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Ein ganz normaler Ehemann ...5.

Von comanchemoon Donnerstag 24.10.2024, 12:35

Heinrich Wetter erzählt:

Tante Rosa und der Puff

Eine meiner ganz speziellen Verwandten war meine Tante Rosa, die ältere Schwester meiner Mutter. Manchmal besuchten sie und ihr Mann Walter uns. Meine Mutter verfiel dann vorher immer in eine hektische Betriebsamkeit um Mahlzeiten wie für die sprichwörtliche Fußballmannschaft vorzubereiten.

Als sich Rosa und Walter wieder mal angekündigt hatten, kannte ich Mona Marie noch nicht lange und hatte auch versäumt, sie auf meine Verwandten vorzubereiten.

Mona Marie stand gerade mit einer unserer Katzen auf dem Arm auf dem Hof, als ein brauner VW Käfer hielt und ein grauhaariger Mann nebst einer Dame, die man großzügigerweise als Matrone bezeichnen konnte, aus dem Auto quollen. Außerdem stiegen noch zwei kleine Mädchen aus, offensichtlich die Enkel des Ehepaares. Eines der entzückenden Kinder zeigte fragend auf die Katze und die Frau rief: „Ein Töwe!“.

Sie wollte wohl gleichzeitig Tiger und Löwe sagen, und so wurde dann eine neue Wortschöpfung geboren.

Mona Marie war etwas konsterniert und dann kam meine Mutter auf den Hof. Die Frau walzte sofort auf sie zu und schwenkte dabei eine riesige Plastiktüte. Statt einer Begrüßung legte sie los: „Du hast ja schon wieder eine Kittelschütze an. Was sollen denn die Leute denken? Da kommt man drei Mal im Jahr hierher und du ziehst dich nicht vernünftig an. Aber ich habe vorher eingekauft und dir ein neues Kleid mitgebracht. Keine Angst wegen des Geldes, es war billig und ich konnte unmöglich daran vorbeigehen. Ich selber fühle mich nach dieser langen Fahrt auch nicht recht wohl und muss mich jetzt erst einmal ausruhen. Aber vorher müssen wir noch etwas essen. Ich habe natürlich auch dafür eingekauft. Sonderangebote, wohlgemerkt. Walter, pack doch schon mal die Taschen aus.“ Sie winkte herrisch dem Mann mit dem vollen, grauen Haar. „Und pass auf, dass Iris und Carola nicht auf die Straße laufen. Stell dir vor, sie werden überfahren. Und das auch noch mit leerem Magen. Wo ist denn überhaupt Gerhard?“

Sie blickte sich suchend um. Gerhard war mein älterer Bruder, der aufs Stichwort aus dem Haus trat. Wohl um die Gäste zu begrüßen, was aber von Rosa sofort abgewürgt wurde.

„Du hast ja schon wieder nur Hose und Pullover an. Du solltest mal einen Anzug tragen. Hast du überhaupt einen? Es gibt doch schon ganz billige. Na ja, wahrscheinlich würden sich die Leute sowieso wundern, weil sie dich immer nur so unordentlich kennen. Der Heinrich ist ja genauso. Immer nur diese Jeans anstatt mal Binder und Kragen. Meinem Schwiegersohn predige ich das auch immer. Sogar Weihnachten trägt der immer nur Rollkragenpullover. Bei dem ist Hopfen und Malz verloren. Hat der sich jetzt doch einen Bootsmotor gekauft, obwohl er gar kein Boot hat!“

Rosa holte Luft, wobei ihr Gebiss ein klackendes Geräusch von sich gab und meine Mutter nutzte die Pause, um die Ankömmlinge endlich ins Haus zu bitten. Dabei stellte ich noch kurz Mona Marie vor und Rosa konnte sich nicht verkneifen, sie zu fragen: „Wollen Sie wirklich den Heinrich heiraten? Na ja, jeder muss sehen, wie er mit seinem Glück fertig wird. Warum haben Sie übrigens keine Haare?“

Sie starrte Mona Maries modernen Stoppelhaarschnitt entrüstet an. Diese konnte die herzliche Begrüßung nur mit gemäßigtem Enthusiasmus erwidern und schielte mich in beträchtlicher Panik an. Rosa fuhr unbeeindruckt fort: „Wir klären das mal nachher, es gibt ja heutzutage recht ordentliche Perücken, die billig sind. Aber jetzt muss ich erst einmal mit meiner Schwester ein vertrauliches Gespräch führen.“

Das vertrauliche Gespräch wurde im Wohnzimmer ausgetragen, wobei alle zuhören konnten oder besser mussten.

