Ein ganz normaler Ehemann ..10.
Von
comanchemoon
Freitag 01.11.2024, 13:35
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comanchemoon
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Heinrich Wetter erzählt aus seinem Leben:
Nanking
Ein paar Tage später, an einem schönen Vollmondabend beschlossen wir, das heißt Mona Marie, Carla, ihr derzeitiger Begleiter Konrad, der Polizist war und ich auswärts Essen zu gehen. Wir entschieden uns für das Nanking. Damals boomten die chinesischen Restaurants, weil Kung Fu Filme modern waren und alle Welt Bruce Lee liebte. Außerdem war noch nichts von den Gerüchten über Hunde und Katzen auf dem Speiseplan bekannt. Man konnte in aller Ruhe und gepflegt essen. Obwohl es schon ein wenig enttäuschend war, dass die Kellner nicht in blauen Pyjamas mit Knebelverschlüssen herumliefen und die Speisen schwungvoll mit einem Salto auftrugen. Außerdem haben wir nie erlebt, dass plötzlich fiese Triaden hereinkamen und von einem tapferen David Chiang, der seine Gäste mit gutturalem Gebrüll und eisernen Fäusten verteidigte, wieder verjagt wurden.
Wir saßen also in diesem Restaurant mit Lampions in den Fenstern, Lampions über den Tischen und Lampions über der Theke in entspannter Atmosphäre. Der Tisch bog sich unter gedünstetem süßsauren Schweinefleisch, Geflügel, Bambussprossen, Morcheln und natürlich Reis, so duftig und locker, wie frisch gefallener Pulverschnee. Es sollte mir stets ein Rätsel bleiben, wie die Chinesen den Reis so hinbekamen.
Die Unterhaltung floss plätschernd wie ein fröhlicher Gebirgsbach dahin und wir unterschieden uns in nichts von den anderen Gästen. Bis – ja, bis Carla plötzlich delphisch verkündete: „Ich muss noch etwas einnehmen!“
Ohne auf unsere Gesichter zu achten, die die Form von Fragezeichen annahmen, klaubte sie flugs aus ihrer unergründlichen Handtasche ein kleines Schächtelchen, dem sie nun wiederum eine kleine Pille entnahm.
Nun mag es durchaus möglich sein, dass man nach dem fünften Gläschen Reiswein nicht mehr so das rechte Fingerspitzengefühl hat. Jedenfalls entglitt diese winzige Kugel Carlas Fingern. Fast in Zeitlupe fiel sie auf den mit einem roten Samtteppich belegten Fußboden mit seinen unendlich vielen kleinen Nischen und Furchen – sie rollte und rollte und verkrümelte sich auf Nimmerwiedersehen.
Carlas damals noch etwas rundliches Jungmädchengesicht wurde lang und länger. Sie hielt den Blick auf Konrad gerichtet, sprachlos, reglos, hilflos. Als keine Hilfe von ihm kam, da er das Desaster nämlich gar nicht bemerkt hatte, huschte ein verklärtes Aufleuchten über ihre versteinerten Gesichtszüge und energisch verkündete sie: „Die muss ich wiederhaben!“
„Bitte, was?“ Konrad war verwirrt.
„Lies es von meinen Lippen ab. Ich spreche gaaanz laaangsam. Ich muss sie wiederhaben.“
Und ruck zuck, kurz entschlossen kniete Carla im schwarzen Samtkostüm auf der Erde und suchte nach dem kleinen Ding.
Konrad war nun völlig ratlos: „Was soll das eigentlich?“
„Was das soll?“ Carlas Stimme konnte fanfarenartige Ausmaße annehmen, ohne einen Hauch von Diskretion. „Ich versuche unsere Zukunft zu regeln! Unsere Mütter sollten doch wohl noch keine Großmütter werden!!“ Mit hochrotem Gesicht sah sie ihn an.
Peinlichst berührt gesellte sich Konrad zu ihr auf den Fußboden, da bei einem Nichtauffinden der kleinen Pille die Folgesituation wahrscheinlich noch peinlicher werden würde. Er nahm keine Rücksicht auf die Knie seiner neuen blauen Hose und suchte eifrig mit.
