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Ein ganz normaler Ehemann ..9.

Von comanchemoon Dienstag 29.10.2024, 13:29

Heinrich Wetter erzählt:

Auf der Reeperbahn

Es war Mitte der Siebziger. Wir hatten eine Hamburgtour geplant, aus allen Kneipen tönte „La Paloma Blanca“ und Mona Marie, Carla und ich kamen um die Mittagszeit in der Hansestadt an. Zuerst absolvierten wir die unvermeidliche Hafenrundfahrt, die wir trocken überstanden, dann eine Stadtrundfahrt ohne nennenswerte Ereignisse. Gegen Abend wollten wir über die Reeperbahn bummeln.

Carla bestand darauf, sich vorher umzuziehen. Sie tauschte ihren bequemen Hosenanzug gegen einen Ledermini und hochhackige Pumps aus, die man heute High Heels nennt. Außerdem schwang sie ein niedliches knallrotes Handtäschchen und erwiderte auf meine diesbezügliche Frage, dass das unvermeidlich sei. Ich solle mich nicht so anstellen, wir befänden uns schließlich auf der Reeperbahn, und sie wolle nicht auffallen.

Eine Antwort auf dieses stichhaltige Argument fiel mir nicht ein. Wir schlenderten also gemächlich an Spielhöllen und Stripteaselokalen vorbei. Das eine oder andere Mal musste ich uniformierte Türsteher abwehren, die mehr oder weniger eindringlich an meinem Ärmel zupften und versuchten, mich mit den verheißungsvollsten Versprechungen in ihre Lokalitäten zu locken. Offenbar waren in jedem dieser Schuppen die besten Shows der Welt mit den schönsten Mädchen der Welt und die gewagtesten Veranstaltungen der Welt zuhause. Jeder dieser aufdringlichen Herren pries sein Geschäft als das beste an, mir wurde ganz schwindlig bei so viel Angebot und Mona Marie bekam Migräne. Nur Carla ließ das kalt. Sie wurde mitunter von den Damen der nächtlichen Vergnügungszunft – die hier überall zu sehen waren – pikiert angeschaut. Trotzdem stöckelte sie hüftschwingend mit dem harmlosen Gemüt eines Kleinkindes durch die neonbeleuchteten Straßen und schien das nicht zu bemerken. Sie lächelte nach allen Seiten, bestaunte die vielen bunten Lichter, die grell geschminkten Mädchen und Transvestiten. Zurufe und Pfiffe der Männer ignorierte sie und wehrte manch ein gewagtes Angebot verblüfft ab.

Das wiederum veranlasste Mona Marie und mich, krampfhaft einen gewissen Abstand zu Carla zu bewahren. Wir waren uns dabei auch ohne Worte einig.

Irgendwann blieb sie plötzlich vor uns stehen und starrte hinüber auf die andere Straßenseite. Wir starrten ebenfalls, beide in banger Erwartung, was Carla dort so anziehend fand. Die Straße war nicht sehr breit und vor einem Lokal, über dessen Tür eine leuchtgelbe Neonbanane montiert war, stand ein großer Mann mit dem Nacken eines Rottweilers. Wie, um die breite Gestalt noch zu betonen, trug er ein großkariertes Jackett, dessen Ärmel von den Muskeln seiner Oberarme fast gesprengt wurden. Auch über Brustkorb und Bauch saß die Jacke so eng, dass die Knöpfe drohten, sich in tödliche Geschosse zu verwandeln. Winzig kleine Augen saßen in einem Gesicht, in dem eine breite, in der Vergangenheit wahrscheinlich mehrfach gebrochene Nase dominierte.

„Oh, oh!“, sagte Mona Marie. „Gegen den sieht ein wild gewordener Gorilla freundlich aus!“

Carla starrte den Kerl weiterhin fasziniert an und die Situation wurde peinlich, als Gorilla seinerseits zurückstarrte. Er öffnete seinen Mund, wie, um etwas zu sagen, klappte ihn dann aber nachdrücklich wieder zu, als eine hochgewachsene Blondine mit turmartig toupierten Haaren, rotem Minirock und ebenfalls roten hohen Stiefeln, deren Schäfte bei jedem Schritt wippten, auf ihn zukam. Sie sprach ihn an, und in diesem Augenblick streckte Carla ihren rechten Arm aus und deutete mit dem Zeigefinger auf das Paar. Das allein hätte ja eventuell noch toleriert werden können. Aber mit Jerichostimme posaunte sie über die ganze Straße: „Heinrich, ist das ein Zuhälter? Ich wollte schon immer mal einen sehen!“

Eine Schrecksekunde in der nun folgenden rotglühenden Stille war uns vergönnt. Dann setzte sich der Großkarierte in Bewegung. In unsere Richtung. Gefolgt von zwei Männern in schwarzen Anzügen. Gott weiß, wo die plötzlich herkamen! Ich hatte den Eindruck, wir sollten von einer Dampfwalze überrollt werden.

