Ein ganz normaler Ehemann ..15. Teil 3
Von
comanchemoon
Samstag 23.11.2024, 13:16
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Heinrich Wetter erzählt aus seinem Familienleben 15-3
Fortsetzung
Der Tag verging dann, wie er vergehen musste. Rosa und Tim waren ständig mit Eimer und Scheuertuch beschäftigt. Meldeten sich Darm oder Blase des Welpen, schnappte sich einer die kleine Impertinenz und trug sie schnell nach draußen, um dort einen entsprechenden Vortrag zu halten. Kanto quittierte das stets mit einem lebhaften Quirlen seines Schwänzchens. Entledigte er sich außerhalb des Gartens der Ergebnisse seiner Mahlzeiten, wurde er kräftig gelobt und bekam ein Stückchen Hundekuchen zugesteckt.
Sein Lieblingsfutter war grüner, ungereinigter Pansen den er zusätzlich zum Welpenfutter bekam. Die erste Portion hatte uns die Züchterin mitgegeben, gottlob gut verpackt. Mona Marie wurde ein wenig bleich um die Nase als sie den Plastikbeutel auspackte und die Duftwolke ihr entgegenschlug.
„Oh!“, war alles was sie herausbrachte, aber Kanto machte sich mit großem Appetit über den anrüchigen Inhalt des Beutels her um nach zwanzig Minuten wiederum den Garten zu düngen.
Das Wollpaket schlief nicht viel. Überkam es aber Müdigkeit, ließ es sich einfach da fallen, wo es gerade war. Die eigens für den kleinen Hund an einer bestimmten Stelle platzierte blaue Decke strafte er mit Verachtung und legte sich stets auf die kalten Fliesen, was er auch als erwachsener Rüde beibehielt. Er wollte auch nicht bei Tim im Zimmer schlafen. Er wühlte, rumorte und scharrte dort so lange herum, bis ihn dieser raus schmiss. Der Schwarzbunte hasste geschlossene Räume und zog es vor, nachts zu wandern. Er schlief mal bei uns im Schlafzimmer, mal in der Küche, mal im Flur, nur nicht in Cleos Nähe. Die Hündin hatte einen eigenen Korb, den sie mit Zeigen ihrer beachtlichen Zähne eindrucksvoll verteidigte.
Am nächsten Morgen wollte Mona Marie im Garten Wäsche aufhängen. Jedenfalls hatte sie das vor. Unser neues kompaktes Fellpaket folgte ihr schwänzchenquirlend und mit wachen dunklen und kugelrunden Augen. Es kugelte die Terrassentreppe mit zwei Saltos quiekend herunter, so dass Rosa fast das Herz stehen blieb, rappelte sich aber sofort wieder auf, als wäre nichts geschehen. Dann kämpfte es sich durch hohes - auf den Mäher wartendes – Gras und Pusteblumen. Als es daran schnupperte und die weißen Flocken in alle Windrichtungen stoben, musste es niesen und setzte sich erst einmal auf sein Hinterteil. Nicht lange, und die Wollkugel wühlte mit der Schnauze im Wäschekorb. Davon war Mona Marie nicht begeistert und es entstand zunächst ein stummes Hin- und Herzerren von weißen Unterhosen, Hemden und Baumwollsocken. Mit der Zeit und nach einigen Löchern in der Wäsche wurde das Szenario für den Welpen immer aufregender und etwas lauter, da Mona Marie mit hochrotem Kopf versuchte der Lage nun endlich Herr zu werden und anfing zu schimpfen. Am Nachbarzaun hatten sich mittlerweile Zuschauer angefunden, die die Wollkugel anfeuerten. Mona Marie rief mittlerweile völlig entnervt um Hilfe und Tim trug den sich windenden Rabauken ins Haus. Kaum auf den Boden gesetzt, büchste er schon wieder aus und in den Garten.
„Wir sollten ihn Rambo nennen!“, schlug Tim schließlich vor, nachdem er ihn zum fünften Mal ins Haus getragen hatte.
Mona Marie, müde nach dem Wäschekampf, war begeistert und ich stimmte auch zu. Tim bückte sich, um ihn zu streicheln. „Du heißt jetzt Rambo!“, verkündete er in Feldwebelton. Als Antwort rülpste dieser und würgte einen Schnürsenkel, gemischt mit gelber Galle, hoch, den er zuvor aus einem Schuh gezerrt hatte. Dabei ging das Schwänzchen unermüdlich hin und her.
Ich betrachtete das Schnürband misstrauisch und ging in Gedanken alle meine Schuhe durch. Schließlich kam ich zu dem Ergebnis, dass ich mein bestes schwarzes Paar irgendwo im Flur abgestellt hatte. Ich spurtete los und meine Ahnung bestätigte sich. Ein Schuh war deutlich angekaut. Der andere wies ebenfalls Bissspuren von kleinen spitzen Zähnen auf. Vereinfacht ausgedrückt, die Schuhe waren unbrauchbar und nicht mehr zu tragen.
