Ein ganz normaler Ehemann ..14. Teil 2
Von
comanchemoon
Mittwoch 13.11.2024, 20:52
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Heinrich Wetter erzählt aus seinem Familienleben
Fortsetzung
Die Konfirmation
Am nächsten Morgen, dem eigentlichen Feiertag, versammelten sich die gesamte Verwandtschaft und ein Teil unseres Freundeskreises, der nicht in Kliniken gelandet war, in der Kirche. Von den anderen Konfirmanden waren nicht weniger Verwandte und Freunde da, und der Platz in dem alten Gebäude reichte kaum aus. Der Pastor freute sich, genoss den Anblick und wartete mit dem Beginn seiner Zeremonie, bis das Gebäude aus den Nähten zu platzen schien und die Luft von den Restausdünstungen der gestrigen Ausschweifungen der Gläubigen die Türen aufzusprengen drohte.
Der Pastor war jung, modern und geübt in fernöstlichen Kampfsportarten, die er zu gegebener Zeit gern einmal zur Schau stellte. Daher verharrte jeder an seinem Platz und keiner traute sich, dem Bedürfnis nachzugehen, für ein paar Minuten frische Luft zu schnappen. Als Gesangsstück hatte er unter anderem ein flottes italienisches Lied unter die langweiligen Psalme und Choräle gemogelt. Aber außer den Konfirmanden, Mona Marie und unserem italienischen Schwager war keiner sonderlich begeistert. Italienisches Liedgut machte auf unsere Dorfbewohner einen eher befremdlichen Eindruck. Aber ansonsten war die Zeremonie recht feierlich bis auf den Augenblick, als Bauer Wilmsdorf sich beim Abendmahl verschluckte und zu ersticken drohte.
Sein Bruder Klaus klopfte ihm freundschaftlich auf dem Rücken, was einen Klang wie bei einem orientalischem Gong erzeugte. Der Oblatenbissen kam sodann aus seinem Hals emporgeschossen, zum offenen Mund heraus und traf das Auge der Dorfzeitung, Alma Schmidtbauer. Die murmelte gerade etwas von der Strafe Gottes, als sie das Geschoß an der Stirn traf und sie vor Schreck in Ohnmacht fiel, wobei sich ihr strenger Haarknoten löste. Ein kleiner Teil der Gemeinde stand um sie herum, ein noch kleinerer Teil kümmerte sich um sie. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie über sich das Fenster in der Kirche aus Mosaikbildern mit einer Jesusdarstellung.
Kaum aus der Kirche, hatte unser Kind auch schon das D-Markzeichen im Auge. Aber wir sind eine kultivierte Familiengemeinschaft und vor dem Geldzählen musste zunächst das Mittagessen in einer Gaststätte erledigt werden.
Der Wirt hatte sich jede erdenkliche Mühe gegeben. Die Tische waren feierlich gedeckt mit Kerzen und Blumenarrangements. Alles farblich aufeinander abgestimmt und von ausgesuchter Güte. Vor dem Essen hielt Annetraud eine Rede zu Ehren des Konfirmanden und überreichte ihm ein Sparbuch, hübsch und originell verpackt in einem aufgeblasenen Luftballon.
Ich musste auf Anweisung von Mona Marie auch eine Rede halten. Und dann musste sich Tim offiziell mit einer Rede bedanken. Und ein Freund der Familie – Erhard – hielt dann auch noch eine Rede, woraufhin sich einige männliche Familienmitglieder ebenfalls genötigt sahen, sich rhetorisch zu betätigen. Unterbrochen wurden sie einige Male von Oma, die quengelig verkündete: „Ich habe Hunger! Wann fangen wir endlich an zu essen?“
Es war immer etwas schwierig, Oma alles recht zu machen. Sie war eine Sauberkeits- und Ordnungsfanatikerin. Sie war angeblich fast blind, sah aber jeden Fussel, der bei uns auf dem Boden lag. Leider ließ sich das in einer Wohngemeinschaft mit Tieren nicht vermeiden. Besuchte Oma uns, inspizierte sie sofort das Haus. Vorher schlossen wir Wetten ab, ob sie zuerst Hut und Mantel ablegen würde. In der Regel gewann der, der behauptete, Oma mache ihren Rundgang mit den erwähnten Accessoires. Nach dieser gründlichen Inspektion wurden Anweisungen gegeben, was alles zu putzen sei. Widerspruch nützte nichts und wurde als unangemessene Frechheit gewertet.
