Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

1 2

Ein ganz normaler Ehemann ..11. Teil 1 von 2

Von comanchemoon Samstag 02.11.2024, 14:34

Heinrich Wetter erzählt aus seinem Leben
Teil 1 der Butterfahrt:

Eine Butterfahrt


Ich erinnere mich an die sogenannten Butterfahrten. Damals entschlossen wir uns, eine solche mitzumachen. Heutzutage sind sie von der EU verboten. Schließlich darf es nicht statthaft sein, dass die Bevölkerung mal was Günstiges einkauft. Wo kämen wir denn da hin?

Wie dem auch sei, Anfang der Achtziger hatte jeder schon einmal an einer Butterfahrt teilgenommen, nur wir nicht. Und um endlich mitreden zu können, besorgten wir uns die entsprechenden Tickets.

Der Sinn der Veranstaltung war, auf einem überfüllten Kahn zollfrei soviel wie möglich einzukaufen. Die beliebtesten Artikel waren Zigaretten und Alkohol. Ich weiß nicht, warum das Ganze Butterfahrt hieß. Wahrscheinlich klang das Wort seriös. Wer würde sich schon an einer Zigarettenfahrt oder gar Schnapsfahrt beteiligen? Da es ein Einkaufslimit pro Person und Warenart gab, entstand eine Olympiade des kunstvollen Verstauens und Versteckens in Taschen, Tüten und am Körper. Erstaunlich, wie viele – vor einigen Stunden noch schlanke – Männer mit Bierbäuchen das Schiff plötzlich verließen und welch eine Menge an schwangeren Siebzigjährigen es gab! Der Verdacht lag also nahe, dass eine Butterfahrt ein kulturelles Ereignis von erlesener Güte war, dem wir uns nicht länger entziehen konnten.

Das klassische Drama begann schon auf dem Bahnhof, wo ein Sonderzug wartete. Von dreihunderttausend Einwohnern der Stadt wollten scheinbar hunderttausend in den Zug. Da es sich dabei offensichtlich um die Elite der Bevölkerung handelte, wurde geschimpft, geschubst, geschoben und gedrängelt. Die Menge brüllte und tobte wie in einem Fußballstadion während eines Endspiels um die deutsche Meisterschaft. Unter diesen Umständen dauerte es gar nicht lange und unsere kleine Gruppe wurde getrennt. Irgendwie sog der Zug dann Tim und mich durch seine Türöffnung in das Innere. Hier ging das Gedränge erst richtig los, und an einen Sitzplatz war im Traum nicht zu denken. Ich hob meinen kleinen Sohn hoch und trug ihn wie einen mittelalterlichen Schild vor mir her, damit er in der Menschenmenge nicht erstickte. Das schien der Auslöser für die nun folgenden Ereignisse zu sein. Rings um uns her entstand eine ominöse Stille. Der Pöbel musterte uns aus feindselig verkniffenen Augen und rückte von uns ab. Eine Dame in den Siebzigern keifte schließlich: „Es ist ein Skandal, ein so kleines Kind auf eine derartige Fahrt mitzunehmen!“

Es folgten noch mehrere gut gemeinte Ratschläge von anderen Mitreisenden und die verbalen Äußerungen: „Kinderschänder!“ und: „Anarchist!“ waren noch die harmlosesten. Ein Mann in rotem Hemd und mit gemusterten Hosenträgern drohte mir sogar mit der Faust. Bei näherem Hinsehen entpuppten sich die Muster übrigens als Bierkrüge.

„Entschuldigen Sie!“, antwortete ich schließlich, denn mein Publikum hatte mich in die Offensive gedrängt. Gleichzeitig sah ich mich nach meiner Frau und Carla um. Aber die hatten sich feige in der Menschenmenge verkrochen.

„Entschuldigung“, wiederholte ich zaghaft, „aber meine Frau hat mich mit dem kleinen Kind sitzen lassen. Und außerdem wurde ich arbeitslos, weil ich mich um meinen Sohn kümmern musste. Und die Wohnung wurde mir auch noch gekündigt!“
Ich log immer dreister, es begann Spaß zu machen.

„Deshalb“, replizierte ich, „bin ich auf die billigen Einkäufe angewiesen. Ich weiß nicht, wie ich uns sonst durchbringen soll!“

Die Augen meiner Zuhörer wurden groß und rund, die Minen weich und mitleidige Rufe waren zu hören. Eine Sexbombe in fortgeschrittenen Jahren, bekleidet mit schwarzen Netzstrümpfen, Schuhen mit hohen, spitzen Absätzen und einem eng anliegenden bunten Kleid stand von ihrem Platz auf und bot ihn mir an. Schamlos ließ ich mich mit Tim auf dem Schoß darauf nieder. Ein älterer Herr bot nun seinerseits den Platz neben mir dieser Dame an, was seine Frau mit feindseligen Blicken quittierte. Zu meiner unendlichen Freude lehnte die Dame das Angebot nicht ab und setzte sich. Ob ich wollte oder nicht, sie ließ mich in ihren Ausschnitt schauen. Bei dem verwitterten Anblick keimte der Verdacht auf, dass es sich um eine pensionierte Mitarbeiterin des örtlichen Rotlichtmilieus handeln musste. Nur mit Mühe und Not machte ich ihr klar, dass Tim und ich auf dieser Fahrt keinen weiblichen Begleitschutz, wie auch immer geartet, benötigten.

„Da kommen meine Schwester und ihre Freundin!“, sagte ich schließlich erleichtert, als ich Mona Marie und Carla erblickte, die sich durch die Menge kämpften. Großzügig und theatralisch deutete ich in die Richtung, um dann blitzschnell Tim den Mund zuzuhalten, bevor der: „Mama!“ sagen konnte.

Zum Glück kamen meine Frau und Carla nicht weiter und beschränkten sich auf heftiges Zuwinken. Meine selbsternannte Begleiterin sah sich genötigt, ebenfalls fröhlich und: „Huh, huh!“, rufend in die Richtung zu winken, und ich bekam beinahe einen Herzkasper. Den Rest der Zugfahrt verbrachte ich damit, Mona Maries verächtlichen Blicken auszuweichen.

Endlich war es soweit. Der Zugführer hatte gewartet, bis der Zug fast aus den Nähten platzte und umzukippen drohte, dann fuhr er los. Carla, die keinen Haltegriff erwischt hatte, kam dabei mal wieder gefährlich ins Schwanken. In Panik ließ sie daraufhin ihre Tasche fallen und griff zum nächstbesten Halt. Das waren die Hosenträger meines besonderen Freundes im roten Hemd. Als Carla sie lang genug gezogen hatte, ließ sie los, um sich anderweitig zu orientieren. Das klatschende Geräusch übertönte sogar das Rattern des Zuges. Das daraufhin lila angelaufene Gesicht des Mannes demonstrierte die Farbigkeit der Veranstaltung, die versprach, nicht langweilig zu werden.

Eine weitere Beschreibung der Zugfahrt will ich erst gar nicht versuchen. Nur soviel sei gesagt, Erlebnisse mit klassischen Monstern wie Vampiren, Werwölfen oder Mumien waren dagegen romantische Begegnungen.

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Geschichten schreiben > Forum > Ein ganz normaler Ehemann ..11. Teil 1 von 2