Wenn man türkischen Politikern, allen voran Recep Tayyip Erdogan, glauben darf, dann haben sie den Krieg Israels und der USA gegen den Iran um jeden Preis vermeiden wollen. Bereits während des zwölftätigen Bombardements der Islamischen Republik durch die beiden Staaten im Juni 2025 auf ein sofortiges Ende der Angriffe gedrängt. Vor dem jetzigen Krieg versuchte Außenminister Hakan Fidan die USA davon zu überzeugen, dass ein Waffengang den Angreifern mehr Schaden als Nutzen bringen würde. Genau das ist eingetreten, die Türkei könnte am Ende davon profitieren, auch wenn sie im Moment zu den in mehrerer Hinsicht Geschädigten zählt. Da das Land selbst über keine nennenswerten fossilen Energiequellen verfügt, machen dem steigenden Öl- und Gaspreise zu schaffen. Sie treiben eine ohnehin galoppierende Inflation von 30 Prozent noch einmal an.
Bereits drei iranische Raketen hat die US-Luftabwehr abgefangen, die im Auftrag der NATO türkischen Luftraum schützt. Betroffen war jeweils der Süden des Landes, nicht allzu weit entfernt von Antalya, dem Zentrum des Massentourismus. Kein gutes Omen für die kommende Saison. (…)
Mit dem Irak und Syrien hat die Türkei bereits zwei Nachbarstaaten kollabieren sehen, entscheidend ausgelöst durch westliche Interventionen. Die Folgen waren Staatszerfall, marodierende Warlords, religiöse Radikalisierung, Flüchtlingsströme und ethnische Konflikte. Was heißt das für den Iran, in dem die Perser nur 60 Prozent der Bevölkerung ausmachen? Was soll beim einem Kollaps des Regimes die Kurden im Westen, die Aseris im Norden und die Beluschen im Süden zusammenhalten? Je schwächer eine iranische Zentralmacht, desto mehr verschafft das das iranischen Kurden Auftrieb, wird in Ankara befürchtet. Seit den Protesten von 2022 hat sich die politische und kulturelle Repression Teherans in Iranisch-Kurdistan verstärkt. (…)
Noch fliehen nur wenige aus dem Iran. Sollte aber das Land in einen Bürgerkrieg abtauchen, wird sich das schnell ändern. Eine Politik der offenen Grenzen wie zu Beginn des Bürgerkriegs in Syrien 2011 wird Ankara dann garantiert nicht verfolgen. 380 der 560 Kilometer langen Grenze zum Iran sind schon vor Jahren mit einer Betonmauer versehen worden. (…) Hunderte mit moderner Technik ausgestattete Wachtürme sollen irreguläre Fluchtbewegungen verhindern. In einem nicht-öffentlichen Briefing des türkischen Außenministeriums für Angeordnete wurden bereits Ende Januar Pläne für eine Pufferzone auf iranischem Gebiet vorgestellt. Doch kann man im Fall des Falls auch türkischsprachige Aseris zurückweisen? Wird doch stets von Türken und Aseris als zwei Teilen einer Nation gesprochen, nur die Launen der Geschichte hätten ihnen verschiedene Staaten zugewiesen.
Erdogan zeigt mit diesem Krieg einmal mehr, wie gut er sein politisches Handwerk beherrscht. So hat er den Iranern zum Tode Ali Chamemeis, des religiösen Führers du mächtigsten Manns in Teheran sein Beileid bekundet und damit der eigenen Bevölkerung aus dem Herzen gesprochen. Zugleich meidet er jegliche Kritik an Donald Trump und seiner Politik. Ein Urteil wie das von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Feldzug verletze Völkerrecht, ist aus Ankara nicht zu hören. Was nichts daran ändert, dass sowohl für die politischen Führung wie die öffentliche Meinung der Türkei Israel die Hauptverantwortung für diese Aggression trägt.
