Ein ganz normaler Ehemann ..13. Teil 1
Von
comanchemoon
10.11.2024, 12:21
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
comanchemoon
10.11.2024, 12:21
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Heinrich Wetter erzählt aus seinem Familienleben – 13.1
Carla in Italien
Nachdem wir also nach Klettern und Tüfteln im Haus angekommen waren, wobei wir feststellten, dass wir total vergessen hatten, dass unsere Hausfee Meral da war und ein einfaches Bedienen der Klingel gereicht hätte, mussten wir uns erst einmal sammeln. Physisch und psychisch wohlgemerkt.
Ich war am ganzen Körper nass, meine Kleidung starrte vor Schmutz, das Steißbein schmerzte, ich fror und mein Mund war trocken. Außerdem taumelten meine Sinne am Rande der Bewusstlosigkeit. Ich versuchte mich damit zu trösten, dass namhafte Philosophen darüber nachgedacht hatten, ob die Welt nur Schein, ein Produkt der Phantasie wäre. Demnach würde ich hier gar nicht wirklich stehen, mit diesen unangenehmen Gefühlen.
Offenbar hatte ich laut darüber nachgedacht, denn Mona Marie sagte: „Mir gefällt Descartes Ansicht besser. Cogito, ergo sum. Ich denke, also bin ich. Schrecklich die Vorstellung, dass nichts wirklich sein soll. Ich ziehe es vor, Freude oder sogar Schmerz real zu empfinden.“
Ich starrte sie verblüfft an. Aber bevor ich diesen lyrisch überhöhten Eindruck verarbeitet hatte, entledigte sie sich ihrer nassen Schuhe und Strümpfe. Rings um sie herum hatte sich eine kleine, klare Pfütze gebildet. Das Wasser, das von mir auf die ehemals sauberen Küchenfliesen heruntertropfte, hatte im Gegensatz dazu eine undefinierbare Farbe und war mit Schlamm durchsetzt.
Cleo tropfte ebenfalls und ließ es sich nicht nehmen, mit ihrem Vierradantrieb durch unsere Dreckspuren zu laufen. Dadurch sah man jetzt in der gesamten Küche ihre Tapsen. Tim wies mit dem rechten Zeigefinger auf den Schmutz und meinte. „Das sieht auch nicht gerade nach einer Fata Morgana aus.“
Letztendlich wurde der Fußboden noch einmal gesäubert und wir drei verschwanden nacheinander im Bad, wobei die Reihenfolge mit Streichhölzern ausgelost wurde, da wir uns nicht einigen konnten.
Nach zwei Stunden, das Gewitter hatte nachgelassen, nur der Regen nicht, der weiterhin vom dunkelgrauen Abendhimmel prasselte, fanden wir uns trocken, sauber und mit geröteten Wangen wie eine Bilderbuchfamilie am Küchentisch ein. Hier in dieser Küche wurde nicht nur gekocht und gegessen, hier wurde gelesen, geruht, diskutiert. Hier wurden Probleme besprochen, verworfen und wieder aufgenommen. Eigentümlicherweise saßen unsere Besucher auch am liebsten hier. Kurz, hier war das Leben.
„Haben wir Post?“ fragte ich beiläufig, während ich die Tageszeitung durchblätterte.
Mona Marie schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Das klatschende Geräusch unterbrach die Stille und den monotonen Singsang des Regens.
„Das habe ich total vergessen. Ein Brief von Carla ist gekommen. Aus Rom!“
Mir stockte der Atem, und ich glaubte, mich verhört zu haben: „Von wem?“
„Von Carla!“, erklärte Mona Marie nochmals geduldig.
„Und aus Rom!“, ergänzte Tim.
„Entsetzlich für die Römer. Was macht sie in Rom? Das Kolosseum zum Einstürzen bringen? Den Petersdom anzünden? Oder wenigstens das Forum Romanum endgültig dem Erdboden gleichmachen?“
„Sie arbeitet jetzt beim Film, als Nebendarstellerin.“ Mona Maries Stimme klang leicht gereizt.
Meine nicht minder, wenn die Sprache auf Carla kam: „Steht Cinnecitta noch? Oder wie heißt die Filmstadt?“
„Was zum Teufel ist mit Carla?“ fragte Tim erneut. „Sie ist doch nett!“
„Genau der!“, stellte ich erschaudernd fest und bekreuzigte mich gekonnt, während Rosa und Tim mich verwundert anstarrten, denn sie waren nicht katholisch. Ihren Gesichtern war deutlich anzusehen, dass sie sich fragten, ob ich den Verstand verloren hätte.
