beiden Körper verschmolzen zu einem und es wurde zum ewigen Ringen zwischen Mann und Frau und Frau und Mann, so wie es schon immer von Anfang an war.
Als Luca am Morgen durch einen frechen Sonnenstrahl geweckt wurde , war alles so wie gestern.
Nur sein Laken war zerwühlt aber die Maske sah wie gestern teilnahmslos aus ihren leeren Augenhöhlen auf ihn herab.
Luca ging zu dem wackeligen Waschtisch, putzte seine Zähne mit den Fingern und spritzte sich das kalte Wasser aus dem Krug ins Gesicht.
Dann ging er die krumm getretene Treppe runter in die Küche. Lisa war nicht da ,hatte ihm aber ein Frühstück hingestellt.
Neben der dampfenden Kaffeetasse lag ein mit zierlicher Frauenhandschrift geschriebener Zettel:
„ Die Maske bedankt sich“
Trotz seinem verzweifeltem Rufen und Suchen im Haus und Garten, Lisa blieb und war verschwunden.
.
Luca verließ das kleine Haus. Er ging traurig durch das goldene Rapsfeld dem Walde zu. Bevor in dessen Dunkelheit trat, sah er sich noch einmal um. Das kleine Haus war verschwunden.

Traumliebchen

Nachts auf des Traumes Wogen
Kommt in mein Kämmerlein
Traumliebchen eingezogen,
Luftig wie Mondenschein.
Sie ruht auf meinem Kissen,
Sie stört mich auf mit Küssen
Und lullt mich wieder ein.

Glühend um meine Glieder
Flutet ihr dunkles Haar,
Auf meine Augenlider
Neigt sie der Lippen Paar.
»So küß mich, du blöder Schäfer!
Dein bin ich, du süßer Schläfer,
Dein heut und immerdar!«

»Fort, fort aus meinem Stübchen,
Gaukelndes Nachtgesicht!
Ich hab ein eigen Liebchen,
Ein andres küß ich nicht!«
Umsonst, ich blieb gefangen,
Bis auf des Morgens Wangen
Brannte das rosige Licht.

Da ist sie fortgezogen,
Schwindend wie Mondesschein,
Singend auf Traumeswogen
Schelmische Melodein:
»Traum, Traum ist alles Lieben!
Wann bist du treu geblieben?
Wie lang wohl wirst du's sein?«

Theodor Storm

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