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Ein ganz normaler Ehemann ..12. Teil 2

Von comanchemoon Dienstag 05.11.2024, 11:16

Heinrich Wetter erzählt aus seinem Leben:

Eigentlich wollte ich keinen Hund …. aber so begann es:

Fortzetzung

Ralf Sibelius hatte die fünfzig bereits überschritten und in sein Gesicht hatte ein permanentes Magenleiden tiefe Kerben eingegraben. Er war überdurchschnittlich nervös und erinnerte an einen ganzen Stall voll aufgescheuchter Hühner, die gackernd und planlos in alle Himmelsrichtungen rennen, weil Nachbars Kater durch ein Schlupfloch Einlass begehrte. Er war klein und so dünn wie die obligatorische Mittwochssuppe in unserer Kantine. Trotzdem trank er bei Stress viel Kaffee, wobei ihn das Koffein noch mehr aufputschte, und er schließlich bei einem Blutdruck jenseits der 200 landete. Dadurch wurde ihm dann schwindlig und er fiel einfach um. Der Werksarzt bemühte sich zu diesen jeweiligen Anlässen sogar ins Büro. Vielleicht auch nur, um mit Elvira zu plaudern, ihr in den Ausschnitt zu sehen und einen Kaffee zu trinken. Er schickte Ralf dann regelmäßig nach Hause, mit der Ermahnung, etwas für sich zu tun.

An diesem Spätsommertag war Ralf trotz der allgemeinen Arbeitshektik recht ruhig geblieben und wir beschlossen nachmittags um drei unsere versäumte Frühstückspause inklusive Mittag nachzuholen, wenn auch nicht in voller Länge. Hans mixte sich einen Proteindrink und Ralf lief auf und ab, in einer Hand eine Leberwurststulle, in der anderen einen Apfel. Offensichtlich konnte er sich nicht entscheiden, was er nun zuerst verspeisen sollte, weil er beide Objekte abwechselnd begutachtete, ohne hinein zu beißen. Meine Frau Mona Marie hatte mir eine große Vesperdose mit Sandwichs und Obst eingepackt. Sie behauptete, mein Appetit hätte athletische Ausmaße und ich bräuchte deshalb eine XXL Mahlzeit.

Elvira begab sich mit dem Kaffeetopf kurz noch einmal in das Truckerkabuff. In der anderen Hand hielt sie eine Banane und begann, diese dezent zu verspeisen. Wir hörten daraufhin Pfiffe und Gejohle aus dem Raum und Elvira kam achselzuckend wieder zurückgestöckelt. Sie setzte sich kerzengerade an ihren Schreibtisch und versuchte, die Tagesklatschpresse zu lesen. Ich studierte mittlerweile eine Autozeitung und nahm nicht wahr, worüber die anderen sich unterhielten. Alles schien in bester Ordnung, so etwa vier Minuten lang. Dann war es auf einmal so, als dehnten sich im Nebenraum einige Turbulenzen aus. Mehrere Stühle wurden gerückt und etwas fiel polternd zu Boden.

Elvira versuchte weiter zu lesen und nahm dabei ihren rechten Zeigefinger zu Hilfe, mit dem sie die Zeilen nachzog. Sie hatte lange, hellblau lackierte Nägel, die sich bestens dafür eigneten. Unterdessen dehnte sich der Geräuschpegel im Fahrerwarteraum bis zur Schmerzgrenze aus. Elviras Hand mit der Kaffeetasse zitterte, als hätte sie einen akuten Anfall von Schüttelfrost. Dabei war unklar, ob sie das soeben Gelesene verarbeitete oder sich erschrak, weil nebenan jemand plötzlich ausgiebig schrie.

„Jetzt reicht es aber!“ Hans erhob sich und nahm noch einen Schluck von seinem Eiweißgetränk. Die braunbeige Masse schien sich auszudehnen und wirkte seltsam unabhängig, so als würde sie jeden Moment ihren eigenen Staat ausrufen. „Ich sehe mal nach!“

Er kam schnell wieder und sein Gesicht sah ungesund und grünlich aus. Dabei sollte er doch einiges gewohnt sein. Wer regelmäßig in Sportstudios trainiert, wo die Räumlichkeiten überfüllt sind mit schwitzenden Kerlen, deren Hauptkonversation aus stöhnenden und ächzenden Lauten besteht, sollte eigentlich hart im Nehmen sein.
Mit einem Anflug von Würgen brachte er in meine Richtung hervor: „Heinrich, du wirst verlangt. Dagmar Betz und Kalle Rosenmüller sind zusammen da drin und frag mich nicht, was die da treiben. Nach Liebesspielen sieht das nicht aus.“ Er gab noch ein zusätzliches unartikuliertes Genuschel von sich und plumpste auf seinen Stuhl. Dann wischte er sich mit einem Feuchtpflegetuch über die schweißnasse Stirn.

