Man redet sich ja den Mund fusselig. Oder besser: Man tippt sich die Finger wund. Seit nunmehr zehn Jahren schreibe ich über den Osten, immer wieder auch über den „rechten Osten“, der bei jeder neuerlichen Landtags- oder Bundestagswahl Fragen aufwirft. „Was stimmt denn nicht mit denen?“ Häufig weichen die Fragen den Antworten, die immer schon da sind, noch bevor man sich tiefer mit der Materie beschäftigt: Der Ossi, so is‘ er halt. Rechts, ungebildet, weinerlich.
Stereotypisierungen funktionieren für den Osten, weil er eben „der andere“ ist, ein historischer Sonderweg, insofern kann er wie eine alternative Wirklichkeit des Westens (der Republik) erscheinen, wie der lange Schatten einer anderen, einer totalitären Nachkriegstradition. Wer als Antwort sozioökonomische Datensätze ins Spiel bringt, wird gerne niedergebügelt mit dem Nichtargument, wonach Nazis eben Nazis wählen.
Solche Deutungsmuster kollabieren, wenn man mit Wahlprognosen westdeutscher Bundesländer wie Rheinland-Pfalz konfrontiert wird. Bei der Sonntagsfrage zur bevorstehenden Landtagswahl erreicht die AfD 19 Prozent. Die SPD, die Rheinland-Pfalz über Jahrzehnte hinweg regierte, landet bei 28 Prozent. In der Realität der Wahlkabine können sich die Wähler zwar anderes entscheiden. Trotzdem liefern die Umfragen beunruhigende Hinweise auf eine „Normalisierung“ des Wahlverhaltens auch im Westen.
Die traurige Wahrheit lautet nämlich, dass der Osten in vielerlei Hinsicht repräsentativ ist für die antidemokratischen Entwicklungen in Europa und den USA und dass Westdeutschland, also die „alte BRD“, einen historischen wie politischen Sonderfall markierte, der sich selbst mit der demokratischen Norm verwechselt.
Dieser Sonderfall bestand in den vergangenen drei Jahrzehnten in einer sozioökonomisch stabilen Mittelklasse, die durch Reformen der letzten zwanzig Jahre unter Druck geriet, aber noch genug zu verlieren hatte, um sich vor den politischen Extremen in Acht zu nehmen.
Fraglos gab und gibt es auch in den westlichen Bundesländern strukturschwache Regionen; und diese bewiesen – insofern sollten AfD-Erfolge in Kaiserslautern oder Gelsenkirchen nicht überraschen -, dass ökonomischer Abstieg und prekäre Lebensumstände noch immer den besten Nährboden für Rechtsradikalismus darstellen. Wobei der ökonomische Abstieg ganzer Regionen flankieret wird von symbolischen Verlusten. Denn wo Industriezweige wegbrechen, da gehen nicht nur die Arbeitsplätze verloren, sondern auch die flankierenden Traditionen, Gemeinschaften und Vereine. Eigentlich wissen wir das, trotzdem überrascht uns der Rechtsdrall der von Verlust betroffenen Regionen.
Überraschen muss uns dagegen, wie die ehemaligen Volksparteien auf die Destabilisierung der Mitte reagieren. Die CDU verbreitet die Mär von der deutschen Faulheit, das Land müsse nur einmal wieder anpacken und schon würden sich die ökonomischen Probleme in Wohlgefallen auflösen. Offenkundig will man mit dieser Lügengeschichte den sprichwörtlichen kleinen Mann erreichen, eben das, was man früher den Kleinbürger nannte: die Menschen der unteren Mittelklasse, die sich prekär eingequetscht fühlen zwischen den „Faulen“ (womit sie die angeblich Arbeitsunwilligen und Grundsicherungsempfänger meinen) und den besser verdienenden Angestellten und Beamten, die sich dem Klischee nach nicht gerade totarbeiten. Dass diese Strategie bei der unteren Mittelklasse verfangen könnte, das leuchtet sogar ein, wird durch die CDU-Umfragewerte in Rheinland-Pfalz sogar gestützt, läuft langfristig aber auf ein Nullsummenspiel hinaus, weil man ebenso viele Wähler der gehobenen Mittelklasse vergrätzt, wie man sie unten hinzugewinnt.
