Das Reich der Duftgläubigen
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Feierabend-Mitglied
Donnerstag 13.11.2025, 16:37
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Die Idee dazu kam mir,
als ich im Fernsehen Reklame über Körper und Wäschedeo sah.
Es war einmal ein wohlhabendes Land,
in dem alles glänzte: die Mauern aus Marmor,
die Menschen aus Zufriedenheit und die Luft aus Frische.
Die Bewohner hielten sich für das reinlichste Volk der Welt, und ihre stolzeste Errungenschaft war die Seife – ein schlichtes Stück,
das Schmutz vertrieb und dabei nichts versprach außer Sauberkeit.
Eines Tages erschien ein Konzern namens DeoCorp, der behauptete, Reinheit lasse sich einfacher, schneller und moderner erzeugen. Seine Händler verkündeten auf allen Marktplätzen, Reinheit brauche keine Seife mehr, nur Vertrauen – in ein Spray, das alles könne. Mit einem Hauch unter den Achseln, einem Sprühstoß über die Kleidung und einem letzten Nebel für die Seele versprach es: „Nie mehr waschen – nur noch strahlen.“
Die Abschaffung der Seife.
Das Volk jubelte. Der König unterschrieb das „Gesetz der Neuen Frische“. Die Seife wurde als rückständig erklärt – ein Symbol alter Mühsal, Wasserverbrauch und sinnloser Körperarbeit. Wer weiterhin Seife benutzte, galt als Feind des Fortschritts.
Lehrer erklärten den Kindern, dass Schmutz nur ein „Missverständnis“ des vorwissenschaftlichen Zeitalters gewesen sei. Statt Waschen lernte man Aerosolkunst: die richtige Technik des Sprühens, das harmonische Verteilen des Duftfilms. Auf dem Marktplatz sprühten Männer und Frauen um die Wette; das Land duftete gleichzeitig nach Alpenwiese, Vanillewolke und Benzin.
Das neue Zeitalter der Oberflächen.
Zuerst schien die Revolution gelungen.
Niemand musste mehr Wasser schleppen oder Wäsche trocknen.
Die Menschen fühlten sich rein,
sie rochen wie Frische selbst.
Doch bald veränderte sich etwas.
Zuerst in den Krankenhäusern: Hautärzte meldeten seltsame Ausschläge. Kinder entwickelten Atemnot,
Erwachsene klagen über Kopfschmerzen.
Der Fluss, einst klar, schimmerte nun in Regenbogenfarben – ein prachtvolles, aber giftiges Schauspiel aus abgelassenem Deoschaum.
Die Regierung reagierte mit Werbespots: „Unreinheit beginnt im Kopf!“, hieß es, begleitet von lächelnden Gesichtern,
die unter Sprühnebel verschwanden.
Wer Fragen stellte, galt als Verschwörer,
wer hustete, als faul.
Die Krankheit der Reinheit.
Schon bald stank das Land – süß, künstlich, abstoßend.
Doch niemand nahm es wahr.
Der Geruch galt als Zeichen des Erfolgs: Wer kräftig duftete,
musste sich wohl etwas teures leisten können.
Der Duft wurde zum sozialen Status.
In den Armenvierteln, wo man sich die neuesten Sprays nicht leisten konnte, roch es nach der alten Welt – nach Schweiß und Erde.
Dort erkrankten die Menschen nicht so schnell.
Aber sie wurden verachtet.
Man nannte sie „die Natürlichen“, halb ehrfürchtig, halb angeekelt.
Krankheiten breiteten sich aus, gegen die keine Werbung half.
Das Immunsystem, seit Jahren untrainiert von echter Sauberkeit,
kapitulierte.
Hände, nie mehr mit Wasser gereinigt,
waren Bakterienparadiese in Parfüm.
Doch im Fernsehen sprachen Experten von „Adaptionsbeschwerden“ – die Folge eines Übergangs,
der sich bald legen würde.
Nur Prinzessin Klara, die jüngste Tochter des Königs, glaubte nicht mehr an den Glanz.
Sie merkte, dass selbst die Palastgärten welkten,
obwohl die Gärtner täglich Duftnebel versprühten.
Die Rosen verloren ihre Farbe, die Bienen verschwanden,
und die Luft schmeckte nach Plastik.
Eines Nachts floh sie aus dem Schloss und traf auf einen alten Mann,
der am Rande des verseuchten Flusses saß.
In seinen Händen hielt er ein kleines Stück Seife.
„Das ist verboten“, sagte Klara.
„Manches Verbot gilt nur, weil es den Handel schützt“, erwiderte der Alte und reichte ihr das Stück.
„Probier es.“
Sie wusch sich zum ersten Mal seit Jahren.
Das Gefühl war fremd – kühl, echt, lebendig.
Zum ersten Mal roch sie nichts,
und gerade das war der schönste Duft.
Als Klaras Haut heilte und ihre Kräfte zurückkehrten,
begann sie mit anderen, heimlich Seife herzustellen.
Aus Asche und Öl, so wie früher.
Das alte Wissen wanderte von Dorf zu Dorf.
Als im Palast schließlich selbst der König krank wurde,
suchte man verzweifelt nach den Rebellen mit den „veralteten Methoden“.
Man fand Klara – und mit ihr die Wahrheit,
die kein Werbeversprechen auslöschen konnte.
Die Ärzte entdeckten, dass die Hygienerevolution eine Täuschung war: Statt Schmutz zu beseitigen, hatte man das Leben selbst erstickt.
Das Land hatte sich nicht gereinigt, sondern betäubt.
Als das Verbot fiel und das Wasser wieder in die Häuser floss,
begann eine langsame Heilung.
Doch viele Flüsse blieben tot,
viele Kinder trugen Narben.
Auf den Ruinen der Deo-Fabriken blühte Moos – das erste echte Grün seit Jahren.
Die Menschen wussten nun, wie leicht Reinheit zur Lüge werden kann, wenn sie vom Markt verkauft wird.
Und so schrieb man in die neue Verfassung:
„Wer die Seife abschafft,
weil er nur den Geruch der Sauberkeit will,
wird bald den Geruch des Verfalls kennen.“
Und vielleicht, so sagen die Alten, weht an windstillen Tagen noch immer ein Hauch dieses alten Parfüms durch das Land – als Mahnung, was aus jenen wird, die Reinheit mit Bequemlichkeit verwechseln.
(c) FRK