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Ein ganz normaler Ehemann ..14. Teil 3

Von comanchemoon Donnerstag 14.11.2024, 13:14

Heinrich Wetter erzählt aus seinem Familienleben

Fortsetzung

Oma beobachtete das mit strafender Miene und wandte sich dann dem Fleisch zu.
„Aber das Fleisch,“, fragte sie hoffnungsvoll, „das Fleisch ist doch wohl zäh?“

Zu Hause ging es dann weiter mit Kaffee und Kuchen. Die liebevoll von Annetraud gedeckte und am Vorabend verteidigte Tafel wurde innerhalb von Minuten verwüstet, obwohl viele noch einen vom Mittagessen überfüllten Magen und sehr viel Kuchen übrig blieb. Mona Marie kalkulierte bereits, wie sie alles in der Kühltruhe unterbringen sollte. Jedenfalls waren alle zufrieden, der Konfirmand mit seinen Einnahmen auch. Einige begannen nun, nach den Flaschen mit den geistigen Getränken zu schielen. Allen voran unser Freund Erhard, der sich beständig den Magen hielt und unbedingt die medizinische Wirkung von Wetterbrand testen wollte.

Und Oma entdeckte plötzlich ihr Herz für Portwein. Bis zum Abendessen hatte sie eine Flasche geleert. Die zweite Flasche kam nach dem kalten Büffet dran. Als Oma dann anfing, unanständige Witze zu erzählen, rief Annetraud laut lachend nach ihrem Sohn mit seiner Videokamera. Der kam sofort der Aufforderung äußerst interessiert nach und konservierte Teile des Abends detailgetreu.

Kerzen wurden angezündet und ihr sanftes Licht beleuchtete flackernd mal das eine, dann das andere Gesicht. Die Gäste murmelten und lachten und die Gläser klangen.
Oma hob schwungvoll ihren Kelch, verschüttete dabei etwas und prostete Annetraud zu: „Du darfst mich Oma nennen!“

„Aber gern, du weißt ja, wie ich heiße!“

Beide umarmten sich.

„Da-darauf trin-trinken wir noch einen!“ Oma prostete in ihrem portweinschen Rokokonebel der allgemeinen Runde zu.

„Ki-Kinder kommt alle an mei-meine Brust!“, sprühte sie, denn sie hatte den Mund voller Käsehäppchen, wovon sich klebrige Krümel unter ihrem Gebiss festgesetzt hatten.

„Ken-nent ihr den schon? Kommt ein Ma-hann in eine Knnnneipe….. warum huschen hier so-so viele Li-lichter vorbei?“

„Oma, du bist süüüß!“ Annetraud gab ihr – auch schon selig im Portweinrausch – einen schmatzenden Kuss.

„Du schielst!“

„Ma-macht nichts. Ru-Rudolf kann fahren!“ Annetraud schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und eine Gabel hopste herunter.

Rudolf schoss mit Gletscheraugen blaue Eisblitze auf sie ab. Ihm war das peinlich. Aber Annetraud war völlig unbeeindruckt. Der Portweinpanzer umhüllte sie, und sie verstand sich prächtig mit Oma. Sie hätten Mutter und Tochter sein können, teilten sie doch die gleiche Leidenschaft – putzen. Es dauerte nicht lange und sie unterhielten sich über Annetrauds neuen Dampfreiniger.

„Der kri-kricht alles sauber. Gaaanz ohne chemische Pu-Putzmittel. Da ist sogar ´ne Zahnbürste dran, mit der ma-man die Fliesenfugen rei-reinigen kann!“ Annetraud kippte nach dem schwierigen Satz ein weiteres Glas mit Portwein hinunter.

„Mannn,“ Oma war beeindruckt. Wahrscheinlich rechnete sie schon in Gedanken ihr Sparbuch auf, ob so ein Reiniger abfallen könnte.

„Ja, und ich baue do-doch jetzt alle vi-vier Wochen die Klo-Klos ab!“

„Was?“ Das überstieg nun doch Omas weindunstige Aufnahmefähigkeit.