Am nächsten Tag fuhren wir in die Stadt, um neue für mich zu kaufen. Nun ist unsere Heimatstadt nicht gerade klein und es gibt eine Menge Schuhläden. Meine Familie bevorzugte jedoch ein Geschäft mit dem ungewöhnlichen Namen Rheingold. Eine Assoziation zwischen Laden und Namen wollte nicht so recht aufkommen, da die Besitzer weder Hagen noch Siegfried hießen und die Verkäuferinnen auch nicht gerade an Krimhild oder Brunhild erinnerten. Höchstens die Dame an der Kasse ließ eine leise Ahnung an den Drachen Fafnir aufkommen. Sie hockte auf ihrem Stuhl hinter dem Tresen mit lohfarbenem Haar, zählte Geld dreimal und kontrollierte Kreditkarten viermal. Wir waren seit vielen Jahren Stammkunden in diesem Geschäft wegen der Verkäuferin Frau Schönfelder.
Frau Schönfelder hatte schon Tim seine ersten Schuhe mit bemerkenswerter Geduld angepasst und wir blieben ihr seit dieser Zeit treu. Sie war hager wie ein Model, aber nicht zickig sondern freundlich und kompetent. Als ich nach ungewöhnlich kurzer Zeit wieder bei ihr auftauchte um erneut schwarze Schuhe zu kaufen, war sie hocherfreut, schüttelte meine Hand und richtete Grüße an Gattin und Sohn aus. Auf die neuen Schuhe bekam ich Rabatt, was der Kassendrache nur widerwillig respektierte.
Zu Hause angekommen hielt ich Rambo meine Neuerwerbung unter die Nase und sagte streng: „Nein!“, zu ihm. Er schnüffelte ohne großes Interesse daran und drehte sich dann beleidigt um.
Ich ging in den neuen Schuhen genau vier Tage zur Arbeit. Dann vergaß ich eines Abends sie in den Schrank zu stellen und suchte sie am nächsten Morgen. Der Rest der Familie beteiligte sich an der Suche und schließlich hielt Tim mir ein Paar unter die Nase. „Das sind die alten, zerkauten Treter!“, schimpfte ich.
„Die sehen eher aus,“, Tim kratzte sich am Kopf „wie die Neuen zerkauten!“
Mein nun folgender Wortschwall wurde gestrichen, weil er nicht jugendfrei war und mein Gesicht nahm die Farbe von gut abgelagertem Rotwein an. Nachdem der Dampfhammer unter meiner Schädeldecke sich beruhigt hatte, besuchte ich erneut Frau Schönfelder. Sie rieb sich die Hände, bekam sie doch für jeden Verkauf eine Provision, und Fafnir an der Kasse musste wiederum einen Rabatt eintippen. Sie blickte mich an als sei ich hochgradig geistesgestört. Dafür verabschiedete sich die Chefin persönlich von mir und wünschte mir viel Erfolg mit den neuen Schuhen.
Die nächsten Wochen waren sehr anstrengend, denn wir versuchten Rambo krampfhaft die grundlegendsten Regeln der Hygiene beizubringen. Wir fanden seine Pfützen und auch Kompakteres zunächst überall im Haus. Nach einiger Zeit beschränkte er sich auf den neuen blauen Teppich in der Kaminecke und einer Stelle vor dem Gäste-WC. Von diesem Platz aus konnte die Flüssigkeit wunderbar und ungehindert unter einen Schuhschrank laufen. Dort zog sie in das Holz ein und verbreitete einen Gestank wie in einer altrömischen Wäscherei. Bekanntlich wurde ja dort die Wäsche für das gewöhnliche Volk mit Urin gesäubert, wegen des Ammoniakgehaltes. Rambo besann sich offensichtlich darauf, dass seine Rasse von römischen Kampfhunden abstammte und fand dieses Odeur unwiderstehlich. Er hielt dieser Stelle und dem blauen Teppich die Treue.
Wir waren keine alten Römer und natürlich nicht gewillt, das so ohne weiteres hinzunehmen. Schließlich reichte es, wenn das Haus von meinen Zigarillos verpestet wurde – Originalton meiner Ehefrau. Es blieb uns nichts weiter übrig, als das vierbeinige Wollpaket unermüdlich und immer wieder nach draußen zu führen und es dort über die Maßen zu loben, wenn es dort sein Geschäft verrichtete. Bei Erfolg bekam der Kleine jedes Mal ein Stück Hundekuchen. Nach einiger Zeit kam er dann von allein angerannt und schob seine Schnauze in unsere Hände zur Erinnerung an den zu erwartenden Bissen.
Fortsetzung folgt