Theodor Herzl
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 16.09.2025, 10:57
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Theodor Herzl, der jüdische Jules Verne, war ein politischer Romantiker. Sein großes Verdienst liegt darin, ein nationales Bewusstsein im jüdischen Volk geweckt und den Zionismus zu einem Instrument der Diplomatie gemacht zu haben.
Auch mehr als 125 Jahre nach seinem ersten Auftreten als Zionist ist Theodor Herzl im heutigen Israel allgegenwärtig: eine Stadt und ein Berg sind nach ihm benannt, keine Stadt ohne Herzl-Straße und -Schule, ganz zu schweigen von all den Institutionen, einem Museum, die seinen Namen tragen. Von 1969 bis 1986 zierte Herzls Antlitz den 100-Pfund- (später 10 Schekel-)Schein. Es gibt einen Theodor-Herzl-Preis und an der Wiener Universität gibt es eine Herzl-Dozentur. In Jerusalem gibt es eine Herzl-Brauerei, in einem Nürnberger U-Bahnhof hängt ein großes Mosaik mit seinem Bildnis. Von dem liebevollen Kosenamen „Herzl“ einmal abgesehen. Der Herzl-Berg oder Mount Herzl in Jerusalem, vis-a-vis der der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem gelegen, steht symbolisch für den Übergang der Juden von der Machtlosigkeit zur Macht, von der Vernichtung zur Wiedergeburt, das zentrale Ziel des Zionismus.
Herzl, Jude der Religion nach, Ungar von Geburt, Österreicher durch seine Staatsbürgerschaft und Deutscher durch Erziehung und Kultur, ist ein Musterbeispiel für eine verwirrende, auseinanderstrebende vielschichtige Persönlichkeit. In seinen Briefen und Tagebuchnotizen kommen seine entwaffnende Offenheit, in denen er seine grandiosesten wie seine lächerlichsten Phantasien eingestand ebenso zum Ausdruck wie sein narzisstischer Charakter. Herzl war ein politischer Romantiker. 1895 schrieb er: „Übrigens, wenn ich etwas sein möchte, wär’s nur ein preußischer Altadliger“. In der Tat blieb der deutsche Adel für immer sein Ideal und Vorbild, selbst nach der Bekehrung zum Zionismus.
Dandy und Feuilletonist
Vor dem Jahre 1896 war der zionistische Gedanke noch Utopie, eine verrückte Idee. Der Mann, der die Utopie zur Wirklichkeit umformte und den entscheidenden Durchbruch erreichte, war Theodor Herzl - ein Dandy und Caféhausliterat und mittelmäßiger Theaterschriftsteller aus Wien, der bislang nur mit einigen Salonkomödien in der Öffentlichkeit hervorgetreten war. Herzl war ein weltläufig gebildeter, erfolgreicher Feuilletonist sowie Brief- und Tagebuchschreiber ausgestattet mit einem Stil makelloser Reinheit, große deutsche Prosa schreibend. Er war ein mitreißender Redner mit einem Talent zur Selbstinszenierung.
Als Feuilletonist war er amüsant, ein leichtfüßiger, eleganter Flaneur, allem Neuen aufgeschlossen, Technik begeistert, dazu ein glänzender Stilist, dessen Texte auch nach mehr als einhundert Jahren ganz und gar nicht verstaubt sind. Seine Feuilletons reichen von Stimmungsbildern, Technikgeschichte, Reiseberichten über Theater und Buchkritik bis zu philosophischen Betrachtungen. Sein journalistischer Erfolg hatte vor allem damit zu tun, dass zu seiner Zeit offensichtlich noch viel Zeit für die Zeitungslektüre genommen wurde, das Feuilleton war täglicher und konstitutiver Bestandteil davon. Der Feuilletonist genoss höheres Ansehen als der Autor von politischen Nachrichten, weil ihm literarische Qualität zugebilligt wurde – und die besaß Herzl im Überfluss.
Ein Grund für seine Erfolglosigkeit als Theaterschriftsteller mag darin zu suchen sein, dass Herzl mit dem Dilemma zu kämpfen hatte, dass man in ihm nicht den Bühnenautor oder erfolgreichen Journalisten, sondern ab 1895 den zionistischen Politiker sah. Herzl, von Geldsorgen geplagt, seufzte: „Vom Zionismus darf ich nicht leben, von der Literatur soll ich auch nicht leben. Ein Problem“.