Ob nun regierungs- oder oppositionsnah, türkische Medien berichten zustimmend von Äußerungen Joe Kents, Direktor des Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung (NCTC) der USA, das die Terrorabwehr der 18 US-Geheimdienste koordiniert. Kent, von Trump auf seinen Posten gehievt, erklärte, es hätten keinerlei Beweise für dafür vorgelegen, dass der Iran die USA angreifen wollte. Mehr noch, Kent deutete an, Trump sei unter dem Einfluss von Netanjahu in den Krieg gezogen. Mit viel Verve zitieren türkische Blätter den demokratischen Senator Chris Van Hollen. Der sagt, Netanjahu hätte jahrzehntelang auf einen US-Präsidenten gewartet, der mit ihm zusammen den Iran anzugreifen würde. Mit Donald Trump habe er nun einen gefunden, „der dumm genug ist, das zu tun“.
Je mehr sich die Regierung Erdogan auf Israel und Netanjahu einschießt, desto weniger fragt sich ihr Anhang, warum sie Donald Trump ausnimmt. Auch wenn Ankara die USA nicht öffentlich attackiert, ist hinter den Kulissen das Vertrauen passé. Die riesigen Schäden in den Golfstaaten versinnbildlichen, dass sich der Schutz, den man sich von den USA erhoffte, als brüchig erwiesen hat. Ankara zieht daraus mindestens drei Schlüsse: Priorität genießt eine eigene Raketenabwehr. Man muss darüber nachdenken, sich womöglich nuklear zu bewaffnen. Schließlich sind relevante Sicherheitspartner in der Region gefragt. Im September 2025 haben Saudi-Arabien und die Atommacht Pakistan ein Abkommen zur gegenseitigen Verteidigung geschlossen. Warum sollte man sich daran nicht beteiligen und zudem die militärische wie Rüstungszusammenarbeit mit den Golfstaaten kräftig ausweiten?
Bei Kriegsende, wie immer das ausgehen wird, dürften die Vereinigten Staaten ihre Dominanz im Nahen du Mittleren Osten mit Israel teilen müssen. So siegreich sich das dann auch geben mag – es wird für die Länder der Region wenig vertrauenswürdig sein. Bleit die Türkei.
Günter Seufert, der Freitag 2.4.2026
Erdogan macht still sein Ding.
Die Amis überfallen wen sie wollen, da kommt der Ruf nach nuklearen Waffen automatisch. Das muss man verstehen.
Wenn man türkischen Politikern, allen voran Recep Tayyip Erdogan, glauben darf, dann haben sie den Krieg Israels und der USA gegen den Iran um jeden Preis vermeiden wollen. Bereits während des zwölftätigen Bombardements der Islamischen Republik durch die beiden Staaten im Juni 2025 auf ein sofortiges Ende der Angriffe gedrängt. Vor dem jetzigen Krieg versuchte Außenminister Hakan Fidan die USA davon zu überzeugen, dass ein Waffengang den Angreifern mehr Schaden als Nutzen bringen würde. Genau das ist eingetreten, die Türkei könnte am Ende davon profitieren, auch wenn sie im Moment zu den in mehrerer Hinsicht Geschädigten zählt. Da das Land selbst über keine nennenswerten fossilen Energiequellen verfügt, machen dem steigenden Öl- und Gaspreise zu schaffen. Sie treiben eine ohnehin galoppierende Inflation von 30 Prozent noch einmal an.
Bereits drei iranische Raketen hat die US-Luftabwehr abgefangen, die im Auftrag der NATO türkischen Luftraum schützt. Betroffen war jeweils der Süden des Landes, nicht allzu weit entfernt von Antalya, dem Zentrum des Massentourismus. Kein gutes Omen für die kommende Saison. (…)
Mit dem Irak und Syrien hat die Türkei bereits zwei Nachbarstaaten kollabieren sehen, entscheidend ausgelöst durch westliche Interventionen. Die Folgen waren Staatszerfall, marodierende Warlords, religiöse Radikalisierung, Flüchtlingsströme und ethnische Konflikte. Was heißt das für den Iran, in dem die Perser nur 60 Prozent der Bevölkerung ausmachen? Was soll beim einem Kollaps des Regimes die Kurden im Westen, die Aseris im Norden und die Beluschen im Süden zusammenhalten? Je schwächer eine iranische Zentralmacht, desto mehr verschafft das das iranischen Kurden Auftrieb, wird in Ankara befürchtet. Seit den Protesten von 2022 hat sich die politische und kulturelle Repression Teherans in Iranisch-Kurdistan verstärkt. (…)
Noch fliehen nur wenige aus dem Iran. Sollte aber das Land in einen Bürgerkrieg abtauchen, wird sich das schnell ändern. Eine Politik der offenen Grenzen wie zu Beginn des Bürgerkriegs in Syrien 2011 wird Ankara dann garantiert nicht verfolgen. 380 der 560 Kilometer langen Grenze zum Iran sind schon vor Jahren mit einer Betonmauer versehen worden. (…) Hunderte mit moderner Technik ausgestattete Wachtürme sollen irreguläre Fluchtbewegungen verhindern. In einem nicht-öffentlichen Briefing des türkischen Außenministeriums für Angeordnete wurden bereits Ende Januar Pläne für eine Pufferzone auf iranischem Gebiet vorgestellt. Doch kann man im Fall des Falls auch türkischsprachige Aseris zurückweisen? Wird doch stets von Türken und Aseris als zwei Teilen einer Nation gesprochen, nur die Launen der Geschichte hätten ihnen verschiedene Staaten zugewiesen.