Für die SPD ist die Situation sogar noch dramatischer, weil die Anwältin des kleinen Mannes, nachdem sie das Bürgergeld kurzerhand auf dem Altar einer neuerlichen Regierungsbeteiligung geopfert hat, die Interessen der Arbeiterklasse nicht mehr glaubwürdig vertreten kann. Böse Zungen würden sagen, dass sie das seit 25 Jahren nicht mehr tut.
Beide Parteien aber versündigen sich an der Demokratie, weil sie am Ende versuchen, die AfD wahltaktisch auszumanövrieren, statt tatsächlich bessere Politik zu machen: und „besser“ muss stets „sozial gerecht, ökonomisch ausgewogen“ bedeuten. Deutschland krankt daran, dass Gerechtigkeitsdebatten stets nur höhere Steuern adressieren. Steuerdebatten demobilisieren aber nicht nur jene, denen es ökonomisch gut geht, sondern auch jene, die das Versprechen vom Aufstieg gerne noch einlösen würden. Der Fokus müsste vielmehr auf der Senkung der Sozialabgaben liegen, von denen untere Einkommensgruppen überproportional betroffen sind.
Er einmal in seinem Leben einen Wohngeld/Hartz-IV/Bürgergeld-Antrag gestellt hat, der weiß, wie viel Einsparungspotenzial in der radikalen Reduktion von Bürokratie in diesem Lande gegeben wäre. Von der Absurdität der Aufrechterhaltung gesonderter Renten- beziehungsweise Pensions- und Krankenkassen für unterschiedliche Berufsgruppen einmal ganz abgesehen. Es gäbe also viel Arbeit. Die Politik müsste sie nur angehen.
Marlen Hobrack, der Freitag 19.3.2026
Viel Text zum Thema: dass ökonomischer Abstieg und prekäre Lebensumstände noch immer den besten Nährboden für Rechtsradikalismus darstellen.
Aber unsere ehemaligen Volksparteien schert das nicht.
Man redet sich ja den Mund fusselig. Oder besser: Man tippt sich die Finger wund. Seit nunmehr zehn Jahren schreibe ich über den Osten, immer wieder auch über den „rechten Osten“, der bei jeder neuerlichen Landtags- oder Bundestagswahl Fragen aufwirft. „Was stimmt denn nicht mit denen?“ Häufig weichen die Fragen den Antworten, die immer schon da sind, noch bevor man sich tiefer mit der Materie beschäftigt: Der Ossi, so is‘ er halt. Rechts, ungebildet, weinerlich.
Stereotypisierungen funktionieren für den Osten, weil er eben „der andere“ ist, ein historischer Sonderweg, insofern kann er wie eine alternative Wirklichkeit des Westens (der Republik) erscheinen, wie der lange Schatten einer anderen, einer totalitären Nachkriegstradition. Wer als Antwort sozioökonomische Datensätze ins Spiel bringt, wird gerne niedergebügelt mit dem Nichtargument, wonach Nazis eben Nazis wählen.
Solche Deutungsmuster kollabieren, wenn man mit Wahlprognosen westdeutscher Bundesländer wie Rheinland-Pfalz konfrontiert wird. Bei der Sonntagsfrage zur bevorstehenden Landtagswahl erreicht die AfD 19 Prozent. Die SPD, die Rheinland-Pfalz über Jahrzehnte hinweg regierte, landet bei 28 Prozent. In der Realität der Wahlkabine können sich die Wähler zwar anderes entscheiden. Trotzdem liefern die Umfragen beunruhigende Hinweise auf eine „Normalisierung“ des Wahlverhaltens auch im Westen.
Die traurige Wahrheit lautet nämlich, dass der Osten in vielerlei Hinsicht repräsentativ ist für die antidemokratischen Entwicklungen in Europa und den USA und dass Westdeutschland, also die „alte BRD“, einen historischen wie politischen Sonderfall markierte, der sich selbst mit der demokratischen Norm verwechselt.
