Zauberhafte Tessa (Teil 1 Vorgeschichte)
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Feierabend-Mitglied
Samstag 02.04.2022, 17:46
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Zauberhafte Tessa (Teil 1)
„Jetzt ist Schluß; ich muss hier raus …“, dachte Tessa nach einem Jahr der Trauer um ihren Mann, der plötzlich vor der Haustür mitten an einem ersten sonnigen Frühlingstag einem Herzinfarkt erlegen war. Tessa hatte sich erst langsam den Gedanken zueigen gemacht, von nun an allein in diesem großen modernen Haus zu leben. Dort vegetieren wollte sie auf keinen Fall. Sie war schon vor den Tod von John allein, der als erfolgreicher Geschäftsmann durch die Welt jettete. Nun war ihre Einsamkeit quasi amtlich. Und damit wollte sie sich keineswegs für den Rest ihres Lebens abfinden.
In der Garage stand noch immer Johns Mercedes-Maybach-Ungetüm der S-Klasse, den er sich ein halbes Jahr vor seinem Ableben – wie er sagte – „gegönnt“ hatte. Sie hätte ihn längst verkaufen sollen. Ihr kleiner roter Sportflitzer genügte ihr. Jetzt aber kam ihr der Maybach gerade recht. Er hatte auch reichlich Platz für Gepäck. Den Chauffeur dazu hatte sie allerdings freigesetzt. Sie würde ihn selbst fahren müssen und konnte es auch mit ihren zarten 60 Jahren und 40 Jahren Fahrerfahrung. Sie müsste sich nur einen Nachmittag einfahren und mit den Cockpitgleichen Instrumenten vertraut werden.
Sie wollte ans Meer. Tessas Seelenlandschaft. An die Ostsee in diesen Frühlingstagen. Strandspaziergänger und Meeresbrise um die Nase und Wellness, Wein und eine gute Küche, was anderes sehen und andere Gedanken, vielleicht Inspiration, einfach offen und gespannt sein und nichts müssen, nicht trauern, nicht lächeln, nicht sprechen, nichts denken, einfach nur da-sein und schauen, was kommt, wenn überhaupt etwas kommt … Sie fühlte sich in allen Dingen etwas eingerostet, wie abgesondert vom Leben.
Zeit, etwas zu ändern. Sie packte – einen großen Koffer, einen Kleinen für greifbare Bedürfnisse. George, ihr Bediensteter, würde alles im Ungetüm unterbringen und während ihrer Abwesenheit Haus und Garten hüten, zuverlässig – wie während der letzten Jahre schon. Eine Sorge weniger. Nicht einmal ein Hund oder einen Hamster waren zu betreuen, nur Tappsi, die Hauskatze. Aber die war ohnehin ein freies Vieh, beneidenswert!
An Wangels Steilküste und Weissenhäuser Strand fand sich leicht ein wundervolles Hotel mit einem Zwei-Sterne-Restaurant und allem erdenklichen Luxus. Und schon war eine Suite gebucht, nicht zu groß, nicht zu klein. Wellnessbereiche und Fitnessstudio im Haus inklusive und eine Lindenallee mit weitläufigen Parkanlage. Das Richtige für einen Frühling an der Ostsee. Am frühen Morgen fuhr Tessa mit dem Ungetüm los. Und der schnurrte als hätte er Frühlingsgefühle. Sie saß darin und fuhr wie in einem großen Wohnzimmer auf Rädern; Irisch Folk erklang satt im Innenraum. Es tat gut auf dem Weg zu sein, der Freiheit entgegen – wenn auch nur an die Ostsee. So etwas wie ein Gefühl von Spaß und Lust stellte sich ein, seit Langem wieder und etwas Neugierde. Etwas hinter sich lassen – und zwar in Shirt und Jogginghose.
(c)thomasBernhard2022