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Ein ganz normaler Ehemann ....2.

Von comanchemoon Montag 21.10.2024, 11:46

„Was soll das? Unser Sohn ist kein Rapper, der zwischen Schluckauf und Husten Texte, die vom Bodensatz der Kultur stammen, ins Mikrofon stammelt und dabei über die Bühne torkelt, als wäre seine bis in die Kniekehlen hängende Wochenklohose bereits voll, er aber den drängenden Rest unbedingt zurückhalten muss. Ja, das ist die Art von Jugendlichen, über die berichtet wird. Zudem, wenn sie auch noch in ihren Vorführungen bekennen, dass sie unbedingt allen, die ihnen über den Weg laufen, sexuell belästigen und die Köpfe abschneiden wollen. Er ist auch kein untalentierter Sänger, der sich dauernd tänzelnd in den Schritt fasst. Er ist kein junger Werther, der leidet und gottbewahre kein Soldat James Ryan. Auch kein anerkannter Maler, denn dazu müsste er sich wahrscheinlich erst ein Ohr abschneiden und irgendwo verlottern. Wäre er mit Jenny Elvers, ich weiß nicht genau wie sie heißt, befreundet, könnte man auch über ihn schreiben. Außerdem hat er noch nie in einem Container oder Haus gesessen, wobei Millionen Menschen ihn beobachteten, ihm beim Staubwischen, Nägelkauen und schlimmeren zusahen und zuhörten, wie er mit geistvollen Kommentaren eine hemmungslose Massenbegeisterung auslöste.“

„Über deinen VW Bus könnte man auch schreiben!“

„Mein Fridolin ist kein toller Käfer Herbie und wurde auch noch nie von einem Schumacher oder Finnen gefahren... Oder doch, von einem Finnen schon, aber nicht von Mika!“

„...... und denk’ mal an unsere Urlaube!“

„Urlaube?“ Unsere beschaulichen Urlaube? Wir haben weder Sangria aus Eimern gesoffen und anschließend den Inhalt in die Büsche geko...“, hier hielt ich einen Moment lang inne und fuhr dann fort: „Vielleicht wollen die Leute auch etwas über exquisite kulturelle Veranstaltungen wie die Wahl zur Busenkönigin oder über den Wettbewerb wer macht sich als Superstar am meisten zum Affen lesen. Vom IQ-getränkten Dschungelcamp mal ganz zu schweigen. Unter Umständen könnte es auch ein Kapital wert sein, wenn sich jemand fände, der dem deutschen Schlagersänger – der sich einbildet König von Mallorca zu sein – die Krone und den albernen Hermelinumhang klaut. Also, worüber sollen wir aus unserer stinknormalen Familie berichten? Außerdem kommt mir gerade ein genialer Geistesblitz, wir sind keine Schriftsteller.“

„Schluss jetzt!“ Mona Marie reagierte ausgesprochen launisch, wenn man ihr etwas abschlug. „Dein Ton klingt schlimmer, als der eines Verhörspezialisten der Stasi. Ich habe das bereits mit Carla am Telefon diskutiert und die hat sich an Mary Lee gewandt. Beide kommen und helfen uns. Wir werden schreiben.“

Ich erstarrte wie Lots Weib. Carla und Mary Lee waren allerschwerste Geschütze!

Damit war das Thema also zunächst beendet, so ungefähr zwei Tage lang. Dann waren wir wieder am Tisch versammelt.

„Wo wollen wir anfangen?“, fragte Mona Marie und sah mich hoffnungsvoll an.

„Am Anfang!“, entgegnete ich ebenso hoffnungsvoll, weil ich mich dem optimistischen Gedanken hingab, dass der Stoff ausging, bevor wir überhaupt angefangen hatten.

„Wo fängt der Anfang denn an?“, fragte ich dann träge und biss in ein Salamisandwich, das ich mit der linken Hand hielt, weil ich mit der rechten Notizen machen wollte. Auf meinem Block landete mit einem Blubb etwas Mayonnaise und ich wischte sie hastig mit einem Papiertaschentuch ab.

„Vielleicht bei unserer Hochzeit!“, schlug ich dann vor.

„Das ließe sich eventuell darstellen.“, antwortete Mona Marie gönnerhaft und schrieb einige Anhaltspunkte auf. „Dann taucht natürlich die Frage auf, wie haben wir uns kennen gelernt?“

„Das weißt du doch, das ist doch keine Frage. Aber wie ist das mit unserem Vorleben bis zu dem besagten Kennenlernen!“

Mona Marie sinnierte: „Dann müssen wir uns möglicherweise auch mit unseren Eltern beschäftigen!“ Sie war restlos begeistert. „Was wiederum die Großeltern auf den Plan ruft!“ Mit blitzenden Laseraugen und zerzaustem Haar fuchtelte sie aufgeregt mit beiden Händen herum und wippte mit dem schweren Eichenstuhl. Dabei schob sie ihre Zunge etwas nach vorn und ich starrte fasziniert darauf, da mich die Spitze an etwas erinnerte, das aus der Erde kroch.

Bei ‚Plan’ betrat Tim das Zimmer. Er war jetzt im besten Mannesalter und wie ich bemerkte, trat er heute in Rudeln auf. Er hatte einen hübschen, metrosexuellen Freund mit femininen Gesichtszügen und Rastalocken bei sich. Dessen Äußeres täuschte aber, denn er war in Begleitung eines weiblichen Wesens. Selbstbewusst, mit langen blonden Haaren, unzähligen Ohrringen und einem Knopf in der Nase drängelte sie sich vor und meinte: „Eine Familiensaga über mehrere Generationen wirkt nicht schlecht. Man denke an Roots und Fackeln im Sturm! Auch wenn das schon ein wenig angestaubt ist.“

„Ein genialer Vorschlag.“, stöhnte Rasta überwältigt.

Meine Einstellung war da wesentlich gemäßigter, ich hörte erst einmal zu.

„Bei welcher Generation fängt man an?“ Ohrring war gar nicht so dumm. „Vor dem zweiten Weltkrieg und danach gibt es schon eine Menge!“

„Dann fällt eine neue Geschichte kaum auf!“, erklärte Tim schulterzuckend. „Ab ovo usque ad mala. Fangt einfach beim Urknall an und arbeitet euch durch die Evolution!”

„Raus!“, erklang es aus zwei Kehlen wie aus einem Munde. Mona Marie und ich waren selten so einig.

„Wir müssen nun Prioritäten setzen!“, meinte ich endlich, nachdem wir eine Weile vor uns hingestarrt hatten, und das Schweigen die Ohren knacken ließ. Mona Marie hörte auf mit dem Stuhl zu wippen und blickte mich anerkennend an. Ich machte eine wirkungsvolle Pause, um ihre Erwartung ins Maßlose steigen zu lassen

„Das Klügste wäre, eine Autorenvorlesung zu besuchen und mit Fachleuten in Kontakt zu treten.“

3 folgt

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