„Lauf!“, rief ich Mona Marie zu, die den gutgemeinten Rat sofort beherzigte. Im Gegensatz zu meiner Cousine hatte sie bequeme Schuhe an. Ich schnappte Carla am Arm und versuchte, sie mitzuziehen. Aber sie knickte auf ihren hohen Absätzen um. Nach ein paar Metern siegte endlich ihr Selbsterhaltungstrieb, sie blieb stehen, schlüpfte aus den Schuhen, ließ sie einfach liegen und lief in Strümpfen weiter.

Mittlerweile waren aus einem unerfindlichen Grund noch mehr Leute hinter uns her. Ich weiß nicht wie viele, aber dem Krach nach zu urteilen die halbe Nachtschicht der Reeperbahn. Wahrscheinlich schlossen sie sich nur an und wussten gar nicht, um was es eigentlich ging.

Wir rannten keuchend durch ein paar enge Gassen, schubsten einige Liebesdienerinnen beiseite, die sich dann wiederum der uns verfolgenden Meute anschlossen und überquerten dann eine breitere Straße. Vor dem Eingang eines dunklen Backsteingebäudes sah ich einige Polizisten in Uniform stehen. Ich reagierte sofort und lief auf sie zu. Wie unschwer zu erraten ist, handelte es sich bei dem Gebäude um die berühmte Davidswache. Über die dort diensthabenden Polizeibeamten kann man bestimmt behaupten, dass sie schon eine Menge gesehen haben, und ihnen nichts mehr fremd ist. Als sie jedoch die tosende Menschenmenge auf sich zuwalzen sahen, stoben sie auseinander wie Wüstensand im Wind. Dadurch hatten wir freie Bahn, rein durch die Tür und in die Wache.

Was nun folgte, spottete jeder vernünftigen Beschreibung und jede Sitcom Serie nahm sich dagegen aus wie ein Drama von Schiller. Alle redeten durcheinander und der Großkarierte stand zwar atemlos aber in kompromissloser Angriffsbereitschaft vor uns. Nach endlosen Debatten und nachdem sich herausgestellt hatte, dass Carla keine Repräsentantin des Hamburger Nachtlebens war, und schon gar keine konkurrierende, beruhigten sich die Gemüter zunächst. Jedenfalls für zwei Minuten. Erklären muss ich, dass man Mona Marie mit ihren damals streichholzkurzen Haaren und weitem Parka für einen Jungen hielt. Folgender Dialog ging den nächsten Ereignissen voraus.

Mona Marie an einen Polizisten: „Wo ist bitte die Toilette?“

Polizist: „Dahinten rechts, links ist für Damen!“

Mona Marie schulterzuckend: „Aha!“ Und sie stolzierte natürlich nach links.

Der Polizist war überlastet und verzweifelt. „Ich habe doch gesagt....“

Mit einem eleganten Hechtsprung wollte er Mona Marie den Weg zur Damentoilette abschneiden. In dem Augenblick ging die Tür auf und eine Frau trat heraus. Das heißt, sie wollte, wurde aber von dem eifrigen Beamten, der gerade mit Schwung ankam, umgerissen. Mona Marie wühlte sich stumm und mit zusammengepressten Lippen durch das Knäuel. Sie hatte es offenbar eilig. Woraufhin der Wachtmeister hinter ihr her schrie: „Für Damen! Nur für Damen!“

Das hörte eine weibliche Schönheit, eine perfekte Kopie von Marilyn Monroe in ihren besten Jahren. Sie stand am Waschbecken vor dem Spiegel und schminkte sich. Das heißt, sie versuchte es – bei näherem Hinsehen konnte man feststellen, dass dieser Verschönerungsvorgang fraglos notwendig war. Bei dem Versuch blieb es, da sie es vorzog entsetzt: „Spanner!“, zu kreischen, als sie Mona Marie mit ihrer uniformierten Begleitung sah, anstatt ihre Restaurationsarbeit fortzusetzen. Das Kreischen rief nun wiederum einen muskelbepackten Beschützer mit fettigen, schwarzen Haaren und tiefliegenden Augen auf den Plan, der von zwei weiblichen Hyänen mittleren Alters angegriffen wurde, die gerade ihre Kabinen verließen.

Um es kurz zu machen, die Bewohner von St. Pauli bildeten für kurze Zeit ein Knäuel mit der Davidswache und beide Parteien waren sich nach der Auflösung des Knotens einig, dass wir schnellstens das gastliche Viertel verlassen mussten. Unter Polizeischutz wurden wir zum Auto gebracht, wo uns noch schnell das Versprechen abgenommen wurde, so schnell hier nicht wieder aufzukreuzen.

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