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Ein ganz normaler Ehemann ..14. Teil 4

Von comanchemoon Samstag 16.11.2024, 12:38

Heinrich Wetter erzählt aus seinem Familienleben:

Fortsetzung


Annetrauds jüngerer Bruder Michael, der im Januar gerade 17 geworden war, kam nun ebenfalls leicht angeheitert in den hell beleuchteten Vorgarten und gesellte sich zu den beiden.

„Mann, das stinkt hier bestialisch!“, stellte er naserümpfend fest. „Außerdem leuchtet darin was. Wollen wir nicht erstmal eine rauchen?“ Er nahm eine seiner Zigaretten, Billigmarke von Aldi, zwischen die Lippen und wollte sein Sturmfeuerzeug zünden, was Uwe im letzten Moment, infolge eines Geistesblitzes verhinderte.

„Bist du verrückt? Denk an die Gase!“, sagte er und schielte über seine Brille.

„Mein Gebiff!“, klagte Erhard.

„Was?“, fragte Michael und fuhr sich mit der rechten Hand verwirrt durch die hellblonden Haare.

„Ich glaube, sein Gebiss ist da drin!“, stellte Uwe fest. „Aber wie bekommen wir es da heraus?“

„’N langen Ffock!“, redete Erhard dazwischen.

„Wir brauchen so was wie ein Schmetterlingsnetz!“, sinnierte Uwe. „Aber wo kriegen wir jetzt so ein Ding her!“

„Im Schuppen ist ein Apfelpflücker!“, sagte Michael. „Ich hole ihn!“

Gesagt, getan. Er kam nach wenigen Minuten mit dem Gartengerät wieder.

Mittlerweile war Opa Zimmermann, der an Schlaflosigkeit litt, mit seinem Dackel Oskar wieder unterwegs. Er genoss es offensichtlich, dass neuerdings Nacht für Nacht irgendwas im Ort los war und wollte den drei Männern unbedingt Gesellschaft leisten..

Die vier unterhielten sich gut, jeder hatte was zu sagen und keiner hörte dem anderen zu, als Michael schließlich Erhard den Apfelpflücker schwungvoll in die Hand gab.

„Du wirst in die Grube klettern müssen!“, stellte er nachdenklich fest. „Wenigstens bis auf das oberste Steigeisen!“

Erhard starrte ihn an: „Meihe heue Hofe!“, protestierte er.

„Ah, seine neue Hose!“, übersetzte Opa Zimmermann, der über eine gehörige Portion Lebenserfahrung verfügte.

„Zieh’ sie aus!“, antwortete Michael achselzuckend, dem das Ganze zu langweilig wurde. Er beschloss, dass er Bewegung brauchte und begann, auf das Schuppendach zu klettern.

Erhard und Uwe beugten sich prüfend über die Kläranlage und in diesem Moment kam Erna Baumeister aus Wolfenbüttel mit ihrem nagelneuen roten Jetta vorbeigefahren. In der nahe gelegenen Kneipe war ein feuchtfröhlicher Kegelabend zu Ende gegangen und sie wollte ihren Ehemann Heinz abholen, der aus leicht verständlichen Gründen nicht selber fahren konnte.

Aus den Augenwinkeln beobachtete Erna, die keinen Film mit Margaret Rutherford als Miss Marple ausließ, wie ein Mann mitten in der Nacht um drei Uhr an einem Schuppen hochkletterte und drei weitere Männer und ein kleiner Hund sich verdächtig interessiert über etwas in einem Vorgarten beugten. Stirnrunzelnd und nachdenklich fuhr Erna weiter. Mit sanfter Gewalt holte sie Heinz aus der Gaststätte, da dieser noch nicht bereit war, sie freiwillig zu verlassen.

„Ich habe etwas seltsames gesehen!“, teilte sie ihm mit, was er lediglich mit einem Grunzen quittierte und sich auf den Beifahrersitz plumpsen ließ.

„Wir fahren noch mal da vorbei!“, beschloss sie energisch.

„Grmpf!“, antwortete Heinz uninteressiert und begann zu schnarchen.

