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Ein ganz normaler Ehemann ...6.

Von comanchemoon Freitag 25.10.2024, 16:01

Heinrich Wetter erzählt aus seinem Leben:
Bei Tante Rosa
Nach dem Besuch meiner Tante fragte ich Mona Marie, was sie von ihr hielt.

„Oh,“, gab sie von sich, „die Rosa ist ein wenig so, wie deine Mutter – allerdings, als wäre diese auf Drogen. Soviel Widersprüchlichkeit in einer Person habe ich selten erlebt. Uns erzählt sie was vom Abnehmen und sie selber sieht aus wie ein Michelinmännchen. Dauernd quasselte sie mir was von Sparsamkeit. Strom sparen, Heizung sparen, Wasser sparen vor. Du glaubst nicht, was sie zum Wasser sparen beigetragen hat. Wir hatten Eier gekocht und sie befahl uns, das Wasser nicht wegzuschütten. Sie hat darin ihre Schlüpfer ausgewaschen. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn wir sie einmal besuchen dürfen. Ich bekomme dort wahrscheinlich nicht einen Bissen runter.“

Irgendwann ließ sich ein Besuch bei meiner Tante nicht mehr aufschieben. Mona Marie und ich fuhren morgens zu meiner Mutter, um dort vor der Fahrt zu frühstücken. Mein Bruder Gerhard war auch schon da. Er sah seltsam aufgebrezelt aus in einem neuen, grauen Anzug und einer passenden Krawatte.

Nach dem Frühstück schmierte meine Mutter noch ein paar Brote, damit wir auf der langen Fahrt von nicht einmal drei Stunden nicht verhungern würden. Dann ging es in allerbester Laune los und wir kamen ohne irgendwelche nennenswerten Zwischenfälle in Kachtenhausen an. Dort hielten wir einigermaßen erstaunt vor Rosas und Walters Haus an, das uns in neontürkis anleuchtete.

„Wow, da hat sich aber einer nicht beherrschen können!“, stellte Mona Marie beeindruckt fest.

Wir wurden schon erwartet. Rosa lächelte uns mit der Herzlichkeit einer Amphibie an und begutachtete zunächst Gerhard. „Wie siehst du denn aus? Der Anzug ist ja vom Sitzen ganz zerknittert. Warum ziehst du dir nichts Bequemes an? Eine Krawatte ist doch nicht nötig, was sollen denn die Leute denken? Aber jetzt kommt erst einmal rein. Ihr müsst doch Hunger haben.“

„Ja schon!“, antwortete meine Mutter. „Aber was ist das?“ Sie wies auf das auffällig leuchtende Haus.

„Ach, die Farbe war billig!“

Dann mussten wir erst einmal unser drittes Frühstück einnehmen, das aus Rührei, Schinken, Wurst und Brot bestand. In der Zwischenzeit werkelte Rosa in der Küche und meine Mutter half ihr, frische Nudeln herzustellen und einen Eintopf zu kochen.

Eine Stunde nach dem Frühstück mussten wir die Suppe mit den selbstgemachten Nudeln verputzen. Rosa duldete da keinen Widerspruch. Mona Marie biss auf einen Knochensplitter und würgte. Sie mochte derartige Hausmannskost nicht.

Nach der Suppe gab es schlesische Klöße und Räucherfleisch mit Backpflaumen. Mona Marie aß nur Klöße und etwas Soße, bei Fleisch konnte sie kompromisslos sein. Da hörte bei ihr jegliche Höflichkeit auf.

Nach dem Gang kamen noch mehr Klöße, Rotkohl und Kaninchen. Mona Marie erinnerte sich an die Stallhasen, die Walter draußen in Käfigen hielt und verweigerte das Fleisch. Stattdessen musste sie dringend einmal die sanitären Anlagen aufsuchen.

Es dauerte gar nicht lange, und sie kam offenbar unverrichteter Dinge wieder zurück.

„Die Spülung geht nicht!“

„Ach Kind,“, sagte Rosa, „wir müssen etwas sparsam mit Wasser umgehen. Die Kosten fressen uns sonst auf. Aber die ganze Badewanne ist voller Wasser. Wir schöpfen es mit dem Eimer raus und gießen es in die Toilette.“

„Das Wasser stinkt. Das möchte ich nicht an meine Hände bekommen.“, protestierte Mona Marie. Sie war etwas empfindlich.

„Warum nicht? Wir haben nur darin gebadet. Zuerst Carola und Iris, dann ich und zum Schluss Walter. Warum sollten wir es denn verschwenden?“

Mona Marie machte ein Gesicht, wie ein Politiker nach einer verlorenen Landtagswahl und schüttelte den Kopf. „ Ja, warum verschwenden? Das hätte ich nicht würdevoller ausdrücken können.“

Mittlerweile wandte sich Rosa wieder Gerhard zu. „Binde doch deinen Schlips ab. Es ist doch nicht nötig, dass du den ganzen Tag damit herumsitzt.“

„Aber Tante Rosa,“, protestierte Gerhard, „ du hast doch selber verlangt, dass ich mit Anzug und Binder komme. Du hast dich sogar beschwert, dass dein Schwiegersohn Weihnachten immer nur im Rollkragenpullover erscheint“

„Beim letzten Mal hatte er eine Krawatte um.“, grinste Walter und Rosa presste ihre Lippen zu schmalen Strichen zusammen.