Dieser Sonderfall bestand in den vergangenen drei Jahrzehnten in einer sozioökonomisch stabilen Mittelklasse, die durch Reformen der letzten zwanzig Jahre unter Druck geriet, aber noch genug zu verlieren hatte, um sich vor den politischen Extremen in Acht zu nehmen.
Fraglos gab und gibt es auch in den westlichen Bundesländern strukturschwache Regionen; und diese bewiesen – insofern sollten AfD-Erfolge in Kaiserslautern oder Gelsenkirchen nicht überraschen -, dass ökonomischer Abstieg und prekäre Lebensumstände noch immer den besten Nährboden für Rechtsradikalismus darstellen. Wobei der ökonomische Abstieg ganzer Regionen flankieret wird von symbolischen Verlusten. Denn wo Industriezweige wegbrechen, da gehen nicht nur die Arbeitsplätze verloren, sondern auch die flankierenden Traditionen, Gemeinschaften und Vereine. Eigentlich wissen wir das, trotzdem überrascht uns der Rechtsdrall der von Verlust betroffenen Regionen.
Überraschen muss uns dagegen, wie die ehemaligen Volksparteien auf die Destabilisierung der Mitte reagieren. Die CDU verbreitet die Mär von der deutschen Faulheit, das Land müsse nur einmal wieder anpacken und schon würden sich die ökonomischen Probleme in Wohlgefallen auflösen. Offenkundig will man mit dieser Lügengeschichte den sprichwörtlichen kleinen Mann erreichen, eben das, was man früher den Kleinbürger nannte: die Menschen der unteren Mittelklasse, die sich prekär eingequetscht fühlen zwischen den „Faulen“ (womit sie die angeblich Arbeitsunwilligen und Grundsicherungsempfänger meinen) und den besser verdienenden Angestellten und Beamten, die sich dem Klischee nach nicht gerade totarbeiten. Dass diese Strategie bei der unteren Mittelklasse verfangen könnte, das leuchtet sogar ein, wird durch die CDU-Umfragewerte in Rheinland-Pfalz sogar gestützt, läuft langfristig aber auf ein Nullsummenspiel hinaus, weil man ebenso viele Wähler der gehobenen Mittelklasse vergrätzt, wie man sie unten hinzugewinnt.
Für die SPD ist die Situation sogar noch dramatischer, weil die Anwältin des kleinen Mannes, nachdem sie das Bürgergeld kurzerhand auf dem Altar einer neuerlichen Regierungsbeteiligung geopfert hat, die Interessen der Arbeiterklasse nicht mehr glaubwürdig vertreten kann. Böse Zungen würden sagen, dass sie das seit 25 Jahren nicht mehr tut.
Beide Parteien aber versündigen sich an der Demokratie, weil sie am Ende versuchen, die AfD wahltaktisch auszumanövrieren, statt tatsächlich bessere Politik zu machen: und „besser“ muss stets „sozial gerecht, ökonomisch ausgewogen“ bedeuten. Deutschland krankt daran, dass Gerechtigkeitsdebatten stets nur höhere Steuern adressieren. Steuerdebatten demobilisieren aber nicht nur jene, denen es ökonomisch gut geht, sondern auch jene, die das Versprechen vom Aufstieg gerne noch einlösen würden. Der Fokus müsste vielmehr auf der Senkung der Sozialabgaben liegen, von denen untere Einkommensgruppen überproportional betroffen sind.
Er einmal in seinem Leben einen Wohngeld/Hartz-IV/Bürgergeld-Antrag gestellt hat, der weiß, wie viel Einsparungspotenzial in der radikalen Reduktion von Bürokratie in diesem Lande gegeben wäre. Von der Absurdität der Aufrechterhaltung gesonderter Renten- beziehungsweise Pensions- und Krankenkassen für unterschiedliche Berufsgruppen einmal ganz abgesehen. Es gäbe also viel Arbeit. Die Politik müsste sie nur angehen.
Marlen Hobrack, der Freitag 19.3.2026
Viel Text zum Thema: dass ökonomischer Abstieg und prekäre Lebensumstände noch immer den besten Nährboden für Rechtsradikalismus darstellen.
Aber unsere ehemaligen Volksparteien schert das nicht.