Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

12 11

Maiennacht

Von ehemaliges Mitglied Samstag 03.02.2018, 15:21

Maiennacht

Sie steht am Fenster.
Was ist das für ein merkwürdiges Frühjahr in diesem Jahr, Nachtschnee war gefallen und jetzt, in der prallen Morgensonne tropft der Schnee von den Dächern herunter und zerrinnt über den Wiesen. Sie ist müde von diesen schnellen Wetterwechseln und doch aufgestört, denn etwas ist, wie es nicht sein sollte.
Wie waren die früheren Jahre voller Leben. Wie rumorte es in den Nächten, wenn der Schnee zu schmelzen begann und das graue Wintergras auf den Wiesen sich der Sonne entgegen streckte. Wie es zuckte im Leib, und wie es sich anfühlte, dieses Beginnende, dieses Rinnende, dieses gurgelnde , springende Schmelzwasser, das aus den Bergen herunter schoss und zu Tale drängte, wild und bockig und unaufhaltsam.

Wie kribbelte der Frühling ihr im Blut, damals, als sie jung war und sich ins Leben stürzte, wie die wilden Färsen auf der Weide…

Und jetzt? Der rieselnde Schnee tropft von den Dächern, legt sich auf das graue Gras und sie möchte sich unter die weiße weiche Decke legen und vom tropfenden Wasser in die dampfende Erde versenkt und verwandelt werden zu Nichts…
Zu Nichts?

Er hat geschrieben: Ich will dich kennenlernen, jetzt, im Frühling, und auf deinem Berg da oben. Das hat er geschrieben.

Was soll das werden, denkt sie, was soll das werden. Die vielen Jahre, die vergangen sind, und so lange lebe ich allein. Wie kann ich jetzt, älter als alt, zu einem Fremden sagen: Tritt ein. Wie soll das gehen? Warum hab ich „Ja“ gesagt? Was hat mich verführt? Seine heißen Worte in seinen mails?
Tag für Tag sagt sie das und wartet. Sie steht am Fenster, Schnee und Sonne wechseln, Sturm dazwischen, es ist April. Tage steht sie am Fenster und wartet. Die Sonne steigt, der Schnee wandelt sich in Regen, und dann wird es warm.
Der Mai ist gekommen.

Sie sehen sich an, der Mann, der aus dem Zuge steigt, und sie. Ihre Münder finden sich, umschlungen stehen sie für eine Weile, beide alt. Beide alt.
Als sie sich von einander lösen, sich wieder ansehen, lacht er plötzlich und sagt: „Denkst du, wir schaffen das?“
Sie bläst sich die grauen Haare aus dem Gesicht, schüttelt den Kopf und tippt ihm schließlich auf die Nase.
„Warum nicht?“ meint sie, nimmt seine Hand und so gehen sie, fast beschwingt, aus dem Bahnhof heraus und sie öffnet ihm galant ihre Autotür.

Später wissen sie beide nicht mehr, wie es gekommen ist. Sie haben gegessen, getrunken, sind auf ihre Zimmer gegangen, vorher natürlich mit einem Kuss, dann noch einen und noch mal einen und haben vereinbart, dass sie ihn am nächsten Morgen weckt.

Es ist die alte, die immer währende Sehnsucht im Frühjahr, die sie zusammen führt . Vielleicht ist manches anders, wieso auch nicht, die jungen Jahre sind vorbei, alte Liebe vergangen.
Als sie auf sein Herein das Zimmer öffnet, steht er, vollkommen nackt, in der Badezimmertür, nicht mal ein Handtuch um den Bauch. Wie kam es, dass sie nicht mal zurückzuckt?

Das Neue fühlt sich gut an, es bebt in ihnen. Voll Innigkeit und Hingabe. Es bebt in ihnen und sie nehmen sich einander, was zu geben ihnen geblieben ist, ihre Münder, ihre Hände, ihre Haut, ihren Körper, ihre Liebe. Und es ist das, was man sich sagt, wie man es sagt, die vielen Worte, die dem anderen zeigen, wer und wie man ist und das Abwägen, was von diesen Worten bleibt und für immer Bedeutung hat. Dieser andere Mensch, wer ist er und wie passt er zu mir und wie ich zu ihm. So verschiedene Leben, geht es denn, dass man sie eint?…

Sie wandern viel und reden. Sie küssen viel und Schweigen, sie genießen die Nächte und im hellen Licht des Tages finden sie einander sich zugetan. Wird es so bleiben?

Sie steht am Fenster.
Draußen duftet es nach frisch geschnittenem Gras. Maiengras. Diese sanfte Feuchtigkeit zieht ins Zimmer herein und legt sich weich um sie. Sie genießt es.
Ja, denkt sie, ich habe ja gesagt und es war richtig. Es war gut. Die Nacht ist angefüllt mit Liebe.…

Er steht hinter ihr. Sein Atem in ihrem Nacken, es fühlt sich so gut an, so vertraut. Die letzte Nacht vor dem Abschied.
Sie fragt nicht und er fragt nicht. Sie haben sich alles gesagt, was notwendig ist.

Maiennacht.

Und das Jahr zieht weiter seine Bahn. Wie lange noch für zwei, fast am Ende ihrer Tage?

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > erotische Erzählungen > Forum > Maiennacht