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Ein ganz normaler Ehemann ..15. Teil 2

Von comanchemoon Donnerstag 21.11.2024, 13:12

Heinrich Wetter erzählt aus seinem Familienleben

Fortsetzung „Rambo“



„Bitte nicht anfassen!“, sagte die Frau. „Sie sind noch sehr empfindlich und infektionsanfällig.“

Auf dem Tisch stand ein Karton mit Latexhandschuhen. Sie streifte sich ein Paar über, nahm liebevoll eines der Meerschweinchen heraus und hielt es hoch. Nun konnte man sehen, dass die Unterseite weiß war, die Pfoten und die Schwanzspitze ebenfalls und wie eine Maske zog sich das Weiß von der Schnauze spitz zulaufend zwischen die Augen durch bis auf den Kopf, wie eine Irokesenfrisur. Die Beinchen waren rostbraun, an der Schnauze wiederholte sich diese Farbe. Alles andere war schwarz.

„Diese sechs sind noch nicht verkauft!“ Zärtlich drückte die Züchterin den kleinen Hund – denn es waren natürlich vierzehn Tage alte Welpen und keine Meerschweinchen – an sich, so als ob sie ihn gar nicht hergeben wolle, und ich kann nicht behaupten, dass mir dieser Gedanke unangenehm war. Das kleine Tier stieß leise glucksende Geräusche aus und versuchte einen Finger zu erhaschen, um daran zu saugen – was von Tim and Rosa mit enthusiastischem Entzücken zur Kenntnis genommen wurde. Nachdem sich die schwelgerische Begeisterung etwas gelegt hatte, kam ich ins Grübeln, zum x-ten Mal zu dem Thema: „Anschaffung eines zweiten Hundes“.

Noch vor einer halben Stunde war ich völlig entsetzt dem Vater dieser Winzlinge begegnet. „Was ist das?“, hatte ich entgeistert gedacht – vielleicht sagte ich es auch laut. „Ein Bär, ein Löwe?“ Er war einfach nur riesig! Ein Goliath aus Mähne, Fell und Muskeln. Er hatte nichts, aber auch rein gar nichts von den kleinen Berner Sennenhunden an sich, die ab und zu in Fernsehfilmen brav and pflegeleicht über den Bildschirm flanieren. Mit Pranken groß wie Männerhände und Beinen wie die Säulen der Akropolis stand er vor mir. Bildete ich mir das ein, oder verdunkelte er mit seiner Statur die Sonne? Mein Gott, so etwas wollten wir uns ins Haus holen! (Tatsächlich wurde unser Rambo auch zehn Zentimeter größer als der Standardtyp dieser Rasse).

Er – der riesige Rüde – musterte mich mit seine dunklen Augen zunächst interessiert, und als er merkte, dass ich keinen Hundekuchen für ihn hatte, gelangweilt. Niemals hätte ich ihm allerdings eine Leckerei zustecken mögen. Meine Hand wäre wahrscheinlich in seinem Rachen bis zum Ellenbogen verschwunden.
Nun, zu diesem Zeitpunkt hatte ich wahrscheinlich schon nicht mehr viel zu sagen und um sieben Uhr abends waren wir mit der Züchterin handelseinig und richteten uns darauf ein, den Welpen im Alter von neun Wochen abzuholen.

Zu Hause setzte in den nächsten Tagen ein hektisches Treiben ein. Bücher über Welpenaufzucht und speziell über Berner Sennenhunde wurden gekauft und studiert. Mich tröstete etwas, dass unser zukünftiger neuer Hausgenosse zu einer besonders ruhigen und trägen Hunderasse gehören sollte. Wie sich später herausstellte hatte unser Exemplar das Buch nicht gelesen und sah infolgedessen keine Veranlassung sich danach zu richten.

In unserem nagelneuen roten VW-Bus (Typ 4, amerikanische Ausstattung) fuhren wir pünktlich zum Welpenabholtermin nach Bad Oeynhausen. Mit uns fuhren farblich abgestimmt zum Auto eine rote Leine und ein rotes Halsband. Außerdem ein Wasserbehälter, ein Napf, ein kleiner Plastikwäschekorb und jede Menge Küchenrolle, falls der kleine Hund vor Aufregung Durchfall bekäme. Das waren beste Voraussetzungen stöhnte ich innerlich. Der Wäschekorb war übrigens für den Kleinen gedacht, auf Anraten der Züchterin sollte er während der Fahrt darin untergebracht werden. Und natürlich fuhr auch Cleo mit. Sie thronte wie eine Königin auf der Ladefläche. Wir wollten ihr den jungen Hund nicht erst zu Hause präsentieren.

