SOLIDARITÄT für Wege aus Rassismus
Von
Heideelke
Donnerstag 26.03.2026, 09:22
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Die Veranstaltung vom 24. März 2026, wo uns der Film "Die Möllner Briefe", ein Dokumentarfilm aus dem Jahre 2025, der auch hier in Deutschland in den Kinos lief, gezeigt wurde, beschäftigt mich sehr, und deshalb hier ein Beitrag der Süddeutschen Zeitung:
Als 1992 Neonazis einen Brandanschlag auf türkische Familien verübten, stellten Beamte die Kondolenzbriefe nicht zu. Nun erreichen sie die Angehörigen mit 30 Jahren Verspätung, wie Martina Priessner im bewegenden Film „Die Möllner Briefe“ zeigt.
İbrahim Arslan überlebte, weil seine Oma den damals Siebenjährigen in die Küche brachte, ihn unter den Tisch packte und in nasse Tücher wickelte. İbrahims Bruder Namik, damals noch ein Baby, wurde von seiner Mutter aus dem Fenster in die Arme von Helfern geworfen, danach sprang sie selbst in die Tiefe. İbrahims und Namiks Schwester Yeliz, sie war zehn, starb in den Flammen. Ebenso ihre 14-jährige Cousine Ayşe Yılmaz und ihre Großmutter Bahide Arslan, die umkam, als sie versuchte, auch die Mädchen zu retten.
Zum einen erlebt man in diesem Film die dunkelsten Seiten der Bundesrepublik noch einmal nach. Das Böse, an das immer wieder erinnert werden muss, damit es nicht wieder und wieder passiert, ist der Hass: Yeliz, Ayşe und Bahide Arslan wurden von zwei Neonazis ermordet, die in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1992 Molotowcocktails auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser in Mölln warfen. Es war der erste rassistisch motivierte Anschlag im wiedervereinten Deutschland, bei denen Menschen starben; neun weitere wurden zum Teil schwer verletzt.
In der Folge zeigte sich aber auch das Gute, in den Tagen und Wochen nach der Tat demonstrierten überall in Deutschland Menschen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, an den Lichterketten nahmen Hunderttausende teil. Viele Menschen schrieben auch Briefe an die Angehörigen der Toten – die titelgebenden „Möllner Briefe“. Es sind bewegende Zeugnisse des Mitgefühls, voller Scham und Trauer. Unter den Schreibern waren auch Kinder: „VON ANNEKE FÜR iBRAHIM ARSLAN“ steht da in unbeholfenen Großbuchstaben, dazu hat Anneke ein Haus gezeichnet, mit rotem (brennenden) Dach und drei Figuren mit langen Haaren – die Toten. Aber auch Blumen, eine leuchtend gelbe Sonne, ein Schmetterling und viele bunte Herzen.
Der Brandanschlag hat die Überlebenden geprägt, die Traumata reichen bis in die nächste und übernächste Generation
Solche Anteilnahme kann trösten, das weiß jede und jeder, der einen geliebten Menschen verloren hat – NUR HABEN DIESE BRIEFE DIE HINTERBLIEBENEN JAHRZEHNTELANG NICHT ERRREICHT! Die Möllner Stadtverwaltung hatte die Schreiben archiviert, statt sie an die türkischen Familien weiterzuleiten, erst 2019 entdeckte eine Studentin die Briefe im Archiv. Es ist eine Herz- und Gedankenlosigkeit von Bürokraten, vielleicht auch ein Zeichen von strukturellem Rassismus und in jedem Fall empörend.
Die „Möllner Briefe“, ihre Hintergrundgeschichte und das Leid der Opfer ins Zentrum eines Films zu rücken, ist in diesen Zeiten, da der Rechtspopulismus immer mehr Zuspruch findet, nicht die schlechteste Idee. Mittlerweile haben Ibrahim und seine Geschwister die Beileidsschreiben dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) zugänglich gemacht.. Dabei zeichnet Priessner, auch formal sehr zurückhaltend, Porträts der Überlebenden: wie deren Traumata sie prägen, wie sie damit umgehen. Dass eine solche Tat für die Opfer nachhaltig verheerend ist, bis in die nächste und übernächste Generation, lässt sich hier fast lehrbuchhaft studieren.
So hat der jüngere Bruder Namik seinen Schmerz ein Leben lang buchstäblich in sich hineingefressen. Jetzt lässt er sich den Magen operativ verkleinern, um sein Übergewicht loszuwerden. Als Ehemann und Vater ist er so übervorsichtig und kontrollierend, dass beispielsweise nur er die Wohnungstür öffnen darf, wenn es klingelt.
Eine nach dem Brand geborene Schwester wurde nach der getöteten Yeliz benannt. Deren Mutter hat die Ohrringe ihrer toten Tochter, eine Zeichnung und ihren vom Feuer versengten Koran aufbewahrt. Um endlich Abstand zu bekommen, übergibt sie diese Dinge schließlich dem Museum. Und İbrahim, der von der Feuerwehr völlig unterkühlt vom Löschwasser aus dem ausgebrannten Haus gerettet wurde, hustet ständig, früher hatte er häufig Flashbacks. Um damit fertigzuwerden, erzählt er seine Geschichte in Schulen, leitet Workshops und organisiert Gedenkveranstaltungen in Mölln, bei denen anders als bei offiziellen Gedenken die Betroffenen das Wort haben. „Kein Schlussstrich“, steht auf seinem T-Shirt.
Der heutige Bürgermeister von Mölln will sich zum damaligen Verhalten der Stadtverwaltung und seines Amtsvorgängers nicht äußern, eine Entschuldigung hört man (zumindest im Film) auch von ihm nicht. Die Einfühlsamkeit der Museumsmitarbeiterin, der Yeliz’ Mutter die Erinnerungsstücke ihrer toten Tochter übergibt, berührt hingegen tief. Beides ist Deutschland, beides ist in diesem stillen, bewegenden Film zu sehen.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
So, und wer jetzt noch Witze und Häme von sich gibt, wie es hier schon einige nach dem Beitrag von @Novelle getan haben, der ist an Grausamkeit und Bestialität nicht zu überbieten.