Als Feuilletonist und Essayist verband Herzl seine schriftstellerische Aktivität mit seiner beruflichen. Auch die Tätigkeit als schöngeistiger Homme de lettres hätte ihn nicht vor der Vergessenheit bewahrt. Erst die Hinwendung zu seiner eigentlichen Lebensaufgabe, der Propagierung der zionistischen Idee und der Gründung der zionistischen Bewegung machte ihn zu einer historischen und prophetischen Figur.
Der Beginn des jüdischen Bewusstseins
In Paris sollte Herzl für die Wiener „Neuen Freien Presse“ vom Dreyfus-Prozess 1896 berichten. In diesem Verfahren ging es um den Generalstabskapitän Alfred Dreyfus, der wegen vermeintlicher Spionage für Deutschland angeklagt und zu lebenslänglicher Deportation auf die sog. Teufelsinsel verurteilt wurde. Dreyfus war unschuldig und sein Fall enthielt mehr als einen Justizirrtum. Bei seiner Verurteilung spielte vor allem die Tatsache eine Rolle, dass er Jude war. Den Prozess begleiteten antisemitische Ausfälle, die auf ganz Frankreich und dann über die Grenzen hinaus übergriffen. Der dabei zutage tretende offene Judenhass weckte in Herzl ein bislang wenig ausgeprägtes jüdisches Bewusstsein.
Den Pariser Korrespondentenposten sah Herzl als Sprungbrett, von dem er sich „hochschwingen“ wollte - in welche Höhen, war ihm damals noch unklar: Er glaubte, in sich die Gabe und Kraft zu haben, ein großes Weltblatt zu leiten oder Direktor eines bekannten Theaters zu werden. Aber anderes ereignete sich mit ihm und in ihm. Literatur und Politik, Staats- und Theaterkunst, Traum und Wirklichkeit flossen in seinem Leben immer wieder ineinander.
Pogromistische Angriffe hatte er in Wien nie erlebt, und die Rufe des Pariser Pöbels, „Schlagt die Juden tot!“, hallten ihm nachdrücklich in den Ohren. Ihm wurde klar, dass der Antisemitismus so lange eine Geißel der Juden sein würde, wie sie als „Gastvolk“ unter ihrem jeweiligen „Wirtsvölkern“ leben würden: Nur ein eigener jüdischer Staat, in dem die Juden über sich selbst bestimmten, würde das „Judenproblem“ lösen, den Antisemitismus von den Juden fernhalten.
Während der letzten zwei Monate seines Pariser Aufenthaltes schrieb Herzl den „Judenstaat“ in einem Zug herunter. Seinen Freund Arthur Schnitzler ließ er wissen, ein „Basaltberg“ sei in ihm aufgeschossen. Mit seiner 1896 veröffentlichten Schrift „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“, hatte er gleichsam das Gründungsmanifest der zionistischen Bewegung verfasst.
Mehr als die Hälfte von Herzls Buch setzt sich mit der praktischen Durchführung auseinander. So wie er sich im „Judenstaat“ auch in Details über Provinzverwaltung, Industrie oder Handel um Kleinigkeiten kümmerte, vertiefte er sich bei den Vorbereitungen zu den Zionistenkongressen auch um alle möglichen Details: „Während der Verpflanzung muss man lokale Bräuche respektieren. Salzstangen, Bier, Kaffee, gewohntes Fleisch usw. sind nicht gleichgültig. Moses vergaß die Fleischtöpfe Ägyptens mitzunehmen. Wir werden daran denken“.
Herzls Broschüre verursachte in weitesten Kreisen Aufsehen. Ganz Wien sprach über das Buch – in einer Mischung aus Verärgerung und Überraschung. Auf das Staunen folgte die Verachtung. „Vielleicht ist niemand so gehöhnt worden wie Theodor Herzl“, schrieb Stefan Zweig, „und wie der andere Mann, der gleichzeitig eine entscheidende Weltidee allein und unabhängig aufgestellt, sein großer Schicksalsgefährte Sigmund Freud“. Herzls Ideen veränderten die geistige Situation des Judentums radikal, und der „Judenstaat“ hatte dabei, so Zweig, die „Durchschlagskraft eines stählenden Bolzens“.
