Als Parfüm noch ein Eigenleben hatte
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Feierabend-Mitglied
gestern, 16:45
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Früher waren Parfüms anders. Man trug sie nicht einfach, man schloss mit ihnen eine Art Lebensgemeinschaft.
Eines davon hieß LouLou. Ein winziger Tropfen genügte, und schon hatte der Duft beschlossen, ein Eigenleben zu führen. Die Bluse roch danach, der Mantel roch danach, der Kleiderschrank roch danach. Selbst Wochen später, wenn die Kleidung längst gewaschen und gebügelt war, meldete sich LouLou noch einmal zu Wort.
Damals schien jede zweite Frau diesen Duft zu tragen. Er war süß, schwer und unverwechselbar. Wer ihn benutzte, hinterließ nicht nur einen Eindruck, sondern eine Duftspur.
Man konnte oft schon am Duft erkennen, wer zur Tür hereinkam. Bevor die Person erschien, war ihr Parfüm längst da.
Heute sehe ich das anders.
Vielleicht liegt es am Alter, vielleicht an der Erfahrung. Jedenfalls möchte ich keinen Duft mehr, der vor mir den Raum betritt. Ich suche keinen, der ruft:
"Hier bin ich!"
Ein gutes Parfüm sollte heute für mich eher flüstern.
Es darf angenehm sein, frisch, vielleicht ein wenig grün wie ein Garten nach einem Sommerregen. Vor allem aber sollte es zu mir passen. Nicht zu einem Werbeplakat, nicht zu einem Modetrend, sondern zu der Frau, die ich geworden bin.
Früher fragte man:
"Welches Parfüm tragen Sie?"
Heute freue ich mich mehr, wenn jemand sagt:
"Sie riechen immer so angenehm."
Das ist für mich der Unterschied.
Früher trug ich einen Duft.
Heute soll der Duft mich tragen.
Ja, genau. Er soll nach mir selbst riechen. Lach.
Das ist meiner Meinung nach überhaupt das Geheimnis eines guten Parfüms. Man soll nicht sagen:
"Oh, sie trägt dieses oder jenes Parfüm."
Sondern:
"Monika riecht immer so angenehm."
Dann hat der Duft gewonnen.
LouLou war damals eher das Gegenteil. LouLou betrat den Raum zuerst, und die Trägerin kam fünf Sekunden später hinterher. Schmunzel.
Das war die Zeit der großen Schulterpolster, der kräftigen Frisuren und der ebenso kräftigen Düfte.
Irgendwann entdeckte ich andere Düfte. Düfte, die nicht mehr laut sein wollten. Einer davon war Libre. Vielleicht gefiel er mir gerade deshalb so gut, weil er ein Kompromiss war. Nicht so überwältigend wie LouLou, aber auch nicht so zurückhaltend, dass man ihn nach kurzer Zeit vergaß.
Doch je älter ich wurde, desto stärker wurde der Wunsch nach etwas anderem.
Nicht nach mehr Duft.
Nach mehr Echtheit.
Vor einiger Zeit fiel mein Blick auf ein kleines grünes Fläschchen.
Schon das Fläschchen wirkte anders. Kein Gold, kein Glamour, kein großes Versprechen. Nur dieses zarte Grün, ruhig und unaufgeregt.
Und plötzlich dachte ich: Genau so.
LouLou sagte:
"Hier bin ich!"
Libre sagte:
"Schau ruhig einmal her."
Der grüne Tee-Duft dagegen schien nur zu sagen:
"Ich bin da."
Mehr nicht.
Er erinnert mich an frisch gebügelte Wäsche, an einen Garten nach dem Regen, an offene Fenster an einem Sommermorgen und an einen Blumenstrauß, der ganz selbstverständlich auf dem Tisch steht.
Vielleicht ist das überhaupt der Unterschied zwischen den Jahren.
Früher wollte man oft zeigen, wer man sein möchte.
Heute genügt es, zu wissen, wer man ist.
Mit fünfundsiebzig muss man niemandem mehr etwas beweisen. Da darf ein Duft ruhig sagen:
"Hier bin ich. Gepflegt, natürlich und ganz ich selbst."
Das ist oft viel eleganter als jede Duftwolke.
Und so denke ich manchmal, dass es bei Parfüm eigentlich gar nicht um Parfüm geht.
Es geht um Persönlichkeit.
Um Erinnerungen.
Um das, was von einem Menschen bleibt.
Früher trug ich einen Duft.
Heute trage ich ihn eigentlich nicht mehr.
Heute soll er sich einfach zu mir setzen wie ein alter Freund. Leise, unaufdringlich und vertraut. Und wenn jemand fragt, welches Parfüm das ist, dann hat es vielleicht schon ein wenig verloren.
Viel schöner ist es doch, wenn jemand einfach sagt:
"Monika riecht immer so angenehm."
Dann hat nicht das Parfüm gewonnen.
Dann ist aus Duft ein Stück Persönlichkeit geworden.