Deutsche Sprache, Plattdeutsch und Ruhrpottdeutsch
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 21.10.2025, 08:25
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Ich kam im September 1952 im Ruhrgebiet zur Welt.
Aufgewachsen bin ich bei meiner Urgroßmutter, Hulda Hedwig Peters, geboren am 22. April 1893 in Witten, was auch später meine Heimatstadt wurde.
Die Schulbildung um das Jahr 1900 kann man wohl kaum mit unserer Schulzeit vergleichen. Und erst recht nicht mit der Art, wie Schüler heute diese Zeit erleben. Es gibt keine Tafeln mehr, auf die mit Kreide geschrieben wird, schon unsere Kleinsten wissen, wie man mit Handy und Tablet in Windeseile findet, was man wissen oder mitteilen möchte.
Wenn ich an die Omi denke, sehe ich sie auf ihrem Stuhl neben dem Küchenschrank, ein Buch auf dem Tisch und geichzeitig srickte sie an irgendwelchen Socken, klick, klick, klick.... Bis heute verstehe ich nicht, wie man gleichzeitig lesen und stricken kann. Sehr viele Jahre später entstanden die Socken dann vor dem Fernseher.
Lesen war ihre große Leidenschaft, alle paar Tage lieh sie sich mehrere ihrer so heißgeliebten Liebes-, Arzt-, oder Heimatromane aus. Das Schreiben ging dann nicht ganz so flott, wenn sie einen Brief an ihre Schwester in Schleswig-Holstein schicken wollte. In Sütterlin natürlich.
Als dann Englischunterricht auf meinem Stundenplan stand, habe ich die Omi gebeten, mir doch bitte die Vokabeln abzuhören. Nach dem zweiten Versuch gab ich auf.
Bis Anfang der 60er Jahre unterhielt sich die ältere Generation grundsätzlich nur in Plattdeutsch. Für mich war es normal. Aber mit mir sprach man „Hochdeutsch“. Mit „MIR“ und „MICH“ hatten so einige ältere Leute oft Schwierigkeiten, hatte man doch den größten Teil des Lebens nur Plattdeutsch geredet.
Mit mir und mich vertue ich mir nicht, dat kommt bei mich nich vor, Tante hassen Strick bei Dich, der Hund, der will nicht mit mich mit. Den Satz habe ich oft gehört. Oder gedacht.
Ich habe mich oft gefragt, warum man so plötzlich kein Platt mehr sprach. Irgendwann hörte man nur noch Hochdeutsch.
Ich liebe dieses Plattdeutsch, noch heute verstehe ich es einigermaßen, aber sprechen kann ich es gar nicht. Bis zu seinem Tod vor 30 Jahren habe ich einen lieben Bekannten gebeten, doch Platt mit mir zu reden, wenn er uns in Paris, wo ich lange gelebt habe, angerufen hat.
Der Vater meiner Kinder hat hier im Ruhrgebiet studiert und anschließend auch einige Jahre gearbeitet, bis wir nach Paris gezogen sind.
Er war noch nicht lange in Bochum, als ein sehr netter junger Mann aus Gelsenkirchen dem Franzosen ganz lieb erklärte, dass man sagt: „Jetzt isser WECH“, wenn jemand nicht mehr anwesend ist. Wech mit ch. Für Gelsenkirchen und den Ruhrpott ganz normal. Jacques hat es dann aber so gesprochen und geschrieben, wie man es ihm im Deutschunterricht beigebracht hatte.
Oft habe ich in den Straßen von Paris heimatliche Töne gehört. Ein gutes Gefühl. Und immer wieder habe ich Leute überracht, indem ich ihnen sagte, sie seien aus dem Pott. „Wie? Hört man das?“ Ja, als Kind aus dem Pott weiß man es sofort.
Allerdings habe auch ich mir eines Tages diese Frage gestellt. Niemand kam jemals auf die Idee, dass meine Wiege im Pott gestanden hat. Aber eines Tages kam mein ältester Sohn aus der Schule, schaute mich an und meinte: „Mami, Du hast gerade mit dem Pott telefoniert.“ Mich hat es umgehauen. Ich hatte tatsächlich kurz vorher mit jemandem aus der Heimat gesprochen. Mein Sohn meinte dann aber, es sei nur kurze Zeit nach diesem Gespäch gewesen, dann hätte ich „wieder normal geredet“.
Seit einigen Jahren lebe ich wieder in Witten. Ich war gerade erst seit kurzer Zeit zurück, als ich über den Rathausplatz lief, vorbei an einer Bank, auf der eine ältere und eine jüngere Frau saßen mit einem kleinen Mädchen, ca. 2 Jahre. „Komm, tu die Omma ma ei machen.“ Da wusste ich es mit ganz großer Sicherheit: Ich bin wieder zu Hause! Im Pott!