Am Ziel angekommen wurde uns in einem kleinen Zwinger – gefüllt mit Sand – der gesamte Wurf Welpen gezeigt. Seit ich sie das letzte Mal sah, hatten sie sich wirklich erstaunlich verändert. Da lagen zehn Wollknäuel durcheinander gewürfelt, müde vom Spielen und präsentierten teils ihre weißen Bäuche und teils ihre schwarzen Rücken der wärmenden Junisonne. Es war eben eine ruhige Rasse.

Bis auf einen, der kam putzmunter und neugierig auf uns zugekugelt, hangelte sich an unseren ausgestreckten Armen hoch, biss spielerisch mit seinen spitzen Zähnen in unsere Hände, das Schwänzchen ging wie ein Windmühlenflügel, kurz er war nicht müde wie seine Geschwister, er war ein aufgeweckter kleiner Kerl, und das hätte mich misstrauisch machen müssen. Es war natürlich Tims Welpe, dessen Munterkeit uns zu diesem Zeitpunkt noch begeisterte.

Um Punkt zwölf Uhr kam die Züchterin, wieder mit Jeans und diesmal mit einem grün karierten Männerhemd bekleidet und bewaffnet mit einer Bürste zum Zwinger. Sie schnappte sich den Welpen und begann ihn, trotz verzweifelter Proteste seinerseits, kräftig durchzubürsten.

„Er hat noch ein wenig Milchschorf!“, erklärte sie mit ihrer Reibeisenstimme die eine Assoziation von Whiskygläsern und mindestens hundert Zigaretten am Tag aufkeimen ließ. Allerdings sah ich sie bei ihrer Arbeit mit den Hunden niemals rauchen.

Sie unterbrach meinen Gedankengang: „Das verliert sich aber in den nächsten Wochen!“ Als ich sie verständnislos ansah, krächzte sie: „Der Milchschorf!“
„Außerdem,“, fuhr sie fort, „gebe ich Ihnen noch etwas von dem Futter mit, dass er gewöhnt ist. Das reicht für die nächsten zwei Tage.“

Außer dem sorgfältig verpacktem Futter händigte sie uns seine Papiere aus. Wir konnten nun schwarz auf weiß lesen, dass unser neuer Mitbewohner aus den höchsten Adelskreisen stammte und Kanto von La Montanara hieß. In nächster Zeit würden wir den Tierarzt aufsuchen müssen, wegen einer erneuten Wurmkur und Impfung. Zusätzlich bekamen wir noch eine unendliche Latte von guten Ratschlägen geboten, zu denen ich unter den wachsamen Blicken Mona Maries eifrig nickte. Schließlich wurde Kanto sein rotes Halsband angepasst, was er sofort mit verächtlicher Empörung wieder versuchte abzustreifen. Dann stopften wir das Wollpaket in den Plastikkorb, den er vollkommen ausfüllte, wie eine Leberwurst die Pelle.

Um zwei Uhr nachmittags stiegen wir endlich in den Bus. Madame Cleo tat sehr hoheitsvoll and beachtete ihn gar nicht, und der Kleine war von der neuen Umgebung Auto und vorbeiziehender Landschaft vollkommen fasziniert. Er kletterte einmal aus seinem Korb und purzelte auf die Erde, offenbar hatte er sich aber nicht wehgetan. Ihm wurde weder schlecht, noch meldete sich sein hinteres Ende. Kurz, die Fahrt verlief problemlos.

Als wir am späten Nachmittag auf unserem Hof ausstiegen – Kanto an der Leine – sah er plötzlich Cleo bewusst. Das Ding roch wie ein Hund, auch wenn es nicht aussah wie ein Berner. Ein Quieker, ein Sprung und das Wollpaket unterlief fröhlich wedelnd die Hündin. Unter ihrem Bauch blieb es stehen und suchte mit schnuppernder Nase etwas. Cleo, empört über soviel Dusseligkeit, knurrte leicht und brachte damit zum Ausdruck , dass sie soviel Nähe nicht wünschte. Der schwarzbunte Wuschel war enttäuscht und legte erst einmal mit nachdenklichem Gesichtsausdruck ein Würstchen auf den Hof.

„Kräftig loben,“, mahnte Mona Marie entzückt, „er hat’s draußen gemacht.“

„Feiner Junge! Feiiiiner Junge!“, stimmten wir ein und Tim machte sich sichtlich wenig begeistert auf die Suche nach einer Schaufel, um das Malheur zu entfernen.

„Nun, besser hier als drinnen!“, dozierte Mona Marie und ich grübelte entsetzt darüber nach, wer wohl drinnen, wenn denn entsprechendes passieren sollte, den Schaden unter Umständen beseitigen müsste.


Fortsetzung folgt

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