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Der Bums

Von speedygonzalez Samstag 09.04.2022, 00:43

„Da drüben, unterhalb der Waldschneise oben, wird es den nächsten Bums geben, wie Sie meinten. Alles Weitere kann man nie vorher sagen. Ich warte aber noch, bis alle das Terrain verlassen haben, sicher ist sicher.“
„Dann kann ich ja die Kamera noch aufbauen. Ob es was wird – wir werden sehen.“
Volker machte sich an die Arbeit und stellte die Kamera auf ein festes Stativ. Sabine sah ihm dabei zu. „Gutes Stativ, denn hin und wieder kann man es bis hier oben spüren.“
Es machte einen guten Eindruck, wie er mit seinen Geräten umging. Dann saßen sie und warteten auf den rechten Moment.
„Sagen, Sie, wozu wird Kaolin gebraucht?“
„Ach, eigentlich überall auf der Welt, wo es was zu essen gibt. Kaolin ist ein Grundbestandteil des Porzellans und weil davon immer wieder etwas runter fällt, haben wir auch immer zu tun. Aber mit diesem Abbau hier wird bald Schluss ein.“
„Wieso?“
„Nun, auf den Tellern sollte auch etwas zum Essen liegen und Getreideäcker, sowie Wiesen für die Nutztierhaltung sind genauso wichtig. Die Lagerstätte ginge zwar noch weiter, aber wir haben hier keine weitere Abbaugenehmigung mehr, der Felder wegen.“
„Ach ja, in den leeren Teller zu beißen macht nicht viel Spaß.“ Sie lächelte ihn an.
Unten war es ruhig geworden. Sabine sah auf ihre Uhr, hob das kleine Horn an die Lippen und blies ein quäkendes Bäääb in den Abend. Sie nahm ihre Um-hängetasche auf den Schoß. Die sah nach keiner für den Stadtbummel aus, eher nach etwas Technischem.
„Achtung!“
In der linken Hand den Auslöser für die Kamera in der rechten den roten Knopf auf der kleinen Metallbox. Volker hob die Kamera und war doch durch den Bums erschreckt. Drüben zitterte der Abhang, geriet ins Rutschen und ein Teil davon ging nieder. Staub wirbelte auf und Volker blieb auf dem Auslöser.
„Weiter!“, wies sie ihn an. Die Wolke wurde höher und lichter. Leichte rosa Töne mischten sich mit dunkleren Schatten, wallten auf und nieder, bildeten Wirbel und sanken in sich zusammen.
Sehr zufriedenes Aufatmen hörte Volker bei Sabine. Beide schwiegen und ließen das Erlebte nachwirken. Die Sonne neigte sich endgültig der Erde zu. Nachtvögel nahmen ihren Gesang wieder auf. Sabine gab Volker den Kamera-auslöser, machte aber keine Anstalten, aufzustehen. Er sah sie an.
„Ich bin gerne hier oben und freue mich, dass der Abbau nach dort verläuft.“ Sie wies hinüber. „So bleibt dieses Bild erhalten. Tröstlich ist auch, dass die Waldtiere nicht allzu sehr gestört werden. Die Förster meinen, dass die Rehe sich zwar erschrecken, aber nicht mehr flüchten, weil nach dem Bums gleich wieder Ruhe eintritt. Die dauernden Bodenerschütterungen durch den Abbau spüren sie wohl, wissen inzwischen aber, dass das nichts Bedrohliches für sie ist.“
Sabine, richtig entspannt, lehnte sich in ihrem Sessel zurück, was ihrer Haltung etwas Lässigeres gab. Volker sah es gerne. Da saß eine attraktive Dame neben ihm. Bislang war ihm das hier nicht aufgegangen, er war zu sehr auf seiner Aufgabe fixiert gewesen. Nur kurz dachte er an das, was wohl auf den Chips zu sehen sein würde, doch das hier war aktueller. Ihre Haltung gab etwas mehr Beine frei, auch kein schlechter Eindruck. Er musste grinsen. Das wiederum hatte Sabine gesehen.
„Was gefällt ihnen denn jetzt so sehr, meine Meinung zu dieser Umwelt?“ Leichtes Fragen im Gesicht.
„Oh, nein, Frau West, die finde ich gut. Mir ging nur grade Ihre Anfrage durch den Kopf, als sie gefragt hatten, ob ich fotografieren kann und an was Sie wohl Interesse haben könnten. Dabei kamen mir Bilder von Babys auf einem Eis-bärenfell in den Sinn, oder Aktaufnahmen mit Ihrem Liebsten.“
Auch Sabine musste lachen.
„Das wär‘s noch, habe ich beides nicht.“ Ihre Hand ging ordnend durch ihre braunen Locken. „Machen Sie denn so etwas, Hochzeitsfotos und so?“
„Doch auch und das nicht zu knapp. Man lebt nicht schlecht davon. Aufträge für Bildbände sind eher seltener, oder gar Detonationswolken vor dem roten Abend-immel. Letzteres seltener als Aktfofografie.“
„Interessant, und wie geht man damit um, ich meine mit der Nacktheit?“
„Nicht immer leicht. Bei Hochschwangeren ist es einfacher, die ruhen so sehr in sich selbst, wenn sie sich zum Foto entschlossen haben, das ist ok. Aber wenn ein/e Kandidat/in selber schon schüchtern ist, muss man alles tun, Ruhe rein-zubringen. Da lohnt es sich schon, vorher einen Kaffee zu trinken.“
Sabine lächelte.
„Verstehe, vorher einen Kaffee trinken.“ Volker erkannte es jetzt auch. „Sie wollten vorbeugen, falls ich Aktfotos hätte haben wollen, stimmt’s?“ Sabine strahlte ihn an.
Volker, in die Enge getrieben sah wieder auf ihre Beine. Auch das registrierte Sabine und das Thema reizte sie, oder besser gesagt, der Mann, der Fotograf da neben ihr. Seine Stimme, die ihr am Telefon schon aufgefallen war und auch, wie gezielt er seiner Arbeit nachging.
Volker fasste sich.
„Wäre ja möglich gewesen, nachdem ich beim Eintreten ein leichtes Zögern bemerkte. Und? Haben Sie schon welche?“ Das Spielchen konnte er auch.
„Nein, habe ich nicht, kann aber noch werden, nachdem wir den Kaffee schon getrunken haben.“ Ihr Lächeln war anders, diesmal. „Aber vorrangig würde ich gern wissen, ob wir Erfolg hatten.“ Ihr Blick ging zu seiner Kamera. Ganz spon-tan hob er sie und machte ein Foto von ihr im letzten Sonnenlicht.
„Machen wir, vorrangig. Ich nehme an, die Filme sind in zwei Tagen fertig.“
„Wunderbar, dann kann ich auf dem Weg zu meiner Mutter wieder bei Ihnen reinschauen. Sagen wir, zur selben Zeit?“
„Ok, ich freu mich und bin sehr gespannt, was sie bringen.“

