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Ein ganz normaler Ehemann ....1.

Von comanchemoon Montag 21.10.2024, 11:41

Heinrich Wetter erzählt aus seinem Leben als ganz normaler Ehemann
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Um eines klarzustellen, ich wurde von meiner Frau Mona Marie gezwungen, Episoden aus meinem Leben preiszugeben. Und das, obwohl ich der Meinung war, dass dieses bisher eher ziemlich normal und nüchtern verlaufen war. Jedenfalls nüchterner, als das von einem Nachbarn, der fünf Häuser weiter wohnt.

Und so begann es.

Sie lag vor mir, noch ganz jungfräulich und faltenfrei. Fast zärtlich strich ich über ihre Seiten und fühlte die seidige Glätte. Ich atmete ihren Duft ein.

Herrlich, diese druckfrischen Presseexemplare. Mein Sonntagsritual konnte beginnen.

Genussvoll wollte ich gerade anfangen, meine Lieblingszeitung zu lesen, als Mona Marie heranrauschte. Sie machte von ihrem Recht als Ehefrau Gebrauch und setzte sich mir gegenüber an unseren großen runden Eichentisch in der Küche. Zunächst sah sie mich nur nachdenklich und erwartungsvoll an. Als ich nicht reagierte, wurde der Ausdruck in ihren dunklen Augen mit der Zeit immer eindringlicher und schließlich bohrend. Da ich wusste, das Wasser niemals bergauf rinnt, und somit die Blicke Mona Maries nicht milder würden, riss ich mich schließlich zusammen und von der Zeitung los. Betont freundlich fragte ich: „Ist irgendetwas? Was hast du?“

Darauf hatte sie offensichtlich gewartet und setzte zu einer Erklärung an: „In der Zeitung berichten alle möglichen Leute über sich! Und im Fernsehen erst recht! Und meine Schwester Mary Lee hat für ein amerikanisches Magazin eine Serie über Ehemänner geschrieben.“

„Na und?“, fragte ich alarmiert. „Mary Lee ist schließlich Journalistin.“

Ohne auf meine greifbare Skepsis einzugehen fuhr sie fort: „In einer Zeitung schreibt jemand täglich über seinen Hund. Viele schreiben Bücher über sich, obwohl außer einem dümmlichen Grinsen auf dem Cover nicht viel dabei herauskommt, was sonderlich interessant wäre. Pöbelnde Fernsehmoderatoren schlagen Räder wie Pfaue und berichten von einem Leben, das uns eher fremd ist. Millionäre geben hochgeistige Sätze von sich, und alle möglichen Leute lassen sich öffentlich mit mehr oder weniger anspruchsvollen Partnern verkuppeln. In Fernsehsendungen quatschen die Frauen darüber, was sie gestern Abend gegessen haben und dass der Mann gern rote Socken trägt. Die Dame des Hauses wiederum gar keine. Was den Mann fürchterlich stört und er seine Nachbarn zu einer Kampagne: „Zieht meiner Frau wenigstens grüne Socken an!“, aufruft. Das alles wird von einer Quotenqueen mit schriller Stimme und heftigen Bewegungen in einer – wenn wir Glück haben – Nachmittagssendung verkündet. Und das können wir auch!“

„Was, das Verkünden?“

„Nein, das Berichten!“

Ich starrte sie in tiefer Fassungslosigkeit an: „Wie bitte, wir sollen im Fernsehen auftreten, ungewaschene Socken schwenken und dazu auch noch unsere Nachbarn einladen??“

Mona Marie verdrehte bei soviel Begriffsstutzigkeit die Augen: „Nicht im Fernsehen. Wir sollten über uns schreiben! Jeder schreibt heute über sich! Ob Altkanzler Kohl, Fernsehmoderatoren, ehemalige Minister, Betrüger oder Kinderschänder. Die Palette ist bunt.“

