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Der Verlobungsring

Von Feierabend-Mitglied Freitag 30.10.2026, 06:46

Schicht um Schicht arbeitete ich mich durch den Komposthaufen. Wie immer kamen dabei die seltsamsten Dinge zum Vorschein: Coladosen, Bonbonpapier und unzählige Metallringe von Getränkedosen, die in der Morgensonne silbern glitzerten. Viele davon landeten aufgespießt auf meiner Grabegabel und anschließend im bereitgestellten Abfalleimer.

Fast war ich am Boden des Komposthaufens angekommen, als wieder etwas aufblitzte. Gedankenlos spießte ich den vermeintlichen Dosenring auf und wollte ihn gerade entsorgen.

Da hielt ich inne.

Dieser Ring war anders.

Er glänzte nicht silbern, sondern golden.

Neugierig streifte ich ihn von der Gabel und begann, den Schmutz abzureiben. Meine Hände steckten in dicken Gartenhandschuhen, dennoch putzte ich vorsichtig die Erde und die verrotteten Pflanzenreste ab.

Plötzlich stockte mir der Atem.

Das war kein Dosenring.

Das war mein Verlobungsring!

Ungläubig starrte ich auf das kleine Goldstück in meiner Hand. Ich wischte die letzten Erdreste ab und erkannte sofort die Gravur.
Kein Zweifel.
Monate lang hatte ich ihn gesucht, ach was sage ich, viel länger hatte ich ihn gesucht. Jeden Schrank, jede Schublade, jede Jackentasche hatte ich durchforstet. Ich war auf Knien durch die Küche gerutscht, hatte unter Möbel geschaut und sogar den Staubsaugerbeutel kontrolliert.
Vergeblich.
Irgendwann hatte ich mich schweren Herzens damit abgefunden, dass er für immer verschwunden war.

Tatsächlich hielt ich meinen verloren geglaubten Verlobungsring wieder in den Händen.

Sofort dachte ich an den Tag zurück, an dem er verschwunden war.
Ich erinnerte mich noch genau an den Tag seines Verschwindens. Vor der Haus- und Gartenarbeit hatte ich den Ring ausgezogen und neben das Abwaschbecken in der Küche gelegt. Dort war er zuletzt gewesen.
Als ich zurückkam, war er weg.
Spurlos.
Natürlich hatte ich alle verdächtigt. Die Kinder, die vielleicht damit gespielt hatten. Die Katze, die alles Mögliche vom Tisch schubste. Sogar mich selbst, weil ich ihn womöglich an einen anderen Platz gelegt und wieder vergessen hatte.
Am Abend begann die große Sucherei.

Und da legte meine älteste Tochter ein Geständnis ab.

Sie hatte den Ring beim Abwasch neben dem Spülbecken gefunden. Neugierig hatte sie ihn auf ihren Finger gesteckt. Anschließend war sie hinausgegangen, um die Kaninchen zu füttern.
Dabei musste der Ring von ihrem Finger gerutscht sein. Er war ihr viel zu groß gewesen.
Als ihr einfiel, dass sie ihn getragen hatte, war es bereits zu spät.
Gemeinsam suchten wir den gesamten Kaninchenstall ab. Wir durchkämmten den Auslauf, den Garten und alle Wege, auf denen sie unterwegs gewesen war. Selbst zwischen Stroh, Futterresten und Einstreu suchten wir.
Vergeblich.

Der Ring blieb verschwunden.

Irgendwann gaben wir auf.

Jahre vergingen.

Die Kaninchen waren längst nicht mehr da. Der Vorfall wurde zu einer jener Familiengeschichten, die man gelegentlich erzählte und mit einem bedauernden Kopfschütteln beendete.

Und nun stand ich hier am Komposthaufen.
Hatte Küchen- und Gartenabfälle, Regen, Frost und Verrottung überstanden und war trotzdem wieder aufgetaucht. Unglaublich!
Ich hielt den Ring in den Händen, den ich mitten aus dem Komposthaufen gefischt hatte, mit schmutzigen Gartenhandschuhen.

Einer Grabegabel in der Hand.

Und dem Ring in der anderen.

Offenbar war er damals zusammen mit dem Mist aus dem Kaninchenstall auf den Kompost gelangt. Dort hatte er zwischen Gras, Laub, Gemüseabfällen und Erde die Jahre verbracht.
Ich musste laut lachen.
Zwei oder drei Jahre hatten wir überall gesucht.
Der Ring hingegen hatte die ganze Zeit geduldig im Kompost gelegen und gewartet.
Als wollte er sagen:
„Nun regt euch nicht so auf. Ich war doch die ganze Zeit im Garten.“

Und so brachte ausgerechnet der Komposthaufen eines Morgens mehr Gold hervor, als manch Goldgräber in seinem ganzen Leben findet.





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