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Zauberhafte Tessa (Teil 2 Fortsetzung)

Von Feierabend-Mitglied 03.04.2022, 17:35

Teil 2 (Fortsetzung)


Am frühen Abend fuhr sie Hamburg hinter sich lassend standesgemäß vor dem klassistischen Hotelgebäude vor. Nicht gerade standesgemäß in Jogginghose, stieg sie aus dem Wagen, dessen Schlüssel sie dem Portier am Eingang in die Hand drückte und schon öffnete sich der Kofferraum des Ungetüms und kräftige Hände entnahmen das Gepäck. Tessa betrat die Lobby und checke sogleich ohne Verzögerung ein. Die goldene Mastercard und der Personalabgleich sorgte für die integere Richtigstellung ihres ungewöhnlichen Aufzugs. Ansonsten befanden sich nur bestgekleidete Menschen im geschmackvollen Ambiente des Hauses. Tessa war angekommen, ihr Gepäck in 5 Minuten auf ihrem ebenso geräumig großen Zimmer, dominiert von einem riesigen Bett und einem offenen Kamin, in dem das Feuer prasselte. Sie war müde. Sie würde erst einmal 2 Tage schlafen und lesen und dazwischen sich die Mahlzeiten und Getränke auf das Zimmer bringen lassen und dann weitersehen. Sie blickte durch das Panoramafenster über den Park, und sah das letzte Sonnenlicht auf die Wasser der Ostsee fallen, während sie sich auszog und nackt unter die Bettdecke glitt. Sie spürte die Kühle der Seidenbettwäsche und fiel in einen traumlosen Schlaf.

Am späten Vormittags des nächsten Tages wachte sie auf. Es dauerte ein wenig, bis sie realisierte, wo sie war, wer sie war und warum sie in diesem fremden 2 x 2 m Bett lag; allein … wie meistens in den letzten drei Jahren, wenn John in Südostasien geschäftlich unterwegs war, meist in der Begleitung seiner chinesischen jungen Geliebten, die ihm vom chinesischen Handelsministerium als „Anstandsdame“ zur Seite gestellt wurde. Tessa hatte versehentlich ein Foto auf’s John´s Handy entdeckt, dass er auf dem Esstisch liegenließ. Sie fragte ihn nicht danach, sie lebten ohnehin inzwischen verschiedene Leben …
Sie schaute sich um in diesem Hotelzimmer, passend eingerichtet, nicht überladen, nicht minimalistisch leer, nicht vollgestopft mit allerhand Schickschnack, wie es öfters vorkam in Gebäuden des klassistischen 19. Jahrhunderts. Tessa hatte einen Blick dafür. Sie wanderte nackt ins Bad zur Toilette, ein großzügiges Bad mit Regendusche, einer Phillip-Stark-Badewanne, zwei Waschbecken, und Spiegel über die ganze Wand, in dem sie sich betrachten konnte. Sie sah sich als eine Frau, die die Allermeisten als attraktive blonde Lady, besonders Männer zwischen 30 und scheintod beurteilen würden, besonders jetzt im Evakostüm, 60 Jahre mit ein paar Falten, aber immer noch ein wenig mädchenhaft. Trotzdem sie sich im letzten Jahr etwas vernachlässigt und durch das Trostbombardement mit Käsekuchen und Zimtschnecken von Seiten allerlei Freundinnen 4 – 5 Kilo zugenommen hatte. Ihr standen im Gegensatz zu ihren Freundinnen die zusätzlichen Rundungen gut.
Sie erledigte die Toilette und duschte. Dann wanderte sie - noch immer nackt -vor das Panoramafenster, unbekümmert, ob man sie dort erspähen konnte und sah in den schönen Frühlingstag über den Park voller bunten Tulpen auf die gleichmütige Ostsee hinaus, die sich im Einklang mit dieser Stück Küste befand.
Tessa verspürte Hunger. Sie hatte wohl einen ganzen Tag wenig bis nichts gegessen. Und erst jetzt bestellte sie ein Frühstück mit Kaffee, Orangensaft, Rührei, Toast , Butter und Schinken, genug um weiter über den Tag nach zu denken und sich einen dünnen Morgenmantel überzuwerfen. Sie beschloss, es sich heute gut gehen zu lassen und nach der Mahlzeit am Strand zu laufen.