Ich lachte guttural auf und wandte mich Tim zu, er behauptete hinterher, mit irre leuchtenden Augen.
„Soll ich den Brief vorlesen?“, fragte Mona Marie jetzt überflüssigerweise.
„Selbstverständlich!“, knurrte ich, noch ganz in meinen Erinnerungen versunken.
„Meine liebe Familie!“, begann Mona Marie. Ich runzelte die Stirn und zog verächtlich die Mundwinkel nach unten.
„Ich kann nicht vorlesen, wenn du ein derartiges Gesicht ziehst!“, beschwerte sich meine Ehefrau.
„Schau auf den Brief und achte nicht auf mich!“, gab ich leichthin zurück.
„Also gut. Meine liebe Familie……Du machst schon wieder ein Gesicht, als würdest du faule Eier riechen!“
Ich verdrehte die Augen, bemühte mich um eine ausdruckslose Miene und wir bekamen endlich Carlas Brief zu hören.
Meine liebe Familie,
ihr habt lange nichts von mir gehört. Leider hatte ich nichts Besonderes zu berichten. Um ehrlich zu sein, es ging mir nicht besonders gut. Finanziell meine ich. Ich wollte nicht darüber schreiben weil es letztendlich ausgesehen hätte, als würde ich um Geld betteln.
Ihr wisst, ich ging nach Beendigung meiner Schauspielschule in München nach Rom, weil ich mir erhoffte, in Italien beim Film arbeiten zu können. Das war nicht so einfach, und ich bekam über Jahre hinweg nur Statistenrollen, wenn ich Glück hatte. Na ja, ich bin ja auch über das Alter hinaus, in dem die die meisten jungen Mädchen aufgrund ihrer entzückenden unschuldigen Jugend entdeckt werden. Ich habe ja auch nur von Anfang an Anspruch auf klassische Rollen der etwas gesetzten Dame erhoben. Auch so etwas wird schließlich gebraucht.
Ich hatte euch im vergangenen Winter, als ich euch besuchte ja schon mal andeutungsweise davon erzählt. Ich war gezwungen, mir zusätzlich einen anderen Job zu suchen, wenn ich überleben wollte. Glücklicherweise fand ich Beschäftigung als Kellnerin in einem hübschen Restaurant in Trastevere. Eine sehr gefragte Gegend für Lokalbesuche. Im Sommer und Herbst kann man draußen sitzen, ringsherum geschützt vor neugierigen Blicken durch hoch gewachsene und hochrankende Pflanzen in riesigen Kübeln. Schatten spendend tagsüber und idyllisch abends und nachts. Die Trinkgelder sind gut, da hier nur ein etwas besseres Publikum verkehrt. Die Plätze mussten lange Zeit im Voraus reserviert werden und die Preise sind entsprechend.
Eine kleine Wohnung teilte ich mit einer Freundin, die ebenfalls beim Film groß rauskommen wollte. Nun, am „wollen“ lag es bei uns beiden nicht. Wir hatten eben kein Glück oder trafen nicht zum rechten Zeitpunkt die richtigen Leute. Trotzdem waren wir nicht unzufrieden. Wir hatten einen Job, der uns finanziell über Wasser hielt und unsere Träume. Wir lebten in Rom und waren sicher, unser großer Tag würde kommen.
Letzten Freitag war es dann soweit. Ich hatte einen Scheck einzulösen und musste zur Bank. In Begleitung meiner Freundin Carmen, einer klassischen, spanischen Schönheit mit langen schwarzen Haaren, feurigen dunklen Augen und einer Figur, nach der sich die Männer reihenweise umdrehen. Nur nicht der richtige Filmproduzent.
Nun, wir fuhren mit Carmens Lambretta zur Bank. Ich hinten drauf, mit beiden Beinen zu einer Seite, wie immer mit hohen Absätzen und engem Rock. Das ist die beste Art und Weise, sich in Rom vorwärts zu bewegen. Die kleinen Mopeds und Lambrettas kommen überall und schnell durch. Mit dem Auto ist es schier unmöglich. Ich versuchte es einmal und gab es dann auf. Der Verkehr ist dicht und stockend und die Mopeds summen wie Bienen von allen Seiten an dir vorbei, dass du denkst, sie fahren dir jeden Moment über die Motorhaube.
Fortsetzung folgt