Erdogan zeigt mit diesem Krieg einmal mehr, wie gut er sein politisches Handwerk beherrscht. So hat er den Iranern zum Tode Ali Chamemeis, des religiösen Führers du mächtigsten Manns in Teheran sein Beileid bekundet und damit der eigenen Bevölkerung aus dem Herzen gesprochen. Zugleich meidet er jegliche Kritik an Donald Trump und seiner Politik. Ein Urteil wie das von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Feldzug verletze Völkerrecht, ist aus Ankara nicht zu hören. Was nichts daran ändert, dass sowohl für die politischen Führung wie die öffentliche Meinung der Türkei Israel die Hauptverantwortung für diese Aggression trägt.
Ob nun regierungs- oder oppositionsnah, türkische Medien berichten zustimmend von Äußerungen Joe Kents, Direktor des Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung (NCTC) der USA, das die Terrorabwehr der 18 US-Geheimdienste koordiniert. Kent, von Trump auf seinen Posten gehievt, erklärte, es hätten keinerlei Beweise für dafür vorgelegen, dass der Iran die USA angreifen wollte. Mehr noch, Kent deutete an, Trump sei unter dem Einfluss von Netanjahu in den Krieg gezogen. Mit viel Verve zitieren türkische Blätter den demokratischen Senator Chris Van Hollen. Der sagt, Netanjahu hätte jahrzehntelang auf einen US-Präsidenten gewartet, der mit ihm zusammen den Iran anzugreifen würde. Mit Donald Trump habe er nun einen gefunden, „der dumm genug ist, das zu tun“.
Je mehr sich die Regierung Erdogan auf Israel und Netanjahu einschießt, desto weniger fragt sich ihr Anhang, warum sie Donald Trump ausnimmt. Auch wenn Ankara die USA nicht öffentlich attackiert, ist hinter den Kulissen das Vertrauen passé. Die riesigen Schäden in den Golfstaaten versinnbildlichen, dass sich der Schutz, den man sich von den USA erhoffte, als brüchig erwiesen hat. Ankara zieht daraus mindestens drei Schlüsse: Priorität genießt eine eigene Raketenabwehr. Man muss darüber nachdenken, sich womöglich nuklear zu bewaffnen. Schließlich sind relevante Sicherheitspartner in der Region gefragt. Im September 2025 haben Saudi-Arabien und die Atommacht Pakistan ein Abkommen zur gegenseitigen Verteidigung geschlossen. Warum sollte man sich daran nicht beteiligen und zudem die militärische wie Rüstungszusammenarbeit mit den Golfstaaten kräftig ausweiten?
Bei Kriegsende, wie immer das ausgehen wird, dürften die Vereinigten Staaten ihre Dominanz im Nahen du Mittleren Osten mit Israel teilen müssen. So siegreich sich das dann auch geben mag – es wird für die Länder der Region wenig vertrauenswürdig sein. Bleit die Türkei.
Günter Seufert, der Freitag 2.4.2026
Erdogan macht still sein Ding.
Die Amis überfallen wen sie wollen, da kommt der Ruf nach nuklearen Waffen automatisch. Das muss man verstehen.