Mittlerweile entschied Erhard, Michaels Rat zu folgen und begann seine Hose auszuziehen. Das gestaltete sich etwas problematisch, da er infolge des Alkoholpegels hin und herschwankte. Uwe versuchte ihm zu helfen und Dackel Ossi zerrte ebenfalls an einem Hosenbein.

Als Erna Baumeister erneut den verdächtigen Vorgarten passierte, präsentierte sich ihr folgendes Bild. Auf dem Dachfirst eines Schuppens stand eine Person, wedelte mit beiden Armen und schrie permanent: „Krah, krah!“ Ein Mann und ein Hund versuchten einem anderen Mann die Hose auszuziehen, der irre dabei lachte und ein älterer Herr balancierte einen langen Stock und feuerte die anderen an.

Am Ende der Straße war eine Telefonzelle und Erna bremste, stieg aus den Wagen und spurtete los, um die Polizei zu benachrichtigen. Die Beamtin in der Einsatzzentrale verdrehte die Augen, als sie die Adresse hörte, die ihr von der vorigen Nacht in Erinnerung war und schickte eine Streife los.

Als die Uniformierten am Tatort eintrafen, wurden sie von einer aufgeregten Erna erwartet, die wild gestikulierend auf die Männer wies, die sich offensichtlich nicht gestört fühlten. Einer befand sich halb in einer Kläranlage und ließ sich von den Polizisten nur äußerst widerstrebend aus derselben herausziehen, wobei sie feststellten, dass er nur mit einer Unterhose bekleidet war. Seinem Gestammel konnten die Beamten entnehmen, dass er freiwillig da drin hing und auch wieder da rein wollte.

Ein anderer, jüngerer Mann versuchte in salbungsvollem Ton beruhigend auf alle Anwesenden einzuwirken und ein Dackel hing plötzlich am Hosenbein des Praktikanten, der die Beamten begleitete. Der versuchte den Hund loszuwerden und trat mit dem anderen Fuß nach ihm. Das gefiel dem Opa mit dem Stock nicht, der die Gehhilfe zweckentfremdete und auf den Rücken des ohnehin Malträtierten herabsausen ließ.

Außerdem befand sich eine auffällige Person auf dem Dachfirst eines Schuppens, die rief: „Ich bin Dracula!“, und beide Arme wie Windmühlenflügel schwang. Einer der Polizisten forderte den jungen Mann auf, um einen solchen handelte es sich hierbei offensichtlich, herunterzukommen. Michael folgte dem Aufruf und rutschte vom Dach. Er befand sich in einem rauschähnlichen Zustand der Euphorie und lief lachend auf den Beamten zu. Dieser klappte gerade den Mund auf und wollte fragen, was die Veranstaltung solle, da zog Michael ihm mit beiden Händen die Mütze über die Ohren, packte ihn an den Oberarmen, fragte höflich – er wusste schließlich was sich gehörte – „Frollein, wollen wir tanzen!“, und schwenkte ihn herum.

Vier Wochen später wurde Michael von einem Jugendrichter dazu verurteilt, sechs Wochenenden in der nahe gelegenen Nervenheilanstalt Königslutter in einer Einzelzelle zu verbringen. Zum Lesen bekam er christliche Lektüre und schwor, niemals wieder einen Polizisten zum Tanzen aufzufordern.

Erna Baumeister, die verhinderte Miss Marple, bekam eine Geldstrafe, weil sie ihren alkoholisierten Mann auf dem Beifahrersitz mitfahren ließ, anstatt ihn nach hinten zu verfrachten.

Erhard erhielt eine schriftliche Verwarnung wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, und Opa Zimmermann musste 50 Mark für das Tierheim spenden, da er den Praktikanten verprügelt hatte.

Am nächsten Morgen fand Meral in unserem Vorgarten eine Herrenhose und fragte sich, welch sittenlosen Veranstaltung eine Konfirmationsfeier sein mochte.

Der nachträgliche Hit des Abends waren die Videoaufnahmen. Viele grinsten in die Kamera, dümmlich, mit sichtbar schwerer Bierfahne, hocherhobenen Humpen und einer breiigen Gummizunge. Tage später behaupteten sie, das wären sie nicht, und Oma war der festen Überzeugung, dass es sich um eine Fälschung handeln musste.



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