Saul kämpft gegen das Vergessen
Von ehemaliges Mitglied 16.11.2025, 06:43
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Saul Dreier wartet 2015 auf den Aufritt mit seiner Holocaust Survivor Band (die Holocaust-Überlebende-Band). Der kleine, drahtige Rentner steht in den Kulissen der Millennium-Bühne des Kennedy Centers in Washington, USA. Ein prestigeträchtiger Ort für eine Musikgruppe, die bis zu diesem Zeitpunkt erst seit etwas mehr als einem Jahr existiert. Dreier ist aufgeregt, aber nicht nervös. Er hat in seinem Leben schon zu viel gesehen, um sich von einer Vorführung wie dieser verunsichern zu lassen. Als Dreier (90), und Reuwen „Ruby“ Sosnowicz (8
Ein gleichmäßiger Beat, gefolgt vom Schlagen einer kleinen Trommel, leitet die erste Melodie ein, das alte jiddische Lied Shalom Aleichem (Friede sei mit dir).
Während manche den Song wie ein Schlaflied singen, spielen Dreier & Co. es schnell und schwungvoll. Sie sind eine Klezmer-Band, die traditionelle jüdische Volkslieder und die ungestüme Tanzmusik Osteuropas mit einer kräftigen Dosis Improvisation kombiniert. Das Publikum nickt mit. Viele singen oder summen mit. Im krassen Gegensatz zu der beschwingten Melodie blitzen auf einer großen Leinwand eindringliche Schwarz-Weiß-Bilder vom Holocaust auf: Häftlinge, die in die Lager geführt werden, übereinander gestapelte Leichen, Familien, die auf ihr unausweichliches Schicksal warten.
Die Band leitet über zu Hava Nagila, dem Hochzeitslied. Dreier springt auf und ruft den Leuten zu: „Klatscht alle in die Hände!“ Sie tun es. Ergriffen bleibt Dreier aufrecht stehen, während er weiter Schlagzeug spielt. Die Fotos werden von einer Illustration mit tanzenden Silhouetten abgelöst, darunter steht Enjoy Yourself (Viel Vergnügen).
Dann ist Sosnowicz an der Reihe, er verlangsamt das Tempo mit der herzzerreißenden Ballade Where Can I Go?. Sie handelt von der Notlage des umherirrenden Juden: „Sag mir, wohin kann ich gehen? Es gibt keinen Ort, den ich sehen kann. Wohin soll ich gehen, wohin soll ich gehen? Jede Tür ist für mich geschlossen.“
Die Songliste umfasst jiddische Melodien, mit denen Dreier und Sosnowicz aufgewachsen sind, wie Bei mir bistu shein, sowie US-amerikanische Standards wie Those Were the Days.
Das Publikum genießt jede Sekunde. Die Band genießt jede Sekunde. Aber niemandem im Saal gefällt es mehr als Saul Dreier. Trotz der üblen Schicksalsschläge, die das Leben ihm beschert hat, ist Dreier mit einem ansteckenden Lächeln und einer Lebensfreude gesegnet, die sich in jedem flinken Schlagzeugschlag und in der Art und Weise zeigt, wie seine Augen das bewundernde Publikum ansprechen. Die Menschen sind gekommen, um die Band zu sehen, die Dreier zu Ehren der Holocaustopfer zusammengestellt hat. In einer Zeit, in der die Erinnerungen verblassen und der Holocaust gar geleugnet wird, sieht er es als seine Pflicht an, dafür zu sorgen, dass niemand vergisst. Sein Ziel, sagt er, ist es, „den Antisemitismus zu besiegen“.
Eine dramatische Lebensgeschichte
Polen war 1925, in dem Jahr, als Saul Dreier geboren wurde, ein ganz anderes Land als das, was es später werden würde. In Krakau, umgeben von Freunden, einer liebevollen Familie und dem ständigen Summen der Musik, war das Leben „idyllisch“, erzählt er. Die Idylle endete im Herbst 1939, als deutsche Truppen in seine Heimatstadt einmarschierten. Sie verhafteten seinen Vater, Musiker und Offizier in der polnischen Armee. Seine Mutter wurde mit anderen in Güterwaggons gepfercht und ins Konzentrationslager gebracht. Saul und seine Schwester zogen bei ihrer behinderten Großmutter ein. Unter der Nazi-Besatzung war die Schule für Juden keine Option mehr. Stattdessen musste Dreier Kleidung und Schmuck sortieren, welche die Nazis jüdischen Familien abgenommen hatten.
1941 geriet Dreiers Welt erneut aus den Fugen, als er mit ansehen musste, wie Soldaten seine Großmutter auf den Marktplatz zerrten und erschossen. Wochen später trennten Soldaten die Geschwister und brachten den damals 16-jährigen Dreier zusammen mit anderen Arbeitern in das Arbeitslager Plaszow, wo er eine neue Identität erhielt: 86540 – die Nummer, die ihm die Nazis auf den Unterarm tätowierten. Lagerkommandant war Amon Göth. Nach dem Krieg sollte er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit hingerichtet werden. Zu diesen Verbrechen gehörte, dass er betrunken auf seinem weißen Pferd durch das Lager ritt und zum Spaß Gefangene erschoss.
Im Lager hungerte Dreier, wurde gedemütigt und ausgepeitscht. Der Tod war ständig präsent. Was ihn am Leben hielt, war die Musik. In den kostbaren Momenten, in denen er keine Zwölf-Stunden-Schichten Zwangsarbeit leistete, war er in einer Einraumbaracke mit etwa 50 anderen Männern zusammengepfercht.
Um seelisch nicht zu zerbrechen, sangen die Männer traditionelle jüdische Lieder. Einmal bemerkte Dreier, dass sie nicht mehr synchron waren. Er fand zwei Metalllöffel und hielt den Takt, indem er sie zusammenklatschte. Das wurde seine Aufgabe: den Takt zu halten. Und er genoss es. „Das Singen hat mir geholfen zu überleben“, beteuert er. „Wenn man nichts zu essen hat, aber hart arbeitet und singt, vergisst man, dass man nichts zu essen hat.“
„Wie oft werden wir noch die Gelegenheit haben, eine Band von Holocaust-Überlebenden zu hören? Wir alle müssen es auf uns nehmen, ihre Botschaft von Frieden und Liebe in die ganze Welt zu tragen.“