„Hier, nein das war ein Fussel!“
„Das da!“
„Nein. Ich habe einen Schlüssel gefunden!“ Carla hielt das Fundstück hoch und trompete in den Raum: „Vermisst den jemand? Nein? Dann lege ich ihn wieder unter die Bank. Wer weiß, wer ihn später dort sucht.“
„Hier liegen Rosinen!“
„Nein, das sind tote Kakerlaken!“
„Hier!“
„Kann nicht sein, sieht aus wie eine Süßstofftablette. Was die Leute alles so fallen lassen!“ Empört sah Carla nach oben, einem Gast an einem anderen Tisch ins Auge und hielt ihm das kleine weiße Gebilde hin.
„Hier, das ist irreführend. So etwas habe ich nicht gesucht!“
Der Mann nahm konsterniert und angewidert mit spitzen Fingern das runde Ding an sich, um es sofort an einen Kellner weiterzureichen, der damit in der Küche verschwand. Er – der Gast – wischte sich sodann betont unauffällig die Hände an der Tischdecke ab.
Mona Marie – damals mit rothaarigem Stoppelschnitt – und ich feuerten Carla und Konrad an. Als wir uns genügend amüsiert hatten besannen wir uns darauf, dass wir in einer Solidargemeinschaft lebten, ließen uns herab und suchten den Teppich ebenfalls Millimeter für Millimeter ab.
„Was ist das?“ Konrads Stimme erklang unter dem Nebentisch.
„Keine Pille, sieht aus wie ein Mäuseköttel. Verdammt noch mal, die Pille ist gelb und nicht schwarz. Wasch dir nachher bloß die Hände!“
„Weiter!“
„Entschuldigung, darf ich Ihnen zwischen die Füße greifen?“
Auf die Bedienungen machten wir wohl eher einen befremdlichen Eindruck und sie zwitscherten aufgeregt in ihrer Sprache wie Lerchen, denen ein Star gerade die fettesten Regenwürmer vor dem Schnabel weggeschnappt hat. Andere Gäste sahen uns indigniert, teils über ihre Brillenränder hinwegschielend zu. Erstaunlich, wie viele Leute eine Brille trugen. Einige fühlten sich sehr belästigt und beschwerten sich lautstark. Das Restaurantpersonal sah sich nunmehr genötigt, unserem Treiben einen Riegel vorzuschieben.
„Bitte aufstehen, gehen Sie, gehen Sie!“
„Polizei!“ krächzte ein Gast angstvoll, als Carla sich an seinem Tisch hoch hangelte und dabei das makellos weiße Tischtuch erwischte, es mit Bestecken, Pfeffer, Salz, anderen Gewürzen, gefüllten Tellern und Terrinen herunter riss.
„Oh, das tut mir aber leid!“ Carla hatte Nudeln auf dem Kopf, der Gast eine Frühlingsrolle auf dem Schoß und seine blondierte Begleiterin Rotwein auf der Bluse. Zudem war das graumelierte Toupet des Mannes verrutscht und Carla versuchte eilfertig, als sie sich aufgerichtet hatte, das Corpus delicti gerade zu rücken.
Nun brüllte der Gast seine Pein laut heraus und seine Frau kreischte wenigstens zwölf Sekunden lang in sieben verschiedenen Tonlagen.
„Gehen Sie, gehen Sie! Nur hinaus, hinaus!“ Die höflichen Kellner, die Konrad und ich gut um Haupteslänge überragten, halfen uns hastig auf.
„Hinaus, hinaus!“
„Meine Cousine wird Sie wegen der verschwundenen Pille auf Alimente verklagen!“ Mona Marie war empört, wurde aber auch nachdrücklich zur Tür hinausgeschoben, die wiederum energisch hinter uns geschlossen wurde.
Am nächsten Tag berichtete der Lokalteil der örtlichen Tageszeitung über einen Großeinsatz der zuständigen Rettungsdienste, weil in einem chinesischen Restaurant eine Massenhysterie ausgebrochen war.
Außerdem war das das Ende der intimen Beziehung zwischen Carla und Konrad.