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Ein ganz normaler Ehemann ..12. Teil 1

Von comanchemoon Montag 04.11.2024, 14:32

Heinrich Wetter erzählt aus seinem Leben:

Eigentlich wollte ich keinen Hund ….
…. aber so begann es:

Osiris


„Osiris ist in der Kühltruhe!“

„Was?“ Ich starrte meine Cousine Carla, die zu Besuch bei uns war, entgeistert an.

Ich kam gerade an jenem Wintertag, der klirrende Eisspitzen in die Haut dringen ließ, von der Arbeit nach Hause. An der Tür empfing mich Carla mit aufgelöst wirkendem Gesicht und ihrer aufgeplusterten roten Lockenfrisur.

„Na, ich habe Osiris draußen gefunden! Tot! Wahrscheinlich wurde er angefahren.“

Osiris war unser rabenschwarzer Kater. Der Liebling der Familie. Ich schluckte. Mein Hals war plötzlich ganz trocken.

„Und weil wir ihn nicht begraben konnten, da der Boden gefroren ist, habe ich ihn in die Kühltruhe gelegt. Da ist er ganz gut aufgehoben, bis es wieder wärmer wird. Aber jetzt komm du erst einmal rein.“ Sie trat einen Schritt beiseite.

„Danke vielmals, dass du mich in mein Haus bittest!“, sagte ich sarkastisch. „Wo sind Mona Marie und Tim?“

„Ach, euer Sohn ist unterwegs und deine Frau ist in der Küche. Vollkommen fertig, nebenbei bemerkt!“

Das konnte ich mir denken.

„Er lag auf der Straße, gahaanz tooot!“, heulte mir Mona Marie entgegen, als sie mich sah.

Ich versuchte, sie zu trösten, was aber kläglich misslang, angesichts der tiefen Trauer, der sie sich hingab. Schließlich fragte sie: „Wie bringen wir es nur Tim bei?“

Unser Sohn war für seine vierzehn Jahre erstaunlich vernünftig und so beruhigte ich Mona Marie: „Er wird es verstehen. Er weiß, dass man sich irgendwann von Tieren trennen muss.“ Ich umarmte meine Frau. „Sie werden nun einmal nicht so alt wie wir.“, fügte ich lahm hinzu.

Tatsächlich standen wir zwei Stunden später fassungslos vor der geöffneten Kühltruhe und betrachteten unseren schwarzen Liebling, der steif und kalt mit geschlossenen Augen in seinem eisigen Übergangsgrab lag. Tim war traurig und zog sich zurück. Nach einiger Zeit kam er wieder zu uns, sagte aber nichts. Es tat mir in der Seele weh, ihn so leiden zu sehen und versuchte, ihm etwas von der Vergänglichkeit des Lebens und andere Weisheiten zu vermitteln. Wäre er jünger gewesen, hätte ich ihm bestimmt auch noch was von einem Katzenhimmel erzählt.
Er hörte mir eine Zeitlang zu und fragte dann unvermittelt: „Papa, können wir jetzt einen Hund haben?“

„Oh ja!“, sagte Carla und ich schickte sie in Gedanken zum Teufel.

Das war ein Überfall! Ein Hund! Ich wünschte mir nichts weniger, als einen Hund im Haus! Andererseits war die Stimmung gedrückt und Tim war bisher immer ein recht genügsamer Junge gewesen. Ich schaute Mona Marie fragend an.

„Nun!“, sie dehnte das Wort wie Toffee. „Wir haben ein Haus, einen Garten und einen Halbwüchsigen, der einen Hund haben möchte. Es muss ja kein Welpe sein. Tierheimhunde sind zum Teil schon sauber und einigermaßen erzogen. Das wäre vielleicht ein Kompromiss, weil du ja eigentlich keine Hunde magst!“

Sie sah mich erwartungsvoll an und ich starrte in tiefer Fassungslosigkeit zurück.
„Ein Hund? Niemals!“

Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie es passierte, aber irgendwann muss ich wohl „vielleicht“ und dann „ja“ gesagt haben. Und dann vergaß ich die Geschichte mit dem Hund, denn zwei Tage später, als ich nach Hause kam, dachte ich, ich hätte eine Erscheinung! Auf der Treppe saß völlig abgemagert Osiris, machte einen Buckel, streckte sich und miaute empört.

Ich bekam fast einen Herzschlag und eine Stunde später fragte Tim: „Wen haben wir denn dann in unserer Kühltruhe?“

„Ich weiß nicht“, stammelte Mona Marie. „Auf jeden Fall eine fremde Katze. Aber wir dachten alle, es wäre Osiris. Die Besitzer werden ihren Kater bestimmt vermissen und suchen. Wir müssen ihn wieder dahin bringen, wo wir ihn gefunden haben.“

Also fuhren wir in der Nacht los und legten die gefrorene Katze zurück auf die Straße.