Den Einwand: „Ich habe die Betten erst vorgestern bezogen!“, tat sie als völlig überflüssig ab und schnaubte höchstens ungläubig. Nicht selten lag sie mit einer Zahnbürste auf der Erde und putzte damit das letzte Stäubchen aus einer Ecke.
Grundsätzlich verbrachte sie zunächst eine Stunde im Badezimmer um es so zu sterilisieren, dass man hinterher aus der Kloschüssel essen konnte. Abends waren wir dann alle geschafft und suchten unsere Sachen wieder zusammen, die Oma weggeräumt oder als Staubfänger in den Müll sortiert hatte. Auch die Tiere wurden von ihr stets gebürstet, egal ob wir das kurz zuvor erledigt hatten oder nicht. Sie war die Personifizierung von Hektik und Stress. Bekam sie Besuch der rauchte, putzte sie anschließend – auch nachts – noch ihre Fenster und wusch Gardinen.
Ich erinnere mich an die Zeit vor ein paar Jahren, Mona Marie lag im Krankenhaus und Oma übernahm das weibliche Regiment in unserem Haus. Sie war damals schon über siebzig und stand frühmorgens um fünf Uhr auf: „Alte Leute brauchen nicht so viel Schlaf!“ und: „Morgenstund' hat Gold im Mund!“
Wer den blöden Spruch erfunden hat, der soll an seinem Gold ersticken!
Dafür machte sie mir regelmäßig abends um acht Uhr das Licht aus. „Wir gehen jetzt alle ins Bett. Wir müssen Strom sparen!“
Eines Tages kam ich mittags von der Arbeit nach Hause und fand alle Rollläden heruntergelassen, im Haus waren alle Lampen hell erleuchtet.
„Was ist denn hier los, Oma? Der Krieg ist seit über vierzig Jahren vorbei, wir benötigen keine Verdunkelung!“
Aber Oma war humorlos wie ein Torwart kurz vor dem Elfmeterschießen. „Ich habe Fenster geputzt und es fing an zu regnen!“
Oma putzte alle drei Tage Fenster!
„Ich denke, wir müssen Strom sparen!“
Mein schüchterner Versuch, sie auf ihre eigenen Worte hinzuweisen schlug fehl. Bei Oma gab es keine Logik und keine Einsicht. Ihre Toleranzgrenze war gleich null. Sie legte sich beleidigt weinend ins Bett und grübelte über den Antichrist, diesem undankbaren Enkel.
Oma kochte – zugegeben – gut. Aber wehe, man würdigte dieses nicht genügend indem man sich bis zum Platzen voll stopfte. Gab ich nach vier Tellern Suppe keuchend und mit hochrotem Kopf auf, fauchte sie: „Aha, es schmeckt dir also nicht bei mir!“
Hatte sie mich dann genug gemästet hieß es: „Du bist ganz schön dick geworden. Müsstest mal wieder abnehmen!“
Ja, das war Oma.
Nun zurück zum Konfirmationsessen. Die Vorsuppe war heiß, so wie sie sein sollte. Oma beäugte sie misstrauisch und stellte dann fest: „Die Suppe ist schon kalt!“
„Probiere sie erst einmal!“, sagte Mona Marie.
„Kalte Suppe esse ich nicht!“
„Dann lass es bleiben!“, tönte jemand von den anderen dreißig Gästen. Anschließend ließ sich nicht mehr feststellen, wer es war.
Oma überhörte offenbar die Provokation, fing an zu löffeln und verbrannte sich den Mund.
Unser Freund Erhard, ein lang aufgeschossener Mann in den Fünfzigern, saß ihr gegenüber und verschluckte sich. Er war dünn wie Kaffee auf einer Sozialstation und hatte eine von Wind und Wetter dunkel gegerbte Haut, zu deren Farbe wahrscheinlich übermäßiges Rauchen ebenso beigetragen hatte, und sein faltiges Gesicht ähnelte der Straßenkarte von Niedersachsen.
Er begann zu husten und zu würgen. Sein Sohn, der neben ihm saß, reichte ihm ein Glas mit Wasser, was Erhard dankend annahm. Beim nächsten Hustenanfall klirrte es dann plötzlich und sein Gebiss lag in dem Glas.
Fortsetzung folgt