Die Seeluft tat gut. Tessa hatte ausgiebig und mit Muse gefrühstückt, sich in Lauflegens, Laufschuhe und eine flauschig Sweatjacke geworfen mit dem Aufdruck „University of Hamburg“, wo sie vor 30 Jahren ihr Diplom in Finanzwirtschaft erworben hatte, ein Erinnerungsstück, eigentlich 5 Stücke im Kleiderraum, und schritt durch die Lobby, diesmal weniger schrägen Blicken, als dafür bewundernden, ausgesetzt von zumeist älteren Gaffern, die ihr auf ihren attraktives Hinterteil starrten, was sie aber nicht besonders kümmerte. Sollten sie doch.
Sie begann durch den Park voller bunten Frühlingsblüher zu traben auf den Strand zu. Die Bilder der letzten Nacht, in der sich John und die Dame Min in seliger Umarmung liebten, verflogen schnell. Sie dachte nicht, nahm nur wahr, wie die Luft durch ihre Lungen strömte, und dass sie nicht mehr so ausdauernd lief wie Monate früher. Es war doch etwas eingerostet. Sie würde den Ausflug am Strand wohl am nächsten Tag spüren, bis sie wieder fit war. Trotzdem lief sie immer weiter. Kleine Wellen brandeten an und das Rauschen war wie Musik und summten einen Rhythmus im Takt der Schritte. Sie fühlte eine nicht mehr unangenehme Leere zwischen den Spuren im feuchten Sand. Nach einer halben Stunde machte sie kehrt, eine Stunde Laufen würde für den Anfang schon zu viel sein. Sie ging jetzt mit mittlerer Schrittlänge und verfiel wieder in einen leichten Trab. Im Augenwinkel nahm sie einen weiteren Läufer auf der fast menschenleeren Sandbank wahr. In 3 Minuten würden sie sich begegnen, aneinander vorbei laufen. Sie würde dabei auf die Wellen sehen. Keine Kumpanei im Laufschritt, unnötig, lästig.
Das war ein Gedanke zu viel, eine Millisekunde unkonzentriert, und damit Grund für eine Blödkatastrophe. Sie machte einen Seitenschritt auf den trockenen Sand, und trat dabei in ein Loch. Sie knickte zur Seite, hob noch den Fuß und ein Schmerz wie ein Blitz durchfuhr sie. Sie trat noch einmal auf und ließ sich fallen. „Scheiße ….“, durchfuhr es ihr mit der Welle der Schmerzattacke, die ihr die Tränen in die Augen trieb.
Der Fremde war nun nahe bei ihr und erfasste die Situation; er kniete neben ihr: „Madam, sind Sie umgeknickt? Tut es sehr weh?“ Tessa nickte benommen. „Madam, darf ich Ihren linken Fuss untersuchen?“ Sie hatte in diesem Moment wohl allem zugestimmt, und nickte noch einmal. „Sind Sie zufällig Arzt, Sir?“ „Nein, aber vor Jahren Sanitäter in der irischen Army, Mam … das sieht nach einer Bänderdehnung oder Bänderriß aus, der geschwollene Knöchel deutet darauf …“. Tessa sah mit einem Blick auf den Fremden in Shorts, Hoody und Laufschuhen. Ein roter Dreitagebart, meerblaue Augen, die sie mitfühlend ansahen und die Schwellung am Knöchel betrachteten; warme Finger, die vorsichtig den Fuß abtasteten. „Oh Gott, … ich bin Erik dem Roten in Hände gefallen oder einem keltischen Iren …“, ging es ihr durch den Kopf und ihr Kreislauf gab nach, wie immer, wenn sie Schmerzen litt …

©thomasBernhard2022
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