Rosa teilte ihrer Schwester in weinerlichem Ton mit, dass sie befürchte, bald zu sterben. Meine Mutter widersprach ihr und war der felsenfesten Überzeugung, dass sie zuerst sterben würde
.
„Nein, nein!“ Rosa war entrüstet. „Ich leide seit einer Zeit an heftigen Darmkoliken und fürchterlichen Blähungen. Der Arzt hat mir eine Diät verordnet und abnehmen soll ich auch noch. Ich hab’s ja auch versucht mit der Diät, aber die kriege ich beim besten Willen nicht auch noch zusätzlich zu meinem normalen Essen runter.“

Wir starrten Rosa an, in sprachloser Stille. Als endlich Mona Marie etwas sagen wollte, kniff ich sie warnend in den Arm, während Carola sich auf den Fußboden gelegt hatte und gegen die frisch tapezierten Wände trat.

„Lass das!“, forderte meine Mutter sie auf.

„Das ist doch nur ein Kind! Nun stell dich doch nicht so an. Kinder müssen doch spielen!“, tönte Rosa erneut. „Aber nun packen wir erst einmal aus.“

Aus der großen Plastiktüte holte sie ein geblümtes Kleid für meine Mutter hervor, das aber offensichtlich drei Nummern zu klein war.

„Dafür war es billig, hab‘ ich ja schon gesagt..“, verteidigte sich Rosa. „Und außerdem könntest du mal abnehmen. Iss doch einfach weniger! Du musst die Teller nicht immer so vollladen. Aber nun packen wir mal endgültig aus.“

Aus den Tiefe der Plastiktüte wurden fünf Pakete mit Waffeln hervorgekramt, zwei Paar Schuhe, ein original verpacktes Bettlaken, drei Handtücher und zwei Dosen mit Würstchen.

„Damit wir hier nicht verhungern!“, schnatterte Rosa unter heftigem Gebissklacken.

Gerhard wollte unterdessen mit Walter in die Stadt fahren, was aber Rosa sehr gegen den Strich ging. „Ihr wollt nur wieder auf den Puff!“, jammerte sie. Aus unerfindlichen Gründen bildete sie sich seit Jahren ein, mein Bruder wolle ihren Ehemann unbedingt mit Damen aus der Erotikszene bekannt machen.

„Was ist ein Puff?“, fragte Iris. „Ich will da auch hin!“

„Ja, nehmt die Kinder mit!“ Rosa setzte ein energisches Gesicht auf.

„Mit auf den Puff?“, fragte Mona Marie scheinheilig. Ich hatte den Eindruck, ihre Geduld war langsam überstrapaziert.

„Was ist ein Puff?“, fragte nun Carola.

Rosa hielt sich die Ohren zu. „Ihr habt damit angefangen.“, sagte sie zu Gerhard. „Nun müsst ihr das erklären.“

Der lies sich das nicht zweimal sagen und begann: „In den Puff gehen Männer …“

„Halt, halt!“, wurde er von Rosa unterbrochen. „Du willst das dem Kind doch nicht wirklich erklären?“

„Genau das sollte ich doch!“

„Du bist ein Schwein!“

„Was ein Schwein ist weiß ich!“, sagte Iris. „Aber was ist ein Puff?“

Jetzt mischte meine Mutter mit: „Das ist was für Schweine!“

„Gut, ich will Schweine sehen!“ Iris war begeistert

„Bauer Harms hat welche im Stall.“, meldete ich mich zu Wort, um von der städtischen Vergnügungsmeile endlich abzulenken.

Also blieb Walter und Gerhard nichts weiter übrig, als mit den Kindern den Harmschen Bauernhof zu besuchen und den Schweinestall zu besichtigen.

Allerdings wunderte sich der Landwirt sehr, als ein engelsgleiches, blondes, kleines Mädchen ihn mit den Worten ansprach: „Sie haben hier einen wunderschönen Puff, aber der stinkt gewaltig.“

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