„Ja, so wie ein dickes Hämatom! Ich bin kein Bundeskanzler. Weder hatte ich je einen Blackout, noch bin ich dreimal geschieden oder habe als erwachsener Mann einen ganzen Berufszweig, wie zum Beispiel den der Lehrer angepöbelt. Ich habe auch nie Gesetze beschlossen, um sie nach meiner Abwahl als Insiderwissen zu vermarkten. Der niedersächsische Umweltminister erwähnte, dass Schacht Konrad, der als offizielles Atomklo geplant ist, wie sein Fachwerkhaus sei. Aber einziehen wollte er dann doch nicht. Darüber könnte man etwas schreiben! Vor allen Dingen, weil eine große Anzahl der Bergleute, die damals dort gearbeitet haben, den Schacht nicht für sicher halten, weil sie immer wieder mit Wassereinbrüchen zu kämpfen hatten. Aber lassen wir das, gegen diese Mafia kommt man sowieso nicht an.“

„Aber du hast doch auch schon interessante Dinge erlebt! Außerdem wären die Episoden aus dem Leben eines gestressten Ehemannes, für den du dich ja hältst, mal was anderes.“

„Auf keinen Fall habe ich etwas erlebt, worüber es sich zu berichten lohnte. Vom Bundeskanzler einmal abgesehen bin ich auch kein Minister oder Bundestagsabgeordneter. Ich habe noch nie einen Polizisten mit Pflastersteinen beworfen, geschweige denn verprügelt. Ich versuche nicht, potenzielle Verräter, wie den Snowdon, ins Land zu holen oder befürworte gar Kinderpornografie. Wenn ich der Präsident der Vereinigten Staaten wäre, könnte ich wenigstens über die Arbeitsmethoden von Praktikantinnen berichten, vielleicht sogar, wie man dem Volk suggeriert, man könne übers Wasser wandern, während klammheimlich soziale Leistungen abschafft werden. Aus dem Leben eines Taugenichts hat bereits Eichendorff verfasst und ich habe auch nichts Effektvolles zu liefern wie den Faust von Goethe. Mit eindrucksvollem Donnerschlag erscheint dort wenigstens Mephisto. Und wer erscheint bei uns?“

„Rambo!“

„Unser Hund Rambo ist weder Rin Tin Tin noch Lassie. Er hat noch nie jemandem das Leben gerettet oder einen Einbrecher verjagt. Er geht nicht mit einem Körbchen allein einkaufen oder hilft alten Damen über die Straße. Er ist auch nicht wie Kommissar Rex, der Mörder stellt, sie dann anspringt und umwirft, so dass sie ihm dekorativ ihre Kehle darbieten können.“

„Umwerfen kann er die Leute auch. Ich weiß noch, als er damals den Staubsaugervertreter angesprungen hat...“

„Ach hör’ doch auf. Rambo ist dreimal so schwer wie Lassie und größer als ein kleines Kalb. Heutzutage hat die Masse der Bevölkerung Angst vor so großen Hunden. Jedenfalls wird ihr das von der Regierung und den Medien so eingeredet. Die Politiker bilden sich ein, durch die Registrierung von Hunden würden Beißattacken verhindert. Das kostet dem normalen Hundebesitzer eine Stange Geld und die Verbrecher, die wirklich mit gefährlichen Hunden umgehen, melden ihre Tiere sowieso nicht.“

„Bei näherer Überlegung fallen mir eine Menge Geschichten mit Rambo ein. Aber unser Sohn Tim und ich sind auch noch da!“

„Und was bitte soll über dich geschrieben werden? Schau’ dir die großen Damen der Weltliteratur an. Die hatten was zu bieten! Von Lotte von Weimar oder Lady Chatterly will ich gar nicht reden und zu Lady Hamilton fehlt dir der passende General. Die Kameliendame tat ihrem Verfasser wenigstens den eindrucksvollen Gefallen, an Schwindsucht zu sterben und zwar ziemlich geduldig, weil die Sache sich ja etwas hinzog. Und du willst doch wohl nicht als Maria Stuart noch einen Kopf kürzer als einsachtundfünfzig herumlaufen!“ Ich ließ ein provokantes Lachen hören.

Zwischen uns entstand ein spürbar distanziertes Schweigen. Dann kam Mona Maries Antwort, so trocken wie der Sand in der Sahara. „Und Tim?“

Nr. 2 folgt

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