Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

49 15

Die Stille der Hitze

Von furchtlose 12.07.2026, 08:10

Deutschland hat ein Talent kultiviert, das man früher für einen Zivilisationsbruch gehalten hätte: Menschen sterben in nennenswerter Zahl, und das Land bringt es fertig, dabei eine fast vornehme Ruhe zu bewahren. An einem einzigen Wochenende fordert die Hitze ähnlich viele Opfer wie der Terroranschlag vom 11. September 2001 in den USA, doch hierzulande bleibt selbst das Echo aus. Kein Innehalten, kein politischer Reflex, nicht einmal der Versuch, dem Geschehen einen Namen zu geben, der über die meteorologische Belanglosigkeit hinausreicht. Der Tod tritt diesmal nicht als Feind auf, sondern als Temperatur, und genau darin liegt seine größte Entlastung für alle Beteiligten.
Der Bundeskanzler reagiert darauf mit einer Form von Präsenz, die sich durch Abwesenheit definiert. Er sagt nichts, und dieses Nichts ist von bemerkenswerter Konsequenz. Denn jedes Wort würde die unangenehme Frage nach Zuständigkeit eröffnen, und Zuständigkeit ist bekanntlich der erste Schritt zur Haftung. Also bleibt es bei jener politischen Lautlosigkeit, die man gern mit Besonnenheit verwechselt. Während andernorts schon das Gerücht eines Anschlags genügt, um die Republik in den Ausnahmezustand zu versetzen, schafft es diese Regierung, ein tatsächliches Massensterben in den Zustand der Randnotiz zu überführen.
Die Presse wiederum erfüllt ihre Rolle mit einer Diskretion, die an Komplizenschaft grenzt. Wo Schlagzeilen stehen könnten, findet sich Einordnung, wo Empörung naheläge, wird relativiert. Man berichtet, aber man drängt nicht, man erwähnt, aber man gewichtet nicht. Die Hitze erscheint als Laune des Wetters, nicht als Folge politischer Versäumnisse. Es ist ein Journalismus, der sich so sehr um Ausgewogenheit bemüht, dass er die Wirklichkeit aus dem Gleichgewicht bringt. Wer die Katastrophe nur sachlich beschreibt, hat sie bereits halb entschärft.
Und die Gesellschaft? Sie liefert das Fundament, auf dem dieses Arrangement erst stabil wird. Sie schwitzt, sie scrollt, sie arrangiert sich. Man beklagt die Temperaturen, nicht die Zustände, man sucht Schatten, aber keine Ursachen. Es ist eine bemerkenswerte Form der Anpassung: Das Außergewöhnliche wird so lange routiniert hingenommen, bis es seinen Schrecken verliert. Empörung gilt als Übertreibung, Konsequenz als Zumutung. So entsteht jene kollektive Gelassenheit, die weniger auf Stärke als auf Verdrängung beruht.
In diesem Dreiklang aus politischem Schweigen, medialer Zurückhaltung und gesellschaftlicher Trägheit wird selbst ein Ereignis von der Größenordnung eines 9/11-Vergleichs zur beiläufigen Episode. Jeder verweist auf den anderen, und gemeinsam erzeugen sie eine Atmosphäre, in der Verantwortung verdunstet, bevor sie überhaupt benannt werden kann. Vielleicht braucht es tatsächlich erst Katastrophen, die sich nicht mehr verteilen, nicht mehr relativieren, nicht mehr übersehen lassen. Bis dahin bleibt alles, wie es ist: zu heiß, zu still und erschreckend folgenlos.

Das ist auch meine Meinung: erschreckend folgenlos.

Kommentieren
Mitglieder > Veranstaltungen > Die Stille der Hitze