Mir schwante etwas. „Was ist es diesmal?“, fragte ich argwöhnisch. „Was hat Kalle heute gegessen?“

Hans winkte mit matter Gebärde ab.

„Lieber Gott!“, betete ich laut. „Bitte, lass es nur Knoblauch gewesen sein!“

Ich erhob mich zögernd und entfernte noch ein imaginäres Stäubchen von meiner Jeans, ehe ich mich langsam und schleppend zur Fahrersuite begab. Ich holte tief Luft, öffnete die Tür und prallte gegen eine Wand aus purem Gestank. In dem Raum waren zwei Personen anwesend und über ihnen schwebte eine drohende Wolke aus übel riechenden Ingredienzien. Kalle Rosenmüller war in seiner Jugendzeit bei der Fremdenlegion im Orient gewesen und hatte sich dort eine Vorliebe für seltsam gewürzte Speisen angeeignet. Außerdem hielt er es mit Martin Luther und Gastgebern aus dem Morgenland, die entsprechende Geräuschabgaben, und das nicht nur aus dem Magen, nach dem Essen als Bestätigung für die Qualität der Speisen ansahen. Offenbar hatte er gut gegessen und das reichlich kundgetan. Er hatte eigentlich immer gut gegessen, wenn er hier auftauchte.

Kalle war von mittlerer Größe und gedrungener Gestalt. Sein Gesicht war braun von der Sonne, aber von mehreren Narben durchzogen, die sich wie rosa und weiße Gummischlangen über seine Wangen zogen. Sein Haar war grau und kurz geschoren. Was ihm oben herum fehlte, machte er durch einen Kinnbart, in dem man Iltisse halten konnte, wieder wett. Er war trotz seiner Vergangenheit nicht gerade streitsüchtig und allgemein beliebt. Allerdings machte man ihm auch immer gern Platz wegen des strengen Geruches, der ihn wie eine zweite Aura umgab. Nichtsdestotrotz war er ein zuverlässiger und pünktlicher Fahrer.

Seltsamerweise saß er auf dem Tisch, was ich durch die grünen und gelben Schlieren wahrnahm, die wegen des unerträglichen Gestankes vor meinen Augen waberten. Ich wagte kaum zu atmen und stieß mit dem Ellenbogen die Person an, die vor ihm stand. Nun kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich nicht gerade klein und zierlich bin, aber Dagmar Betz – um diese Person handelte es sich hier – überragte mich gut und gern um einen halben Kopf. Sie fuhr herum, als ich sie versehentlich berührte und ich dachte einen Moment lang, ich sehe einem gereizten und ziemlich hässlichen Pitbull ins Gesicht. Sie sah in diesem Augenblick wirklich so aus, als würde sie aus einem Wurf stammen und ich ging unwillkürlich einen Schritt zurück. Dabei trat ich Ralf auf den Fuß, der sich unmittelbar hinter mich gestellt hatte und nun aufjaulte wie ein Welpe.

„Was ist hier los?“, fragte ich endlich laut und deutlich, dehnte dabei jedes Wort und legte so viel Autorität wie möglich in den Tonfall meiner Stimme.

„Er wollte mich anmachen!“ Dagmars Antwort kam prompt und ich sah Kalle Rosenmüller entgeistert an, der wiederum seine Kontrahentin in tiefer Fassungslosigkeit anstarrte.

„Sie hat mich auf den Tisch gesetzt!“, klagte er. Wobei seine weinerliche Intonierung verriet, dass er es immer noch nicht glauben konnte.

Dagmar war eigentlich keine Frau sondern eine Institution. Mit der Figur eines Sumo- Ringers und den stählernen Muskeln eines Galeerensträflings hatte sie sich unter den Truckern Respekt verschafft. Ihr gehörte die Strecke zwischen Braunschweig und Ingolstadt über die sie mit ihrem Vierzigtonner wie eine Amazonenkönigin herrschte. Man zollte ihr Achtung auf der Autobahn, weil ihre legendären Wutausbrüche gefürchtet waren. Selbst die Autobahnpolizei ließ sie in Ruhe. Erstens ließ sie sich nur selten etwas zuschulden kommen und zweitens fühlte man sich besser, wenn man etwas Distanz zwischen ihr und sich selbst wusste. Trotz ihrer Marotten setzten wir sie regelmäßig für Touren ein, da man sich absolut auf sie verlassen konnte.

Diese Walküre aus Leidenschaft war also angeblich von dem kleinen Kalle angemacht worden. Er setzte zu einer Gegenrede an: „Das muss ein Irrtum gewesen sein.......“

Weiter kam er nicht, Dagmar sah ihn aus blutunterlaufenen Augen an: „So, ich bin also nicht begehrenswert für dich!“

Fortsetzung folgt

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