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Ein ganz normaler Ehemann ...5.

Von comanchemoon 27.10.2024, 15:04

Heinrich Wetter erzählt aus seinem Leben:

Cousine Carla

Die Anzahl meiner Verwandten war nicht gerade üppig. Allerdings zählte meine Cousine Carla für gut zwanzig Personen. Mona Marie pflegte zu sagen, dass ihre Familie Carla wahrscheinlich als Kind bereits ertränkt hätte wie bösartige Menschen einen Wurf junger Katzen.

Tatsächlich war Carla eine mittlere Katastrophe. Wo sie auftauchte, breitete sich das Unglück mit Lichtgeschwindigkeit aus, die Erde bebte nicht nur, sie tat sich auf. Carla war die Inkarnation des Chaos. Ein Synonym für Pech. Mona Maries Wangen färbten sich bereits himbeerrot, wenn Carla auch nur im Anmarsch war.

Ich pflegte dann zu sagen: „Ach, übertreibe bitte nicht so. Na gut, sie flippt manchmal ein wenig aus, meint es aber nie böse! Obwohl ... bei ihrem Anblick muss ich immer an einen Korb voller Nägel denken, der zu dicht an einer Tischkante steht.“

Ehrlich gesagt versuche ich mich heute noch zu sammeln, was infolge der Gedanken an Carla, die eine albtraumhafte bunte Polonaise in meinem Hirn vollführen, nicht einfach ist.
Auch auf unserer Hochzeit mischte sie fleißig mit.

Unsere Hochzeit

Mona Marie und ich prüften zunächst über einen dramatisch langen Zeitraum, ob wir zusammen passten, bevor wir uns entschlossen, zu heiraten. Natürlich ging der gesamte Vorgang auch nicht glatt. Ich fragte mich nachträglich, was der eigentliche Grund für das Fiasko gewesen war und kam zu dem Ergebnis, dass sich hier mehrere Komponenten zusammengetan hatten.

Als wir unsere Hochzeit planten, stellten sich zunächst die Frage, ob wir uns katholisch oder evangelisch trauen lassen sollten. Bei den Katholiken gestaltet sich eine Mischehe ja immer etwas problematisch und so entschieden wir uns für evangelisch. Gleichzeitig wurde uns die Entscheidung darüber auch abgenommen, weil ich plötzlich keine Kirchenzugehörigkeit mehr auf meiner Lohnsteuerkarte feststellen konnte. Leicht konsterniert rief ich bei der Gemeinde an und ich konnte das Achselzucken direkt durch den Telefonhörer ausmachen.

„Wenden sie sich an Ihre Kirchengemeinde!“, sagte der freundliche Beamte gelangweilt.

Na gut, das tat ich. Aber auch ohne Erfolg. Niemand wusste Bescheid und so konnte ich mich für die Zukunft also bei den exkommunizierten Sündern einreihen. Das Fegefeuer war mir sicher, oder so ähnlich.

Wenigstens bekam ich aber eine Taufbescheinigung, die ein Tippfehler zu allem Überfluss als Traufbescheinigung auswies. Aber den liberalen Probst aus Mona Maries lutherischer Gemeinde schien das nicht zu stören und wir sprachen die Trauungszeremonie durch. Dabei rang ich dem Geistlichen das Versprechen ab, dass wir nur ein Lied singen mussten.

Zunächst war alles sehr schön. Die Kirche, der Pastor, Mona Marie im weißen Kleid, ich im schwarzen Festanzug. Kurz, alles verlief sehr feierlich. Das kirchliche Lied hatte übrigens acht Strophen – insofern hatte mich der schlitzohrige Probst hereingelegt – und Mona Marie stieß mich schon nach dem zweiten Vers mit einem spitzen Ellenbogen in die Seite und verbot mir das Singen, weil ich angeblich brummte. Seitdem habe ich nie wieder gesungen!

Nach der Trauung, als wir aus der Kirche heraustraten, wurden wir von donnerndem Applaus und einem Paukenschlag erwartet. Dann bemühte sich der Spielmannszug unseres Schützenvereins, das Glockengeläut zu übertönen, was ihm auch streckenweise gelang. Die Trommler werteten es jedenfalls als Erfolg, weil die Fenster der umliegenden Häuser aufgerissen wurden und die Leute neugierig das Spektakel beobachteten.

Dann ging es ab, im Auto meines Bruders, zünftig mit Blechdosen an der Stoßstange, mitten hinein in die Altstadt von Braunschweig. Dort hatten wir einen Fototermin bei einem ortsbekannten Fotografen, der ohne nennenswerte Zwischenfälle verlief. Danach fuhren wir huldvoll rechts und links winkend zu der Gaststätte, in der wir den Rest des Tages feiern wollten.