„Na, die Klooos!“ tönte die Annetraudsche Konzerttrompete. „Unter dem Becken ist es doch auch schmutzig, und ich baue die jetzt alle vier Wochen ab, um da-darunter sau-sauber zu machen!“

„Sei ruhig!“, schimpfte Mona Marie, die dem Alkohol eher maßvoll zusprach. „Oma kommt ins Grübeln. Nicht, dass Tim jetzt bei ihr alle vier Wochen die Toilettenbecken abbauen muss. Der bedankt sich. Und Heinrich auch!“

Annetraud biss in ein Brötchen, in dem eine undefinierbare Masse aus Thunfisch, Ei und Tomate zusammengequetscht war. Ein Teil löste sich aus den Brötchenhälften und landete klatschend auf dem Tisch. Annnetraud ignorierte das und sprach mit vollem Mund weiter. „Le-letztes Mal habe ich wahrscheinlich mit dem Deckel was verkehrt gemacht. Als Ru-Rudolf ma-mal musste, hätt’s ihm fast was abgehauen. Ei-eine gewisse Ge-gefährlichkeit,“, sie hob dozierend ihren rechten Zeigefinger, „lässt sich ni-nicht leugnen!“

Aber Oma hörte nicht mehr zu. Sie wandte sich mit verklärtem Lächeln und verschleierten Portweinaugen dem nächsten gefüllten Glas zu.

Mittlerweile war Mitternacht vorbei und die Gesellschaft wurde immer lustiger. Horst Müller, ein rundlicher Mittdreißiger versuchte auf der Theke mit dem Strohhalm eine Erdnuss anzusaugen. Das Teil rollte aber immer wieder weg. Die Beobachter, die Horst umringten, feuerten ihn an und schließlich hatte er sie, die Erdnuss.

„Ah, jetzt ist sie müde!“ Er klatschte freudig in die Hände und entfachte hemmungslose Heiterkeitsstürme bei seinen Hooligans.

Tim sah kopfschüttelnd zu: „Es ist erstaunlich, womit sich erwachsene Männer beschäftigen. Und wie wenig dazugehört, sie glücklich zu machen!“

Der Alkohol floss reichlich und mein Freund Thomas kam auf die Idee, mit Gläsern Zielwerfen zu veranstalten. Mona Maries Freundin Sabine wollte mit ihrem sich sträubenden Ehemann Rock’n Roll tanzen und animierte zwei weitere Paare dazu, mitzumachen. Erhard sah sich um zwei Uhr nachts während eines plötzlichen Übelkeitsanfalls genötigt die sanitären Anlagen aufzusuchen, um seinen Magen wieder in Ordnung zu bringen.

Um viertel nach zwei ließ sein Sohn Martin genau unter dem Gäste WC im Partykeller seine Muskeln spielen, schwang seine Frau Gabi während eines schmissigen Rock’n Rolls hoch über seinen Kopf und ließ sie an der Decke marschieren. Diese stieß einen Schrei aus wie im Dschungel und erschreckte damit Erhard eine Etage höher, der gerade seinen Kopf über das Klobecken im Gäste WC hielt. Nun hatte sich ja schon in der Gaststätte gezeigt, dass sein Gebiss infolge eines etwas deformierten Gaumens nicht allzu fest saß. Es verabschiedete sich mit einem plumpsenden Geräusch in Gesellschaft von Kuchen, kaltem Büffet und Wetterleuchten auf Nimmerwiedersehen im Abfluss der Toilette.

Um 2 Uhr 30 gab Erhard es auf, das Gäste WC weiterhin zu blockieren, strich seine Jacke glatt und begab sich wieder unter Menschen, von denen sich jetzt einige darum stritten, wer zuerst den kleinen Raum nach ihm betreten sollte.

Auf die Frage, ob es ihm gut ginge, antwortete Erhard mit einem unartikulierten: „Hmpfff!“ Dann schien er einen Moment lang zu überlegen und ging schnurstracks nach draußen.

In seinem bierumnebelten Hirn hatte sich der logische Gedanke herauskristallisiert, dass er nicht ohne sein Gebiss unter die Leute gehen konnte. Außerdem konnte er zwar ohne seine Zähne trinken, was zweifellos sehr wichtig war, aber nicht essen, und wie er bemerkte, auch nicht problemlos reden. Aber wie sollte er seine Kauwerkzeuge wiedererlangen? Da wir zu jener Zeit noch eine hauseigene Kläranlage besaßen, mussten die Zähne also dort hineingespült worden sein. Es dürfte nicht allzu schwer sein, überlegte er, den Deckel zu entfernen und darin herumzustochern. Doch womit? Egal, erst einmal die Grube öffnen.

Er machte sich gerade keuchend an dem schweren Betonabschluss zu schaffen, als Uwe Brinkmann, einer der anderen Gäste, aus dem Haus trat und ihn bemerkte.

„Was machst’n da?“

Erhard antwortete mit einem Laut, der wie: „Gebiff!“ klang.

Nun hatte Uwe vollstes Verständnis für Leute in Notsituationen, er war Sozialarbeiter, und beschloss Erhard zu helfen. Wobei auch immer. Gemeinsam schoben sie den schweren Deckel beiseite und klopfen sich anschließend anerkennend gegenseitig auf die Schultern.

Fortsetzung folgt

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