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Alter Geschichte neu verfasst

Von Feierabend-Mitglied Mittwoch 10.09.2025, 20:59

Mallorca, die Schwelle

„Mallorca, ich komme.“ Der Gedanke war kein Versprechen mehr, sondern ein Gebet. Ein Jahr wollte sie bleiben, ein Jahr unter der Sonne. Weg vom Tod, weg vom Krankenhaus, weg vom verbrauchten Leben.

Doch als das Flugzeug über der Insel kreiste, dachte sie nicht an Entspannung, sondern an die Hunde. Die Streuner, diese halb wilden Kreaturen, die sie noch aus dem Winter kannte. Ihre Blicke hatten sie verfolgt – traurig, aber auch wissend.

Einer in besonderem Maße: die Hündin. Damals schien sie trächtig, und in ihren Augen brannte Glut. Nun war sie zurück, um zu prüfen, was geboren war.
Kinder der Schatten

Der erste Rundgang: Die alten Gefährten erschienen, kläffend, hungrig – und die Hündin, ausgezehrt, mit sieben Welpen.

Seltsam war ihr Fell dunkel und dicht, ihre Augen von unnatürlichem Glanz. Nicht das matte Braun zahmer Hunde, sondern ein intensives Gelb, wie von Feuer durchleuchtet. Sie blickten sie an, wie man nicht einen Menschen ansieht, sondern einen Eingeweihten, einen Teil der Meute.

Sie wollte lachen, doch dachte nur: „Der Vater war ein Wolf.“

Warum sie das dachte, wusste sie nicht. Aber jedes Winseln, jedes Fiepen klang wie ein Versprechen: Du gehörst uns.
Das Kratzen

Es begann harmlos: Müdigkeit, schwere Beine. Dann das Jucken. Erst am Ellenbogen, dann am ganzen Körper. Nächte, in denen sie aufschreckte, weil sie meinte, Pfoten über ihre Haut laufen zu fühlen.

Im Spiegel sah sie rote Stellen, Risse wie feine Narben. Aber manchmal, für den Bruchteil einer Sekunde, wirkten sie wie Muster – wie Fell, das durch ihre Haut brach.

Am Strand hörte sie Heulen in der Ferne. Und sie wusste: Das war nicht nur Einbildung.
Der Arzt

Der deutsche Arzt in Paguera blieb kühl. „Räude, Parasiten von Straßenhunden. Eine Salbe genügt.“

Doch seine Miene verfinsterte sich. „Aber erwähnte Symptome – Fieber, Krämpfe – könnten auf Tollwut hindeuten. Impfung jetzt, sofort. Sonst, wenn es ausbricht: ausnahmslos tödlich.“

Seine Worte schwirrten in ihrem Kopf: tödlich, tödlich. Und doch: teuer. Schmerzlich in ihren Ersparnissen. Und diese leise, fremde Stimme in ihr flüsterte: Warum dich impfen lassen gegen das, was du schon in dir trägst?

Sie lehnte ab. Und kehrte zurück. Zu den Hunden. Zu den Welpen.
Wasser

Die Website wuchs, Geld floss. Videos der Welpen rührten Herzen in Deutschland. Alles schien zu Sinn und Ziel zu werden.

Doch eines Morgens geschah es. Sie wollte sich waschen. Der Wasserhahn drehte sich, Tropfen sprangen ins Becken—und sie schrie auf, als träfe sie Gift. Panik kroch in ihre Glieder, ihr Hals krampfte, der Speichel brannte wie Schaum.

Das Wasser war plötzlich Feind. Ihre Kehle verweigerte den Schluck. Hydrophobie. Kein Zweifel mehr.

Und doch – in ihrem Spiegelbild glommen die Pupillen gelb.
Rufe im Blut

Die Tage danach verlor sie sich. Einmal stand sie nachts am Fenster und sah hinaus: Die Hündin saß dort, unbeweglich, und hinter ihr, im Schatten der Pinien, eine Gestalt – groß, still, schweigend. Augen wie zwei Fackeln.

Sie verstand: Der Vater war kein gewöhnlicher Wolf. Der Vater war etwas anderes. Etwas, das nicht hierhergehörte, aber wartete.

Und die Welpen trugen sein Erbe.
Und sie trug es jetzt auch.

Denn das Kratzen auf ihrer Haut war verstummt. An seiner Stelle breitete sich eine Hitze aus, ein Ziehen in Muskeln und Knochen, als wollten sie sich neu formen.
Das Ende – oder der Beginn

Man fand sie nicht gleich. Erst nach einigen Tagen, als Nachbarn den Gestank bemerkten. Die Wohnung verschlossen, die Luft dick, das Bett leer. Nur Spuren: aufgerissene Kissen, haarähnliche Fasern, Spuren von Krallen an der Wand.

Eine trockene Anfrage an die Krankenkasse: „Sind Sie bereit, die Kosten für die Überführung der sterblichen Überreste von Frau… zu übernehmen?“

Doch Überreste fand man keine. Nur Spuren, nur Haare, nur ein geöffnetes Fenster.

Und draußen am Strand, bei Sonnenuntergang, erzählten einige, sie hätten eine Gestalt im Sand laufen sehen – nicht Hund, nicht Mensch. Flankiert von sieben jungen Tieren, die gelb aufleuchtende Augen hatten.

Manche sagten, die Frau sei gestorben.
Andere sagten, sie habe ihr altes Leben abgestreift.
Und wenn in den Bergen Mallorcas in der Dunkelheit ein neues Heulen ertönte, schworen einige, es klang wie zwei Stimmen, übereinandergelegt: die einer Frau – und die eines Wolfes.

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