Nachdenklich machte Sabine sich auf den Heimweg. Einerseits sehr gespannt, ob die Aktion irgendetwas gebracht hätte und andererseits dieser Volker Lud-wig, der ihr durch seine Art an die Arbeit heran zu gehen, Eindruck gemacht hatte. Dass sie ihm persönlich darüber hinaus auch noch gefallen hatte, nahm sie wohlwollend in Kauf. Und auf den Mund gefallen war er auch nicht. Hm, und vorrangig ist ein paar Mal erschienen. Warten wir es ab - beides - vorrangig. Ein Gefühl des Wohlseins schlich sich bei ihr ein.
Volker grinste auch bei der Fahrt zurück. Dieses Weib hatte es in sich, einen Männerjob in einer Männerwelt und dabei feinfühlig und schlagfertig. Und an-scheinend nahm sie es ihm nicht krumm, dass er geflirtet und sie fotografiert hatte. Schöne Beine waren das, soweit er sie sehen konnte, wenn man …
Was die Filme bringen würden, darauf war er selber sehr gespannt - vorrangig.

Das Telefon auf Sabines Schreibtisch meldete sich.
„West, hallo.“
„Frau West, ich stelle Ihnen einen Anruf durch.“ Klick. „Hallo, Frau West, hier ist Volker Ludwig. Ich glaube, das wird interessant. Spektakulär könnte man auch sagen.“
„Ach, Herr Ludwig, sind sie gut geworden?“ Ihre Erregung war nicht zu überhören.
„Doch, ich bin geplättet! Freuen Sie sich auf die Bilder.“ Seine Freude kam auch sehr deutlich rüber.
„Dann würde ich am liebsten gleich kommen.“
„Lieber nicht, es gibt viel Laufkundschaft und bringt die Filme vom Wochenende und DAS möchte ich mit Ihnen ungestört genießen.“
Bei Sabine blieb das >ungestört genießen< besonders hängen, seine Stimme hatte doch deutlich angeschlagen in ihr.
„Wieder mit Kaffee?“ Ihr Schelm war nicht zu überhören. Volker ging gleich mit.
„Ja, auch wieder mit Kaffee und ich hoffe, wir haben die Geduld dazu.“
Sabines Vorarbeiter klopfte und trat ein.
„Also dann bis später!“
„Frau West, wir sind soweit und brauchen die Zündschnüre und den anderen Rest.“ Er kannte sie schon lange, hatte sie aber selten mit so heiterem Gesicht gesehen.
Der Tag verging für Sabine sehr langsam. Bei ihrer Mutter hatte sie sich nicht angemeldet und unruhig wartete sie auf das Ende der Schicht. Diesmal fuhr sie erst heim, um sich umzuziehen. Für andere Gänge anschließend an die Arbeit hatte sie immer etwas im Büro hängen, denn in den Drillichklamotten aus dem Steinbruch wollte und konnte sie nicht in die Stadt.

Und dann wirds wirklich heiter

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