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23 10

"Eine etwas andere Sicht

Von Feierabend-Mitglied vorgestern, 21:41

auf die
Wahlergebnisse im Osten

Kein westliches Bundesland zeigt annähernd solche Werte. Das hat mit der DDR-Geschichte, autoritären Prägungen und Transformationsschäden zu tun. Das ostdeutsche Parteiensystem ist nicht so stabil wie das westliche. Im Osten gibt es mehr Räume für rechte Akteure, sich gesellschaftlich zu verankern.
Manche im Westen sagen jetzt: Wir haben die Nase voll. Erst zahlen wir den Aufbau, jetzt macht der Osten uns die Demokratie kaputt …
Dass die Verteilungsdebatte zwischen Ost und West nun wieder aufgeheizt wird, sehe ich skeptisch. Das führt in einen Modus der Verrechnung und Schuldzuweisung. Sozialwissenschaftlich rangiert der Ost-West-Konflikt hinter Themen wie Alt gegen Jung oder Oben gegen Unten. Dennoch nutzt die AfD die vorhandene Ost-Identität gezielt aus.
Sie bedient antiwestliche Ressentiments, versteht sich aber als Avantgarde für ganz Deutschland. Wie passt das zusammen?

Das Narrativ war lange: Der Osten muss sich dem Westen anpassen.

Die AfD dreht das um 180 Grad. Der Osten wird zur Avantgarde stilisiert, zur national befreiten Zone. Jetzt können sich Ostdeutsche als Pioniere fühlen. Höcke behauptet gar, Westdeutsche seien umerzogen und keine echten Deutschen mehr.
Wenn man darauf mit Westdeutsch-Tümelei reagiert, spielt man das Spiel der AfD aber nur mit.
Manche Bürger im Osten sagen, Deutschland fühle sich heute an wie die DDR 1989, nur mit vollen Supermärkten. Woher kommt dieser Eindruck, heute wieder in einer Diktatur zu leben?
Sachlich ist das absurder Quatsch. Aber die Psychologie kennt die rosarote Brille der Rückschau. Themen wie nachbarschaftliche Solidarität oder öffentliche Sicherheit werden idealisiert, Schattenseiten wie mangelnde Freiheit, Repression oder Meinungsdruck verdrängt. Für die Gegenwart wird ein endzeitliches Katastrophenszenario beschworen, das es zu verhindern gilt: Man hat schon einen untergehenden Staat erlebt und projiziert das auf heute. Das ist inkonsistent – man romantisiert die DDR, nutzt sie als Negativfolie und fordert zugleich, die Wende zu vollenden.

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Historiker schlagen vor, wütende Ostdeutsche an Fakten zu erinnern – etwa, dass die DDR 1989 bankrott war und privates Vermögen nach 40 Jahren Sozialismus eben nicht vorhanden war. Hilft das?
Sicherlich nicht. Natürlich war die DDR bankrott.
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Aber nehmen Sie Polen: Mit einem Zehntel der Transferleistungen hat es Ostdeutschland bald wirtschaftlich eingeholt.
In Polen wurden Bürger bei der Privatisierung zu Eigentümern gemacht. In Ostdeutschland gingen nur fünf Prozent des privatisierten Volkseigentums an Ostdeutsche. Die Filetstücke sicherten sich begüterte Westdeutsche.
DDR- Bürger wurden Marktteilnehmer, aber nicht Marktteilhaber !
Öffentliche Milliarden flossen nach Osten, aber private Gewinne zurück nach Westen.
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Lag der Fehler also in der Art der Wiedervereinigung?
Die Einheit war ein Glücksfall und ist insgesamt gelungen. Aber der Modus hatte seinen Preis. Im Herbst 1989 erlebten sich die Ostdeutschen als politische Subjekte. Ein Jahr später saßen die Mächtigen ganz woanders.
Zudem wurde die ostdeutsche Gesellschaft überschichtet: Zeitweise übernahmen zigtausend Westdeutsche die Schlüsselpositionen. Das hat die Ostdeutschen aus der Verantwortung entlassen und auch einer populistischen Stimmung den Weg bereitet.

Und das erklärt den Erfolg der Rechtspopulisten?

In Ostdeutschland fiel die Demokratisierung nicht mit einem Wirtschaftsboom wie nach 1949 im Westen zusammen, sondern mit Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit. Wenn Demokratie unter existenzieller Unsicherheit eingeführt wird, bleibt die Bindung an ihre Normen instabil. Zudem fehlen tief verwurzelte Parteimilieus. Die Wählerschaft ist beweglicher. Die AfD hat vor Ort genau diese Räume besetzt. Sie ist in der Region inzwischen verwurzelt und wird nicht einfach verschwinden.
Was würde passieren, wenn die AfD tatsächlich regiert?
Regieren ist gefährlich für Parteien, die das Paradies versprechen. Renten von 70 Prozent und umfassende Sozialleistungen lassen sich mit dem Haushalt von Sachsen-Anhalt schlicht nicht finanzieren. Das ist ein extrem enttäuschungsanfälliges Angebot. Der Vorwurf wird dann dauerhaft nach Berlin oder Brüssel gehen. Doch wenn vor jeder Schule eine Deutschlandfahne weht, fällt deswegen nicht weniger Unterricht aus. Das könnte zu einem deutlichen Einbruch führen. Wir sehen die Risiken des Regierens ja auch bei anderen Parteien.
Zeigt der Erfolg der AfD einen dauerhaften Rechtsruck der Gesellschaft? Und sind solche Umschwünge auf lange Sicht gesehen normal?
Wir erleben das erste Mal seit den 1960er-Jahren, dass der kulturelle Liberalisierungsprozess stockt oder sogar abbröckelt. Das betrifft vor allem Migrations- und Klimathemen. Die Mehrheit in Deutschland hat dennoch eine starke innere Bindung an die liberale Demokratie. Dass die AfD bundesweit dauerhaft über 30 Prozent wächst, halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Nordwest, noz
12. September 2026"

Meines Erachtens eine treffende Analyse, welche auch Ursachen nicht außer Acht lässt.
Die äußeren Umstände und Bedingungen werden treffend dargestellt.

Man schaue auf das Datum der Veröffentlichung!

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