In den nächsten Monaten war keine Rede mehr von einem Hund. Aber das war nur eine Gnadenfrist.
......................................

Ein ganz normaler Arbeitstag vor Ablauf der Gnadenfrist:


Das riesige Werksgelände des bekannten Automobilkonzerns wurde von der goldenen Nachmittagssonne in ein warmes Licht getaucht. Dadurch verwischten sich die Konturen der kastenförmigen Hallen und bildeten mit den Baum- und Buschbepflanzungen ringsherum eine malerische Einheit. Der Himmel war makellos blau bis auf einige Wölkchen, die sich fern am Horizont gebildet hatten. Der Wetterfrosch auf Radio Antenne hatte Gewitter für die Abendstunden angekündigt, aber nach einem zweifelnden Blick durch die großen Fenster tat ich diese Aussage mit einer großzügigen Geste ab. Dicke Lichtbalken tanzten träge durch unser Büro und ließen Myriaden von Staubkörnchen aufblitzen und wieder verglühen. Das ist der Beweis, dass die Putzkolonne mal wieder gepfuscht hatte, dachte ich.
Es war wieder einer jener Tage, an denen man einen geruhsamen Feierabend herbeisehnte. Die Hektik übertraf die an der New Yorker Börse und die Lautstärke erinnerte an einen Durchgangsbahnhof während der Rushhour. Ich teilte das Büro mit zwei anderen Sachbearbeitern und einer Sekretärin. Unsere Aufgabe innerhalb des Werkes war die Disposition von Transportmöglichkeiten für Motore und Ersatzteile. Das Telefon war dabei unser Hauptarbeitsgerät und jeder hatte drei davon auf seinem Schreibtisch stehen, die heute laufend klingelten. Zudem gab es Kommunikationsschwierigkeiten zwischen unserem Computer und dem Server im Hauptwerk, also mussten wir so manchen Frachtbrief langsam auf einer alten Schreibmaschine tippen.

Währenddessen warteten die Lkw Fahrer ungeduldig murrend in einem kleinen Nebenraum, weil sie in Termindruck kamen, und ihnen langweilig wurde. Ihre Haltung wurde spürbar feindseliger und Elvira Kornblum, die Sekretärin, versuchte mit Strömen von Kaffee dem Ganzen die Schärfe zu nehmen.

Elvira war noch sehr jung und sah gut aus. Eigentlich viel zu gut für einen Bürojob. Sie war groß und schlank mit langen roten Haaren, der Prototyp des Models. Ihr fein geschnittenes Gesicht mit den großen grünen Augen und dem kleinen Mund schien ständig zu lächeln. Leider war sie keine Fachkraft. Da ihr Vater aber Betriebsratsvorsitzender war, wurden ihre beruflichen Fähigkeiten als ausreichend bewertet und sie bekam die Anstellung bei uns. Ihr Arbeitstempo war aber um Längen besser, als das der Sachbearbeiterin im Rathaus, bei der ich letzte Woche meinen Antrag auf einen neuen Personalausweis abgeben musste. Außerdem litt Elvira unter unheilbarer Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft. Das machte sie liebenswert. Meine Kollegen und ich waren dankbar, dass wir immer frisch gekochten Kaffee oder Tee auf unseren Schreibtischen hatten. Außerdem versorgte sie die Grünpflanzen, was auch nicht zu verachten war. Und sie konnte prima mit den Brummifahrern umgehen und die Gemüter beruhigen. Wenn sie mit ihren exquisit langen Wimpern klimperte, hatte sie schon fast gewonnen. Wieder ein Beweis dafür, dass wir Männer nur einfach gestrickt sind.

Dafür verrichteten wir stillschweigend neben unserer Arbeit einige Aufgaben, die zu ihrem Job gehörten. Wir bildeten sozusagen eine Symbiose, Elvira Kornblum, Ralf Sibelius, Hans Winkelhaus und ich.

Hans war ein baumlanger Kerl Mitte vierzig mit Bodybuilderausmaßen und dem Temperament eines Bären, der wegen zu großer Hitze vor seiner Höhle eingeschlafen war. Er färbte sich die mittlerweile ergrauten Haare blond mit dunkleren Spitzen. Den Sinn begriff ich nie, weil er dadurch im ersten Moment aussah, als trüge er eine Mütze. Seine blauen Augen hatte er hinter einer getönten Brille versteckt. Er vertrat die irrige Auffassung, dass wirke cool. Im Gegensatz zu mir und Ralf Sibelius war er stets in teure Armanianzüge gehüllt. Allerdings wurde der Anschein von Eleganz dadurch ruiniert, dass bei Anspannung seiner Muskeln die Nähte zu platzen drohten. Außer dem Kraftsport liebte er noch seine Arbeit und war ein angenehmer Kollege.

Fortsetzung folgt

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