Hohn und Gegenwind
Herzl war es ernst – in der „Judensache“ verstand er keinen Spaß. Er könne zwar Kritik vertragen, ließ Herzl verlauten, „nur von den Waschlappen, Scheiß- und Lumpenkerlen mit oder ohne Geld will ich nichts wissen“. Die ihm von allen Seiten entgegengebrachten Skepsis wischte Herzl weg. An Reichskanzler Otto von Bismarck richtete er die großspurigen Zeilen, er, Herzl, glaube, die Lösung der Judenfrage gefunden zu haben. Nicht eine Lösung, sondern die Lösung – die einzige. Bismarck ließ Herzls Brief unbeantwortet.
Vergebens hatte Herzl den Grazer Soziologen Ludwig von Gumplowicz für den Zionismus einzunehmen versucht. Kühl hatte der ihm geantwortet: „Sie wollen einen Staat ohne Blutvergießen gründen? Wo haben sie das gesehen? Ohne Gewalt und ohne List? So ganz offen und ehrlich - auf Aktien?“
Alexander Scharf, Redakteur an der Wiener Sonn- und Montagszeitung, eilte, als er von der Drucklegung hörte zu Herzl, und beschwor ihn: „Wenn ich Rothschild wäre und nicht wüsste, dass Sie unbestechlich sind, würde ich Ihnen fünf Millionen für die Nichtveröffentlichung dieser Broschüre anbieten.
Oder ich würde Sie ermorden lassen. Denn Sie werden den Juden unermesslichen Schaden zufügen“.
Im Journalisten- und Schriftstellerverein „Concordia“ umringte man Herzl: „Was wollen Sie in Ihrem Judenstaat werden? Ministerpräsident oder Kammervorsitzender?“ Herzl jedoch war es „blutig ernst“. Seinen Kritikern hielt er entgegen: „Wer in dreißig Jahren Recht behalten will, muss in den ersten drei Wochen seines Auftretens für verrückt erklärt werden“. Da mag er sich an eine Szene erinnert haben, als er einem Freund seine Judenstaat-Broschüre zu lesen gab, und dieser zu weinen begann. Für Herzl war das ganz verständlich, denn der Freund war Jude. Der Freund jedoch glaubte, Herzl sei verrückt geworden.
Der Person Herzls wie seinen Ideen konnten sich weder Bewunderer noch Gegner entziehen, auch wenn er polarisierte. So wie der Zionismus in der jüdischen Gesellschaft mehrheitlich abgelehnt wurde, hatte Herzl sich innerhalb der zionistischen Bewegung seiner Gegner zu erwehren. Vor dem von ihm einberufenen ersten Zionistenkongress 1897 in Basel, der ersten allgemeinen Judenversammlung seit der Zerstörung Jerusalems, klagte er: „Ich stehe nur an der Spitze von Knaben, Bettlern und Schmöcken“.
Ungewisse Zukunft
Die meisten Juden Westeuropas dachten nicht daran, den eingeschlagenen Weg der Assimilation zu verlassen, ihre eingefugte Verklammerung in die jeweilige Staatenwelt, ihre bürgerlichen Positionen aufzugeben und, wie einst ihr Stammvater Abraham, in ein ungewisses unwirtliches Land zu ziehen. Widerstand, Spott und Ironie schlugen den Zionisten allenthalben entgegen. Eine der häufigsten Bemerkungen war: „Ich bin ja ganz einverstanden mit einem jüdischen Staat, wenn man mich zum Botschafter in Wien ernennt“. Anstelle von Wien hätte es natürlich auch Berlin sein können. Oder es hieß: „Wir Juden haben 2.000 Jahre auf einen jüdischen Staat gewartet - ausgerechnet mir muss er passieren?“
Manche seiner Biographen haben Herzl als eine überlebensgroße Lichtgestalt und in ihm einen Propheten mit messianischen Zügen sowie als Märtyrer für sein Volk gesehen. Andere haben ihn als Phantasten und gescheiterten Diplomaten in seiner Rivalität mit anderen Zionisten beschrieben, seine psychischen Leiden, seine gestörten Familienverhältnisse und seine gar abgründigen Leidenschaften herausgehoben. Wie immer man ihn beurteilen mag, Herzl war eine außerordentliche Persönlichkeit in der langen jüdischen Geschichte, mit der eine neue Zeitrechnung begonnen hatte. Er veränderte die jüdische Welt.