„Erinnere mich nicht daran, er hatte sie über den Rollkragen gebunden.“

Ungefähr zwei Stunden nach dem Mittagessen mussten wir schon wieder hungrig sein, weil Kaffee und eine Buttercremetorte, die ungefähr so groß wie der Brocken im Harz war, aufgetischt wurden. Der Einfachheit halber servierte Rosa gleich jedem sein Tortenstückchen auf dem Teller. Sie holte dabei aus dem ganzen Kuchen genau fünf Monsterstücke heraus und überhörte großzügig unseren Protest.

„Esst nur, esst, das werdet ihr schon schaffen!“

Als Gerhard als einziger tatsächlich alles verspeist hatte, starrte sie ihn an und bemerkte: „Du kannst vielleicht Mengen verdrücken!“

Zweieinhalb Stunden später gab es Abendbrot – Kartoffelsalat und Würstchen. Im Kartoffelsalat waren rohe Eier und meine Mutter musste sich erbrechen, weil sie sich davor ekelte.

Wir saßen dann noch eine Weile zusammen und Rosa zeigte uns, was sie alles billig eingekauft hatte. Im Schlafzimmer war das reinste Warenlager. Schuhe, die nicht passten, Kleider, die völlig aus der Mode waren und Bettwäsche, die schon in den Dreißigern keiner mehr genommen hätte. Aber es war alles billig gewesen. Wir mussten uns sagen lassen, dass wir ja allgemein viel zu teuer einkauften.

Einige Wochen nach dem Besuch, fand ich eines Abends Mona Marie zusammen mit meiner Mutter vor, wie sie irgendwelche Schilder beschrifteten.

„So,“, gab meine Mutter äußerst zufrieden von sich, „ wir fahren jetzt nach Kachtenhausen und ärgern die Rosa.“

Ich war verdutzt. „Heute Abend noch?“

„Ja, die gehen immer um elf Uhr ins Bett. Bis dahin sind wir dort und stellen, wenn alles im Haus dunkel ist, die Schilder auf. Und ich habe nicht vor, dabei auf Rosas labilen Blutdruck Rücksicht zu nehmen..“

Ich sah mir die Schilder an. „Zimmer zu vermieten“, „Kartoffeln zu verkaufen“, „ Auto zu verkaufen“ .

Ich grinste: „Da werden die Nachbarn am nächsten Morgen bestimmt denken, der Rosa und dem Walter geht es aber schlecht.“

„Das Beste kommt noch.“, erklärte Mona Marie und steckte eine Büchse Dosenmilch in die Tasche. „Du besorgst unterwegs Kondome und wir füllen ein klein wenig Milch da hinein. Dann werfen wir ein paar in den Garten und vor die Haustür.“

So kam es, dass wir im Dunkeln dort ankamen, aber das Licht im Haus ging erst um ein Uhr aus. Anscheinend waren Tante und Onkel von ihrer Gewohnheit abgewichen und gingen später als normal zu Bett. Dann begannen wir mit unserer Arbeit.

Als wir uns ein paar Monate später wieder sahen, erzählte Rosa meiner Mutter mit klackendem Gebiss und voller Empörung: „Stell dir mal vor, in unserem Garten haben Leute geheckt und Walter musste die Gummis mit der Schaufel wegräumen!“

Aufgeregt berichtete sie uns, dass sie an diesem Tage schon früh um sieben Uhr aus dem Bett geklingelt wurden, weil ungefähr zehn Personen Kartoffeln zu kaufen begehrten. Später meldeten sich drei Interessenten, die unbedingt ein Zimmer mieten wollten und ein Mann war völlig auf Walters alten Käfer abgefahren. Außerdem ließ der örtliche Schlesierverein eine Sammelbüchse herumgehen, weil man Mitglieder wie Rosa und Walter in finanziellen Nöten prinzipiell nicht im Stich lassen konnte.

Mona Marie murmelte etwas, das so klang wie: „Wer tut denn so was!“, und verließ unter einem fadenscheinigen Vorwand feige den Raum. Ich griff zu einem der billigen Kekse, die meine Tante mitgebracht hatte verschluckte mich prompt weil sie so trocken waren. Meiner Mutter kam das auffallend gelegen, weil sie sich nun gezwungen sah, mir hefftig auf den Rücken zu klopfen. Das verschaffte ihr den Vorteil, Rosa für einige Minuten nicht in die Augen sehen zu müssen.

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