Eingeladen waren auch die jüngeren Schwestern meines Vaters, Tante Anna und Tante Gertrude. Sie waren beide in den Sechzigern und unverheiratet. Gertrude, die jüngere war klein und pummelig, mit einem freundlichen, rundlichen rosa- und weißfarbenem Gesicht, wie ein Sonnenaufgang am Strand von Sylt. Anna war hager und groß. Ihr Gesicht war erstaunlich glatt, wirkte aber trotzdem auf seltsame Weise ewig missmutig. Ihre hellen blauen Augen blickten ständig prüfend und missbilligend in die Welt und man fühlte sich wohler, wenn man einen stabilen Gegenstand zwischen ihr und sich selber wusste.
Die beiden lebten in einem einsamen Heidedorf, oder besser noch etwas fernab von dem einsamen Heidedorf. Die Geschwister hatten ein großes Grundstück und hielten sich eigene Hühner, Enten, Gänse, Schweine, Ziegen und Kühe. Sie ernährten sich hauptsächlich aus eigener Produktion und hielten regelmäßig informative Vorträge über gesunde Ernährung, was die Leute in dem kleinen Dorf veranlasste, sie als seltsam zu bezeichnen – wenn sie freundlich über sie sprachen. Meistens versteckten sich ganze Familien in der Scheune wenn die beiden sich näherten, um ihrem Enthusiasmus zu entkommen, Vorträge über gesunde Ernährung zu halten.
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Eine besondere Spezialität der Schwestern war die Herstellung von Medizin, was ja durchaus auch gesundheitsförderlich klingt. Allerdings konnte man hier geteilter Meinung sein, da diese ganz spezielle Medizin aus einem selbstgebrauten Schnaps, den sie Wetterleuchten nannten, hergestellt wurde. Es war ein altes Familienrezept, das nur an die weiblichen Mitglieder weitergegeben wurde. Die Männer der Familie versuchten regelmäßig das Geheimnis zu ergründen, aber die Frauen waren da hartnäckig und schwiegen verstockt. Fest stand, dass Wetterleuchten seinen Namen bekam, weil irgendetwas in der Flasche zu glühen schien. Die Schwestern selber nannten das übrigens nicht Schnaps sondern eine homöopathische Urtinktur auf Alkoholbasis. Hauptsächlich bestand der Sud wahrscheinlich aus Brombeeren und neunzigprozentigem Hochgeistigen. Die Vermutungen über Zutaten wie Schlangenköpfe, Schwefel, Phosphor und Kröteneier waren sicherlich nur ein Gerücht, ebenso wie die Sage über Fliegenpilze, Rost von antiken eisernen Grabkreuzen und Mäusekot.

Wetterleuchten konnte als Schnaps getrunken oder auch als Medizin eingenommen werden. Gegen Rheuma half es, sich einfach damit einzureiben. Um als Arznei zu wirken, wurde einfach ein starker Kräutertee anstatt mit Wasser mit Wetterleuchten aufgebrüht. Die Medizin war gegen jede Krankheit gut. Nach diesem Genuss hatte man sowieso keine Schmerzen mehr, man war gar nicht mehr in der Lage, überhaupt noch was zu fühlen und sah die Umgebung unter völlig neuen Aspekten..

Nun, Tante Gertrude und Tante Anna brachten zwei Flaschen von diesem Muntermacher, versehen mit sehr hübschen Etiketten in blau und rot, mit zu unserer Hochzeitsfeier, die ungefähr bis Mitternacht sehr harmonisch verlief.

Dann hatte irgendjemand die glorreiche Idee, Wetterbrand in eine Karaffe zu gießen und stellte sie auf den Tisch. Einige Tropfen gingen daneben, fraßen sich durch das Tischtuch und in die Politur der Tischplatte. An der gegenüberliegenden Seite des Raumes fielen zwei Fliegen von der Wand. Man achtete sorgfältig darauf, dass das Getränk nicht in die Nähe der Kerzenflammen kam, bis Carla nach Mitternacht anfing, einen Striptease auf dem Tisch hinzulegen und dazu den Song aus dem Blauen Engel schmetterte - und zwar ziemlich hingebungsvoll. Bei einem besonders schrillen Ton fiel ein Kerzenleuchter um, und im Nu fingen die Tischdecken Feuer. Die Gäste rannten nach Wasser und Carla nahm die Karaffe und schüttete den Inhalt ins Feuer.

Da es sich dabei um Wetterleuchten gehandelt hatte, bekamen wir anschließend Hausverbot und unsere Haftpflichtversicherung kündigte uns.

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