Ein ganz normaler Ehemann ....3.
Von
comanchemoon
Dienstag 22.10.2024, 16:10
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comanchemoon
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Heinrich Wetter erzählt:
Das Literaturforum
Voller Spannung hatten wir ihn erwartet, jenen ersten Abend im Literaturforum, der in einem uns unbekannten Kindergarten stattfand. Das Treffen begann völlig unliterarisch, weil wir den Eingang nicht fanden, oder nicht zu finden glaubten. Er war nämlich noch verschlossen, als wir ankamen.
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Während wir herumirrten, tauchte vor uns im Dunkeln ein Mann auf, der größtenteils aus einem schwarzen Bart zu bestehen schien, und bei dem ich zunächst einen Sprengstoffgürtel vermutete. Er entpuppte sich aber als gleichgesinnt und suchte auch nur den Eingang ins kulturgetränkte Vergnügen.
Kurze Zeit später hatten sich dann alle gefunden, und die Runde begann nach einigem Stühle rücken mit dem, was sie hierher geführt hatte. Außerdem wurde die Tür abgeschlossen, damit niemand mehr entfliehen konnte. Meine Erwartungen stiegen ins Maßlose und die erste Erzählung wurde vorgelesen. Sie war perfekt, gut durchdacht, und der Sound spiegelte die Lebensweise und Perspektivlosigkeit der Handelnden einfühlsam wieder. Jedenfalls klang das für meine profanen Ohren so. Nicht aber für die Reich Ranicki-Verschnitte, die sich hier in Scharen profilieren wollten. Sie meinten, der Text hätte noch stellenweise gekürzt, also bis zur Unkenntlichkeit zusammengehauen werden müssen. Überhaupt wären einige Passagen völlig fehl am Platz und sie hätten das so oder so geschrieben.
Erstaunlich, ich sagte lieber nichts mehr und beschränkte mich aufs Zuhören und Beobachten.
Dann las Little Shakespeare, so taufte ich den distinguierten Herrn, mit tragender Stimme einen englischen Text vor. Wahrscheinlich traute sich niemand zuzugeben, dass er nicht genügend Englisch verstand, also folgten allgemeine Begeisterungsstürme.
Wie dem auch sei, Mona Marie meinte hinterher respektlos, dass sein Englisch in ihren Ohren gerauscht hätte und ihre Schwester Mary Lee ihn wahrscheinlich mit ihrem Peacemaker vom Hof jagen würde und Onkel Corky, mit einer Rifle fuchtelnd, den erneuten Krieg gegen eindringende Engländer ausrufen würde. Immerhin war Mona Marie Amerikanerin und ihr fünf oder sechs Mal Urgroßvater hatte „The Declaration of Independence“ gleich unter Benjamin Franklin unterschrieben. Dabei fiel mir dann nebenbei ein, dass ich die vorgelesene Story just am vergangenen Samstag als Film im Fernsehen gesehen hatte. Jedenfalls fiel sie sehr ähnlich aus - mit Liam Neeson in der Hauptrolle.
Eine etwas gesetzte Dame rezitierte dann ein Gedicht, in dem sich Torten und Kuchen unterhielten und Kinder mit mutierten Clowns durch die Luft wirbelten.
Es folgten eine Adenauer-Anekdote, die ein Herr mit weißem Seidenschal verzapft hatte, und ein etwas längeres Gespräch über Veranstaltungsplanungen und Buchveröffentlichungen, unterbrochen von Kritik, immer von den gleichen Leuten. Eine junge Dame kam endlich mit zwei zeitkritischen Gedichten zum Zuge, die ich persönlich nicht übel fand. Aber einige Kritiker hatten natürlich wieder um der Kritik willen etwas zu bemängeln, und ich war erstaunt, wie viel philosophisches man aus einem sozialen Netz herauskatapultieren kann. Über falsch verstandene i Punkte wollen wir gar nicht erst reden.
Eine Lehrerin las eine Geschichte vor, die von einer Klavierunterrichtsstunde handelte, in der die Protagonistin ein Gesangsstück vortrug. Das war schön und gut, aber mussten die Szenen zwecks besserer Anschauung unbedingt mit einer etwas schrillen und zitternden Stimme singend vorgetragen werden?
Die letzten beiden Gedichte wurden von einer besonders hingebungsvollen Kritikerin vorgelesen, die Wert darauf legte, dass sie nichts Besonderes zu bieten hätte. Dem wurde natürlich erwartungsgemäß widersprochen. Da inzwischen schon Aufbruchstimmung herrschte, hatte wohl niemand mehr Zeit und Lust, die Gedichte fachgerecht zu sezieren. Glück gehabt! Obwohl, die Ode zum Abschluss klang für mich eher wie eine Feststellung und nicht wie Lyrik.
„Ich öffnete meine Augen und sah, er war blond!“, sprach die junge Dame.
Dann Stille – und wieder: „Ich öffnete meine Augen und sah, er war blond!“
Tosender Beifall – und ich hoffte, niemand würde die begriffsstutzigen Gesichter von Mona Marie und mir fotografieren. Wir blickten uns verdutzt an, weil das wahrscheinlich eine Spur zu anspruchsvoll für uns war.
Aber ich merke schon, ich muss aufhören – ich werde sonst selber zum Kritiker der Kritiker.