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Der Straßenkünstler

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 20.08.2024, 10:43 – geändert Dienstag 20.08.2024, 10:44

Mit sechs war ich Straßenkünstler.
Ich saß am Rinnsal der Straße und fischte Schätze aus dem abfließenden Regenwasser. Meine Beute bestand aus Kronkorken, Steinsplittern und Ziegelbrocken, aber auch zerbrochene Kaffeetassen und Glasscherben waren dabei. So ergab sich, dass ich in kurzer Zeit eine ansehnliche Sammlung bunter Mosaiksteine besaß. Daraus bastelte ich Bilder. Aus nasser Erde und Sand formte ich die Basis meiner Kunstwerke. Von den grünen Scherben hatte ich am meisten, sie stammten von Bierflaschen. Spielerisch drückte ich meine bunten Schätze in die Erde und träumte davon, ein großer Künstler zu werden.
Alles wäre bestens gewesen, nur der Schutz meiner Bilder machte mir Sorgen. Ich konnte sie nicht mitnehmen – am nächsten Tag waren sie oft zerstört oder gedankenlos zertreten. Mitten in der Bilderwüste lagen leere Bierflaschen. Dann fing ich – wie so oft – von vorne an.

„Warum gibt es so viele Bierflaschen, fragte ich Vater.
„Bier ist ein Lebensmittel“, sagte er, „das macht satt, mutig und stark.“
Aha, dachte ich, wenn Bier starkmacht, dann weiß ich, wie ich meine Bilder in Zukunft vor Zerstörung schützen kann.

Dreißig Jahre später war ich wieder Straßenkünstler. Ich sammelte immer noch. Es waren wieder Flaschen, zunächst volle, dann leere. Volle fürs Gemüt – und die gesammelten Leerflaschen für die Einstandskasse. Einstand war das Wort für den Geldwert des ersten Bieres in der Kneipe. Für einen obdachlosen Alkoholiker wie mich war es wichtig, diesen Einstand irgendwie aufzutreiben. Das erste Bier des Tages war das wichtigste. Gelang dieser Kneipenstart nicht, musste ich weniger lukrative Begegnungen auf der Straße suchen. Dann saß ich auf der Bank und genoss die Langsamkeit des Tages. Ich suchte das Gespräch, aber niemand wollte mit mir reden. Die Leute machten einen Bogen um mich. In ihren Gesichtern las ich Unverständnis. Sie konnten nicht verstehen, dass ein junger Mann wie ich, der in ihren Augen nichts als ein willenloser Tagedieb war, in seinem Elend noch immer lachen konnte.

Müssen denn Sandler, Penner und Clouchards immer traurig sein? Es war beileibe nicht so, dass ich nur gelitten hätte, als ich mich aus dem Abfallkorb beim Würstelstand ernährte. Ich hatte viel Zeit und weil ich ohnehin keine Chance für mich sah, brauchte ich mich auch nicht anzustrengen …
Nein, ich hatte mein Lachen nicht verloren. Ich schaute den fleißigen Leuten zu, wie sie mit Aktenkoffern an ihre Arbeitsstellen hetzten, den Blick am Boden oder durch die Menschen durchschauend. Ich dachte: „Was sind das für arme Narren“, man konnte die Angst in ihren Augen sehen. Ich kannte das von mir, diese Angst, es nicht zu schaffen – und wenn es nur der Bus war, der ihnen vor der Nase wegzufahren drohte. Von diesen Ängsten war ich frei geworden. Ich hatte Zeit gewonnen, Zeit, um mich selbst anzunehmen – so wie ich war.

Der Volksmund sagt: 'Eigenlob stinkt grob.'
Das muss falsch sein, dachte ich und begann mich trotz widrigster Umstände zu loben und zu mögen. Ich hatte mich selbst entdeckt und meine Augen nach innen geöffnet. Plötzlich sah ich einen Hoffnungsstrahl, der zu einem kleinen Spalt in der Tür zur Hoffnung führte. Ich rannte nicht los. Ich besann mich, denn ich wusste aus bitterer Erfahrung: Rennen tut man nur ins Unglück – das Glück braucht Zeit.
Ich genoss es, die Dinge durch ein imaginäres Kaleidoskop zu betrachten und erfreute mich am bunten Chaos, das immer wieder neu entsteht. Ein Bild des zufälligen Durcheinanders. Mit Freude sah ich, wie einzelne Perlen ihre Richtschnur verließen und munter in die Freiheit rollten.

Ich streife die Hüllen des Alters ab und erinnerte an die Zeit, als ich ein kleiner Junge war. Mein Spielplatz war die Straße – so wie heute.

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