DÄMMERUNG GUSTL
Von
egalis
heute, 19:56
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Gustl war eine Frau im hohen Alter, die ich bei vielen Spaziergängen begleitete, mit ihr manches Mal im Café saß, die mir berichtete, wie es ihr im Laufe ihres Lebens ergangen ist. Dass ihre frohe Helligkeit abhanden kam und die Geschehnisse sie in eine Dämmerung versetzte, die fast ihr ganzes Leben angehalten hat. Mal mehr, mal weniger dunkel.
Sie war ein munteres kleines Mädchen von vier oder fünf Jahren, als das erste unliebsame Erlebnis über sie hereinbrach. Die nicht miteinander verwandten, mit im Hause wohnenden Familien waren befreundet. Die Erwachsenen duzten sich und die Kinder sagten Onkel und Tante, waren in jeder Familie gerne mit den Nachbarkindern zusammen. Trafen sich schon morgens beim gemeinsamen Frühstück und bei dem älteren, kinderlosen Ehepaar war Gustl besonders gern. Tante und Onkel waren wegen ihrer Großzügigkeit beliebt. So durfte Gustl auch auf der Besuchsritze zwei Nächte bei dem Ehepaar schlafen. Irgendwann in der zweiten Nacht sei sie aufgewacht und habe mit Entsetzen festgestellt, dass sich eine Männerhand zwischen ihren Beinen zu schaffen machte. Sie hatte die Hand mit Erfolg, aber mit zittriger Hand abgewehrt. Ihr Vertrauen zu den Leuten war dahin. -
Dann, als sie 6 Jahre alt war: Ein vergnüglicher Familiennachmittag fand statt. Man hatte sich im weitläufigen Garten versammelt und sah einem jüngeren Onkel und der kleinen Gustl zu, die sich ihrem Lieblingsspiel hingaben: Gustl als Flugzeug fliegen lassen. Dazu griff der Onkel nach dem linken Arm und dem linken Bein und drehte sich mit dem Mädel, das eine gewisse Höhe bei dem Schwung bekam und begeistert war. Nach einer kurzen Verschnaufpause ging es rückwärts herum, so dass der Rock hochflog und der Po sichtbar wurde, bekleidet mit einem Schlüpfer, von der Oma mit einem wunderbaren Lochmuster gestrickt. Das gab Gelächter und Zurufe der Verwandtschaft, die das Mädchen zutiefst trafen. Die Fliegerei wurde eingestellt. Mit hochrotem Kopf und weinend sei sie durch die Gruppe davongelaufen, erzählte sie. Geflogen wurde nie wieder. Sie schämte sich maßlos.
Ein anderes Mal war sie mit ihren Eltern zu deren Freunden aufs Land gefahren. Dort sollte auch übernachtet werden. Der Sohn der Freunde war ein paar Jahre älter als Gustl, da aber beide so jung waren, konnten sie zusammen in einem Bett schlafen, so die Meinung der Eltern. Jürgen war wohl im Entdeckeralter und Gustl ein willkommenes Objekt, das er untersuchen wollte. Auch hier wehrte sie sich nach Kräften - mit Erfolg. Trotzdem verstanden die beiden sich gut, waren lange Jahre befreundet. Verbrachten auch Schulferien miteinander, während derer Gustl bei den Freunden auf dem Bauernhof war. Jürgen hat ihr nie nachgetragen, dass sie ihm während der Ferien zu einer schiefen Nase verholfen hat, als er sie zum Bickbeerpflücken vor sich auf die Fahrradstange steigen ließ und ihr einschärfte, nur ja nicht mit der Hacke in die Speichen zu kommen, was sie aber dementgegen ausprobierte. Jürgen landete auf einem Feldstein: Nase gebrochen, sie selber sah nur noch Sterne und Schwärze um sich herum: Gehirnerschütterung.
Die heranwachsene Gustl hat die Männerwelt mit Argwohn betrachtet. Selbst während ihrer Lehrzeit konnte der Juniorchef sie nicht überzeugen: Wenn sie weiter so abweisend wäre, bekäme sie nie einen Mann...
Spätere männliche Bekanntschaften bereicherten dann doch ihr Leben. Die Dämmerungen ihrer jungen Jahre hat sie nie vergessen, wie sie glaubhaft versicherte, wurde dennoch einige Male sehr enttäuscht. Einmal so sehr, dass Freunde ihr aus einem tiefen Loch heraushelfen mussten. Zu guter Letzt fand sie einen Gefährten, mit dem sie bis zum Ende seines Lebens zusammenblieb und der ihr noch in der Erinnerung alle Dämmerungen ihres bisherigen Daseins vertrieb und sie mit hellem Gedenken zurückgelassen hat.
Ihre Geschichte durfte ich verwenden.
Gustl lebt nicht mehr...
ebd